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Thema / Archiv | Beitrag vom 29.08.2011

Ressourcen-Experte: Die Dimension "Mensch" darf nicht fehlen

Reller fordert mehr soziale Verantwortung bei der Suche nach neuen Rohstoffen

Moderation: Ulrike Timm

Reller: Der Profit dürfe nicht nur "in den Taschen der Oligarchen" landen. (AP Archiv)
Reller: Der Profit dürfe nicht nur "in den Taschen der Oligarchen" landen. (AP Archiv)

Der Rohstoff-Experte Armin Reller hat anlässlich der Gründung eines Helmholtz-Instituts für Ressourcentechnologie in Freiberg die Industrieländer aufgefordert, sich nicht einfach auf Rohstoffe wie Seltene Erden zu stürzen, sondern partnerschaftliche Beziehungen mit den Produzentenländern aufzubauen.

Ulrike Timm: In einem Handy stecken bekannte Metalle wie Kupfer oder Eisen, aber auch ganz unbekannte, eher seltene wie Tantal oder Indium, allesamt unverzichtbare Bausteine von heutigen Zukunftstechnologien. Heute wird im sächsischen Freiberg ein Helmholtz-Institut gegründet, das Möglichkeiten einer effizienten und nachhaltigen Rohstoffwirtschaft erforschen soll, also zum Beispiel Verfahren zur Rückgewinnung von Rohstoffen aus Elektronikprodukten oder auch aus Mülldeponien. Und diese Verfahren sind auch nötig, denn diese besonderen Rohstoffe sind nicht nur knapp, sie sind oft genug auch politischer Konfliktstoff zwischen denen, die sie haben, und denen, die sie haben wollen. Professor Armin Reller lehrt Ressourcenstrategie an der Universität Augsburg und ist uns jetzt zugeschaltet. Schönen guten Morgen!

Armin Reller: Guten Morgen!

Timm: Man spricht ja auch ganz selbstverständlich vom Kampf um Rohstoffe. Wie sieht dieser Kampf denn derzeit aus?

Reller: Ich denke, dass die Begrifflichkeit da vielleicht noch ein bisschen betrachtet werden muss: Kampf um Rohstoffe, das ist eigentlich recht friedlich gegangen, mehr oder weniger, das heißt, wir beziehen unsere Rohstoffe, bezahlen dafür und machen unser Produkt daraus. Aber es ist so, dass in Anbetracht der fortschreitenden Technologien immer mehr Rohstoffe gebraucht werden, insbesondere Seltene Metalle, Sie haben das eingangs schon erwähnt. Und um diese zu beschaffen, sind Aufwendungen teilweise wirtschaftlicher Art – das ist die eine Seite –, aber es gibt Kriterien, die eben über das Wirtschaftliche hinaus gehen, das sind geopolitische Geschichten, das sind soziale Geschichten, ökologische Geschichten, die es schwierig machen, an diese Rohstoffe heranzukommen, die wir aber brauchen, um unsere Industrie, unsere Produktion aufrechtzuerhalten.

Timm: Was bedeutet denn vor diesem Hintergrund Ressourcenstrategie? Wie funktioniert so eine Strategie? Verdeutlichen Sie uns das doch bitte mal an einem Beispiel.

Reller: Also, ich würde vielleicht gerade mit den Seltenen Erdmetallen, die Sie eingangs erwähnt haben, das sind also 17 Metalle, die werden vor allem von China geliefert. Das hat aber eine Vorgeschichte. Indem vor 20 Jahren die Hälfte der Weltproduktion aus USA kam, dort aber die Umweltbedingungen relativ schwierig eingehalten werden konnten. Man hat sich dann entschieden aus wirtschaftlichen Gründen, dass China eigentlich ein günstiger Produzent wäre, und China hat das auch geliefert, also heute bis 97 Prozent dieser Seltenen Erdmetalle, die ja in ganz vielen Technologien wichtig sind. Und jetzt ist aber China so weit, das sie sagen, wir müssen unsere Produktion ein bisschen drosseln, weil auch wir die Umweltsituation verbessern wollen, also eine effizientere Produktion haben wollen und dementsprechend vielleicht nicht mehr so viel exportieren wollen, wie der Westen jetzt gerne möchte. Das ist aber nicht ein Krieg oder ein Kampf, das sind eigentlich wirtschaftliche Bedingungen. Und ich glaube, wir müssen uns überlegen – und das wären dann strategische Überlegungen –, eben nicht in alter Manier uns auf diese Rohstoffe zu stürzen, sondern mit den Produzentenländern endlich mal partnerschaftliche Beziehungen aufzubauen und einen gerechten Handel aufzuziehen. Das heißt, dass wir unsere Expertise teilweise diesen Ländern zur Verfügung stellen, damit sie erste Wertschöpfungsstufen im Land machen können, und dass wir aber gesicherte Rohstoffversorgung haben für die Zukunft. Das wäre mir viel, viel wichtiger, als jetzt ein großes Konfliktpotenzial heraufzubeschwören, was dann partnerschaftliche Entwicklungen eben verhindern könnte.

