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Fazit | Beitrag vom 03.12.2019

Restauriertes Wandmosaik in ErfurtEin Stück DDR-Zeitgeschichte ist wieder da

Von Henry Bernhard

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Arbeiter installieren ein Segment des Mosaik-Wandgemäldes "The Relationship of Humanity to Nature and Technology" (1980-1984) des spanischen Künstlers Josep Renau (1907-1982) in Erfurt. (AP/ picture alliance/ Jens Meyer)
Nach vier Jahren Restaurierung ist das große Mosaik nach Erfurt zurückgekehrt. (AP/ picture alliance/ Jens Meyer)

Die Stadt Erfurt hat ein Stück ihrer Geschichte wiederbekommen. Ein riesiges Wandmosaik des Künstlers Josep Renau wurde feierlich übergeben. Dass es wiederhergestellt werden konnte und nicht entsorgt wurde, ist engagierten Bürgern zu verdanken.

68.000 Glasmosaiksteine in 32 Farben zieren das farbenprächtige Wandmosaik von Joesep Renau am Moskauer Platz in Erfurt. Das Kunstwerk ist dreißig Meter lang, sieben Meter hoch und fließt um eine abgerundet Ecke. Es zeigt den Menschen zwischen Natur und Technik. Ganz links sieht man einen Dschungel, in der Mitte steht der Mensch, der von der Natur nimmt, aber auch Neues schafft. Rechts sind moderne Fabriken zu sehen, die wie ein Lichtstrahl in die Zukunft weisen.

Als Referenz an die DDR-Staatsflagge ist ein Zirkel eingearbeitet. Die beherrschte Natur wird eher als Chance denn als Konflikt dargestellt. Die Fortschrittsgläubigkeit der 70er Jahre, die Ost und West gemein war, ist hier noch völlig ungebrochen.

Keine simple Allegorie auf den Sieg des Sozialismus

Auch wenn das Wandbild des spanischen Kommunisten Renau in der DDR beauftragt und 1984 dort fertiggestellt wurde, so sei es doch keine der damals allgegenwärtigen Allegorien auf den unumkehrbaren Sieg des Sozialismus, findet Philip Kurz, Geschäftsführer der Wüstenrot Stiftung, die die Restaurierung in Auftrag gegeben hatte: "Es gibt das berühmte Zitat: 'Ich male nicht für das Zentralkomitee und ich male auch nicht für die Partei; ich mal für die Leute!' Auf dem Bild sind die Motive Technik und Natur - und dass der Mensch sich die Technik und die Natur zunutze macht, um ein besseres Leben zu haben." Demnach hat Renau gesagt: "Nicht der Sozialismus macht das bessere Leben, sondern die Natur und die Technik machen das bessere Leben, wenn wir sie richtig benutzen", so Kurz.

Er habe natürlich einen Auftrag gehabt, denn in der DDR seien die Inhalte der Kunst festgelegt worden und der Künstler durfte die dann ausgestalten, wie er es für richtig empfunden habe, erklärt Kurz. "Renau hat das ein bisschen umgangen, indem er den Menschen eingesetzt hat, wo eigentlich Sozialismus stand. Das finde ich eine ganz schöne Geschichte." Das sei wirklich eine ganz wichtige Sache der Kulturgeschichte des zwanzigsten Jahrhunderts, dass es Bilder wie dieses gebe, so Kurz weiter.

Ein Krahn hebt einen Teil des großen Wandmosaiks an die richtige Stelle. (ZB/ dpa/ Martin Schutt )Bis zu seiner Restaurierung war das Kunstwerk in Containern eingelagert worden. (ZB/ dpa/ Martin Schutt )

Die Wüstenrot Stiftung hat über drei Viertel der 800.000 Euro für die Restaurierung, Wiederherstellung und Neupräsentation des 210 Quadratmeter großen Wandmosaiks im Erfurter Plattenbaugebiet gezahlt. Es ist ein Großprojekt für die Stiftung, die Kulturgüter der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts retten will, deren Erhaltungswürdigkeit oft noch in Frage steht und die deshalb besonders gefährdet sind.

Anwohner freuen sich über das Kunstwerk

Das Erfurter Wandmosaik mit dem Titel "Die Beziehung des Menschen zu Natur und Technik" war vor zehn Jahren demontiert und provisorisch eingelagert worden, da das Kultur- und Freizeitzentrum, an dem es angebracht war, abgerissen wurde. An der gleichen Stelle steht nun ein eingeschossiges Einkaufszentrum, das an banaler Einfallslosigkeit nicht zu überbieten ist. Es stellt den Hochhäusern ringsum, die nach 1990 mühsam aufgehübscht worden, billige Schäbigkeit entgegen und bietet dem Auge keinen Halt.

