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Aus der jüdischen Welt | Beitrag vom 04.09.2020

Restaurierung der früheren Görlitzer SynagogeStädtisches Kulturzentrum - mit oder ohne Davidstern?

Von Blanka Weber

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Das Kuppeldach der renovierten Synagoge in Görlitz. (Deutschlandradio/ Blanca Weber)
Die Görlitzer Synagoge hat als einziger jüdischer Sakralbau in Sachsen die Pogromnacht am 9. November 1938 ohne Schaden überstanden. Inzwischen war sie aber sanierungsbedürftig geworden, in den vergangenen Jahrzehnten wurde sie wieder in Stand gesetzt. (Deutschlandradio/ Blanca Weber)

Im sächsischen Görlitz wird bald der ehemalige Synagogenbau wiedereröffnet. Eigentlich nicht ungewöhnlich, doch hier gibt es kein jüdisches Leben mehr. Dafür wird darüber gestritten, ob ein Davidstern auf die Kuppel soll - oder lieber nicht.

Die letzten Handgriffe werden gerade erledigt, Farbfassungen um Türrahmen gestaltet. Restauratoren gehen nochmals die Details durch - und auch Ute Prechel - vom Bauamt der Stadt Görlitz - ist beim Blick auf die Farben begeistert: "Der Jugendstil, der hat ein Farbspiel, das ist grandios. Und ich habe manchmal nicht geglaubt, dass die Farben, die der Restaurator auf seinen Farbkarten hatte, dann am Ende zusammenpassen. Also es ist immer ein Erlebnis gewesen."

Die Kuppel drohte einzustürzen

Seit 1994 begleitet sie die Baustelle- ein Auf und Ab. Es sei  die zeitlich "längste" Baustelle der Stadt, sagt sie: 

Damals drohte die Kuppel einzustürzen, verschiedene Teile seien schon eingestürzt gewesen. "Es war ein furchtbarer Zustand, in dem das Gebäude war - kurz nach der Wende. Und es gab viele Menschen, die sich dafür engagiert haben, viele Menschen, die Geld dafür gegeben haben - deswegen steht das Gebäude eigentlich noch, als einzige in Sachsen ursprünglich erhaltene Synagoge."

Der imposante Bau stammt aus dem Jahr 1911, damals mit einer großen Stahlbetonkuppel errichtet - mit 26 Meter Durchmesser.  Ein moderner Bau von Dresdner Architekten.  Warum die Feuerwehr damals in der Nacht vom 9. November 1938 hier einen Löscheinsatz startete und sich einem gegenteiligen Befehl widersetzte - darüber kann heute nur spekuliert werden. 

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Doch eines fehlt bis heute auf der Kuppel: der einstige Davidstern.

Am Morgen nach der Pogromnacht "ist jemand hochgestiegen und hat ihn runtergeholt und dann wurde er unter großem Johlen zertrümmert auf der Straße", erklärt Markus Bauer, Vorsitzender des Förderkreises "Görlitzer Synagoge". Es gebe darüber auch Berichte. "Die Zeitung hat darüber geschrieben und sich darüber gefreut, dass jetzt dieser 'Schandfleck' aus der Stadt endlich verschwunden ist."

Markus Bauer und viele Mitstreiter machen sich derzeit stark dafür, dass jetzt wieder ein Davidstern auf das Dach kommen soll.

Der Innenraum der Synagoge mit seinen Säulenelementen.  (Deutschlandradio/ Blanca Weber)Der Innenraum bietet Platz für unterschiedliche Veranstaltungen, welche bereits in Planung sind. (Deutschlandradio/ Blanca Weber)

Doch, weil das Gebäude künftig für viele unterschiedliche Veranstaltungen genutzt werden soll, streiten sich hier die Geister, wie Markus Bauer berichtet:  "Es geht in erster Linie darum, dass bestimmte Nutzungen nicht ausgeschlossen werden sollen und da gibt es offenbar einige in der Stadtverwaltung, die der Meinung sind, dass ein Davidstern möglicherweise Grenzen setzt."

Früher ein blühendes jüdisches Leben

Die Synagoge ist heute kein geweihter Ort mehr und befindet sich in städtischer Hand. Künftig soll sie für sehr verschiedene Zwecke genutzt werden, sagt Ute Prechel: "Es wird ein Haus der Begegnung, ein Haus der Geschichte und der Lehre und Kultur."

Allerdings sei man offen, betont sie - wenn es Bedarf gebe, so könnten auch Vertreter jüdischer Gemeinden hier beten. Der kleinere Nebenraum war früher schon "Wochentagssynagoge" - derzeit wird er wieder aufgebaut: Es gibt eine Bima, Menorah und einen Tora-Schrein mit Vorhang  - so wie es früher auch war - vor 1938.  