Timm: Ja, dann kann man doch gar nichts Besseres tun, als, wie es jetzt im Helmholtz-Institut geschehen soll, effiziente Rückgewinnungsverfahren zu entwickeln, damit man weniger braucht, und sich um die Nachhaltigkeit zu kümmern?

Reller: Das ist sicher ein ganz positiver Aspekt. Es gibt da noch ein weiteres Institut, was gegründet wird von der Fraunhofer-Gesellschaft, das ist am nächsten Montag, also am 5. September, da geht es um ähnliche Zwecke, und wir werden das auch dann koordinieren, die Aktivitäten. Das bedeutet, wir müssen uns aber auch einigen und herausziehen, welche essentiellen Funktionen wir mit Technologien für die Zukunft abdecken wollen und müssen. Das bedeutet, die Strategie hat auch den Sinn und Zweck, ein bisschen in die Zukunft zu schauen und sich zu überlegen, welche Energietechnologien brauchen wir, was sind die Rohstoffbedürfnisse, die wir dann abdecken müssen langfristig? Weil es wird so sein, dass in bestimmten Bereichen, also gerade bei den Seltenmetallen, vielleicht neue Minen eröffnet werden müssen. Das hat aber einen Vorlauf von fünf bis zehn Jahren. Es braucht Investitionen und man muss die Sicherheit haben, dass dann auch was aus diesen Produkten geschieht. Also, das ist eine recht komplexe Situation.

Timm: Deutschlandradio Kultur, das Radiofeuilleton im Gespräch mit Armin Reller. Er lehrt Ressourcenstrategie an der Universität Augsburg. Herr Reller, Sie sprachen vorhin an, man bräuchte partnerschaftliche Verbindungen zu den Ländern, die zum Beispiel über Seltene Erden und solche Metalle verfügen. Die sind oft in Afrika, in Afghanistan, und bisher ist man ja nach der schlüssigen Rechnung verfahren: Rohstoff plus Technologie plus Produkt gleich Export und unser Wohlstand. Sie meinen, diese Rechnung geht auf lange Sicht nicht auf. Warum?

Reller: Diese Rechnung geht dann nicht auf, wenn wir die sozialen Aspekte nicht berücksichtigen. Es kann nicht sein, dass Wertschöpfungsketten wirtschaftlicher Art am Anfang mit miesen Arbeitsbedingungen beginnen, dann die Wertschöpfung in der Mitte passiert – also, vielleicht jetzt bei der Produktschaffung in Deutschland – und nachher in der Nachnutzungsphase, also sozusagen im Abfallsektor die Arbeitsbedingungen für die Leute, die beteiligt sind, wieder schlecht sind. Bedeutet das, dass diese Gleichung, die Sie genannt haben, noch erweitert werden muss, und zwar um die Dimension Mensch: Menschen, die teilnehmen und teilhaben an diesen Produktionsketten und die auch in Zukunft eigentlich ein Auskommen haben müssen, was einigermaßen, wie soll ich sagen, gerecht ist, weil sonst das Konfliktpotenzial viel zu hoch ist. Sehen Sie sich Afrika an: Man spricht ja dort von Ressourcenfluch. Das heißt, die Länder haben wohl Rohstoffe, können die auch verkaufen, aber der Profit geht nur in die Tasche der Oligarchen oder der Diktatoren. Das kann es nicht sein. Und da ist, glaube ich, ein ganz wichtiger Ansatz auch für die neuen Institute, dass man eben die Kontakte schafft zu den Produzentenländern, zu den Institutionen dort, zu den Politikern und Politikerinnen und Wege sucht, wie man eine gerechte Verteilung hinkriegt und wie man dann diese Exportgeschichte eigentlich partnerschaftlich eben gegenseitig gestalten kann.