Umso mehr genießen die Anwohner, die heute zu Hunderten zur Eröffnung kamen, die Wiederinstallation des vertrauten Wandbildes vor einer Ecke des Einkaufszentrums. "Ich kenne es noch aus alten Zeiten, wo es noch am alten Gebäude war", sagt ein Einwohner. Er habe nicht gedacht, dass sie es wieder zustande bringen. "Das ist DDR Geschichte. Das gehört einfach dazu. Ich finde das wunderbar."

Eine Passantin erzählt: "Das sind Erinnerungen von früher, wie es früher hier auch war. Jetzt ist es ganz schön toll, finde ich." Eine andere Frau teilt die Einschätzung: "Das ist sehr schön. Es war ja schon zu DDR-Zeiten hier und da haben sich das sehr viele angeguckt." Ihr habe es immer sehr gut gefallen und sie habe es vermisst, sagte sie.

Ein Besucher erklärt: "Sieht besser aus als das Erste, das an der Wand angebracht war." Jetzt sei es hervorgehoben. Eine andere Passantin meint: "Das verbindet mit der DDR, wir sind hier groß geworden." Sie finde das Bild sehr schön. Ein Mann stimmt dem zu: "Da kommt ein bisschen Farbe in die eintönige Betonlandschaft. Es ist auch ein schönes Bild, das etwas darstellt und auch etwas aussagt." Und eine andere Besucherun ist froh, "dass sie das Bild restauriert haben. Das ist Kunst und Geschichte zusammen."

Stadt und Bürger hatten sich für Wiederaufbau stark gemacht

Dass das Mosaik überhaupt eingelagert und nicht zerstört wurde, wie es nach 1990 an vielen Orten im Osten geschehen ist, ist Anwohnern, Denkmalpflegern und Schülern von Renau zu verdanken. Die Wiederinstallation hat zwei Jahre länger gedauert und doppelt so viel gekostet wie geplant. Mosaikstein für Mosaikstein musste das Bild behandelt werden. Das Trägermaterial war brüchig geworden, die Steine hatten sich gedehnt, die Kaschierung zum Schutz der Steine hatte sich durch die lange Lagerung mit dem Glas verbunden. Das Glas war oft gerissen.

Glasmalermeisterin Raphaela Knein, die das Bild mitrestauriert hat, ist nun optimistisch für die Haltbarkeit: "Sicherlich hält es die nächsten hundert Jahre, das ist ein Glas. Es ist jetzt komplett gefestigt. Die Risse sind mit einem Epoxidharz geklebt. Es ist mit einem Mörtel verfugt." Bei anderen Mosaiken sehe man, das sie witterungsbeständig sind. "Das können sie jetzt ohne Probleme Jahrzehnte da hängen lassen", meint Knein.

Auch die Stadt Erfurt hat sich sehr für den Wiederaufbau des Mosaiks engagiert. Tobias Knoblich (parteilos), der Beigeordnete für Kultur, sieht das auch als ein Zeichen, das in andere Städte im Osten wirken könnte, wo Kunstwerke am Bau der Rettung und Wahrnehmung harrten: "Weil es mich schon lange gestört hatte, dass man über Künstler und Künstlerinnen in der DDR abfällig gesprochen hatte. Georg Baselitz, ich zitiere es immer wieder gern, nannte Künstler in der DDR 'Arschlöcher'." Und das sei eben lange nicht alles, was zur Kulturgeschichte der DDR gesagt werden könne.

Ähnlich sieht es Kunsthistoriker und Renau-Kenner Oliver Sukrow von der Technischen Universität Wien: "Durch die Verknappung der Kunstwerke im öffentlichen Raum aus der DDR-Zeit, die wir heute beklagen müssen, sind natürlich solche Beispiele wie dieses Renau-Bild etwas ganz Besonderes." Deswegen habe man einen verschärften Blick trotz dreißig Jahren Abstand. Das sei immer in der Geschichtsforschung so eine Generation, die es brauche, um historische Phänomene ganz anders zu betrachten. "Wir sind jetzt genau an so einem Wendepunkt, wo eigentlich der städtebauliche, aber auch der ästhetische, vielleicht auch der technische Wert von solchen Wandbildern ganz neu betrachtet wird."

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