"Also all das, was man sich unter einem jüdischen Raum vorstellen kann", so Ute Prechel.

Es braucht Gefühl, um Synagogen aufzubauen

Einer, der sich dafür stark gemacht hatte, war Alexander Nachama. Er war Rabbiner der Jüdischen Gemeinde in Dresden und half auch beim Wiederaufbau der Synagoge in Görlitz mit. Denn auch für ihn ist dieses einzigartige Gebetshaus etwas Besonderes.

"Man bekommt so einen kleinen Eindruck, wie Synagogen eben vor dem Zweiten Weltkrieg waren, wie sie aussahen, was für eine Atmosphäre es dort gibt", sagt Nachama. "Das hat mich immer sehr begeistert."

Er half beim Übersetzen von Inschriften, bei der Frage, wie man Räume auch aktiv für jüdisches Leben nutzen kann - auch zum Beten. Für Juden aus aller Welt. 

"Es ist am Ende etwas, das doch eben gerade dieses Gefühl vermitteln kann, wie jüdisches Leben in Deutschland ausgesehen hat - eben auch in Görlitz, wo man sich heute gar nicht mehr vorstellen kann, dass es dort eine größere jüdische Gemeinde gegeben hat", so Nachama. "Aber eben auch dort." 

Heute keine Gemeinde mehr

"Es war damals eine reiche Gemeinde hier, - so wie es erzählt wird", sagt Lauren Leidermann, die vor einem Jahr nach Görlitz kam. Sie stammt aus den USA, ihr Mann - ein Arzt - aus Israel. Gemeinsam mit ihrem kleinen Sohn sind sie derzeit die einzige Familie in Görlitz, die dem Judentum nahesteht. Über das frühere jüdische Leben erzählt sie weiter: "Es gab ein Badehaus, einen koscheren Fleischer, eine Mikwe, eine Synagoge mit einer Jeshiwa im alten Quartier - noch heute nennen wir den Ort Jüdenstraße."

Heute gibt es keine Gemeinde - dafür viele Spuren in die Vergangenheit. Und manch eine, sagt Lauren Leidermann, blieb bislang schlicht unbemerkt: "Die Recherchen haben gezeigt, dass es eine Verbindung der Anne-Frank-Familie zur Goldberg-Familie nach Görlitz gab, die sich nach Amerika retten konnte."

Nicht immer waren alle begeistert über die Aktivitäten der jungen Frau, berichtet sie.

"Das Beeindruckendste für mich ist nicht nur, was es hier alles gab, sondern diese Beziehung zu den Nachkommen weltweit." Noch!  Denn erst vor wenigen Tagen starb eine der letzten legendären Zeitzeugen: Gerti Totschek-Colbert in New York. Im kommenden Jahr soll für sie ein Stolperstein verlegt werden.

Doch nicht nur die Geschichte des Ortes interessiert Lauren Leidermann  - auch die Gegenwart. Görlitz ist eine geteilte Stadt und nebenan - im polnischen Teil - gibt es heute noch jüdische Menschen, allerdings im Verborgenen, sagt sie.

"Mir wurde erzählt, dass sie eher nicht über ihre ethnische Herkunft reden wollen, denn dort gibt es - nach wie vor - Antisemitismus in Zgorzelec und allgemein in Polen."

Am Geld soll es nicht scheitern

Dass es politisch keine leichten Zeiten sind, weiß auch der Oberbürgermeister von Görlitz, Octavian Ursu. Der gebürtige Rumäne ist von Beruf Musiker und für die CDU aktiv.  Den größten Anteil im Stadtrat hat allerdings nicht seine Partei, sondern die AfD mit 13 Sitzen. Wie ist es also, unter diesen Vorzeichen über einen Davidstern auf der Kuppel einer Synagoge zu diskutieren?

Octavian Ursu sagt: "Es ist generell etwas komplizierter geworden, weil wir einfach mehrere Fraktionen im Stadtrat haben. Es gibt keine klare politische Mehrheit - es ist oft auch themenbezogen." 

Im Stadtrat wolle man jetzt das Thema diskutieren und am Geld solle es nicht scheitern, meint Octavian Ursu.

"Ich sehe ihn persönlich als eine Vervollständigung eines Denkmals. Ich denke, der gehört einfach zum Gebäude dazu", sagt Ursu mit Blick auf die Frage, ob ein Davidstern auf die Kuppel soll.

Es sind zuversichtliche Worte des Stadtoberhauptes, die auch eine breite Öffentlichkeit mitträgt. Doch wie viele sind es? Die Diskussion um ein Für oder Wider hat gerade erst begonnen.

Einen Eindruck von der restaurierten Synagoge bekommen Sie in diesem Video.

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