Timm: Wenn man den Faktor Mensch, wie Sie sagen, wirklich hineinnimmt, dann müsste ja eine neue Rohstoffstrategie Wirtschaftspolitik, Außen- und Entwicklungspolitik verzahnen, und das global. Das ist eine Herkulesaufgabe, für wie realistisch halten Sie denn Ihre Vorstellungen?

Reller: Es ist eine Herkulesaufgabe, aber wenn wir einigermaßen stabile Verhältnisse wollen – und eine wirtschaftliche Prosperität kann nur erreicht werden unter stabilen Verhältnissen für alle Beteiligten –, dann kommen wir nicht umhin, ein bisschen globaler zu denken. Weil die Tatsache ist klar: Energie kriegen wir hin, die wird täglich eingestrahlt. Mit den Rohstoffen, die wir brauchen, um diese Energien wirklich dingfest zu machen, nutzen zu können, brauchen wir Technologien, die eben stabil entwickelt werden können und auch über längere Zeiträume dann funktionieren können. Ich glaube, das Stabilitäts- und Entschleunigungsmoment ist nicht von der Hand zu weisen, wenn es darum geht, längerfristige Sicherheit, längerfristige, nachhaltige Entwicklung hinzukriegen.

Timm: Sieht China – das sich in Afrika und auch in Afghanistan ja schon regelrecht Rohstoffquellen auf Jahre gesichert hat –, sieht China das genau so wie Sie?

Reller: Ich glaube, die Partnerschaften, die China eingeht, sei es in Afrika, sei es in Afghanistan, aber auch in der Mongolei und so weiter, die sind recht pragmatisch, für uns vielleicht sogar hart. Aber sie sind nicht illegal und sind ein Muster, was für Europa meiner Meinung nach nicht funktioniert, weil wir eher noch Kompetenzen und Expertisen exportieren können, die für die Produzentenländer spannend sind. Das macht China weniger, aber das wäre Europa eigentlich ganz angemessen.

Timm: Ich fragte natürlich nach China, weil in der europäischen Politik natürlich immer laut wird: Na ja, während wir hier überlegen und denken, wie können wir unsere Nachhaltigkeit steuern, sichert sich China das Material in Afrika, auch in politisch konfliktreichen Regionen, und die europäische Wirtschaft hat das Nachsehen. Das klingt nun weniger nach Zusammenarbeit und auch nicht nach Strategie?

Reller: Ja, das ist nicht ganz konfliktfrei, da bin ich ganz einverstanden, und ich glaube, das sind wirklich mehr als nur stilistische Unterschiede, wie man miteinander umgeht. Aber wie gesagt, China ist da sehr pragmatisch geworden und sehr, sehr professionell. Wir würden dann vielleicht sagen, ist sozial nicht allzu mild, aber wie das sich in Zukunft entwickelt, wird sich zeigen. Ich bin der Meinung, dass wir als Europäer vielleicht auch als US-Leute, also in der westlichen Welt, nicht allzu arrogant mit diesen Situationen umgehen sollen, also auch nicht Pharisäertum pflegen sollen und die Chinesen da auf eine bestimmte Weise dann auch, ja, wie soll ich sagen, anklagen. Worum es geht, ist, dass wir wirklich uns überlegen, was ist auf diesem Planeten möglich, wie kriegen wir hin, dass wir in einen Stoffkreislauf wirtschaftsglobalen Ausmaßes reinkommen, und wie verhindern wir, dass – was im Moment passiert – unglaublich viele Rohstoffe verloren gehen durch Ineffizienz, sei es auf der energetischen Seite, sei es aber auch auf der Materialseite? Und da haben wir aus Deutschland sehr viel zu bieten, weil – wie gesagt – Deutschland war immer, oder seit geraumer Zeit, zu einem rohstoffarmen Land geworden, aber was im Land drinsteckt an Rohstoffen, die schon importiert sind, und was an Wissen in diesem Land steckt, das ist ein Riesenpotenzial für die Zukunft. Ich glaube, dieses Helmholtz-Institut ist ein gutes Zeichen, dass man diesen Weg beschreiten kann.

Timm: Professor Armin Reller, er lehrt Ressourcenstrategie an der Universität Augsburg und wir sprachen darüber, weil heute ein Helmholtz-Institut gegründet wird, das sich mit solcher Rohstoffwirtschaft, einer nachhaltigen Rohstoffwirtschaft beschäftigen soll und die weiter erforschen. Ich danke Ihnen fürs Gespräch!

Reller: Danke!


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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