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Reportage / Archiv | Beitrag vom 06.06.2014

ResozialisierungJura im Knast

Angehende Juristen und Häftlinge studieren hinter Gittern

Von Bettina Kaps

Häftlinge in einer Justizvollzugsanstalt vor einer geschlossenen Eingangstür zum Schultrakt. (picture alliance / dpa / Felix Kästle)
Weil viele Gefängnisse in Frankreich überbelegt sind, bleibt Weiterbildung im Knast ein seltenes Glück. (picture alliance / dpa / Felix Kästle)

In Frankreichs Gefängnissen herrscht Bildungsmangel. In Nanterre bei Paris hat dennoch eine einzigartige Initiative gestartet: Ein Soziologe hält dort Seminare ab, an dem Häftlinge und angehende Juristen gemeinsam teilnehmen.

Montag, 14 Uhr. Vor dem Gefängnis bilden sich zwei Schlangen: Links Angehörige von Häftlingen, vor allem Frauen, drei kleine Kinder. Rechts warten zehn Jura-Studenten und ihr Professor. Der Soziologe Guy Casadamont hält sein Seminar über Kriminologie in der Justizvollzugsanstalt von Nanterre. Thema: das Verbrechen. Ein Semester lang haben die Studenten gemeinsam mit acht Häftlingen über Mord reflektiert. An diesem Montag aber haben sie statt Büchern und Heften Tüten dabei, sie sind mit Essen gefüllt …

… selbst gebackene Crêpes, Nutella, Salzgebäck, sagt Priscilla Falsarella. Das Seminar geht zu Ende, die letzte Sitzung soll feierlich ausfallen.

"Es war eine ganz neue Erfahrung, in der Bibliothek eines Gefängnisses zu studieren. Mit Personen, über deren Vergehen wir nichts wissen. Im Lauf der Zeit habe ich fast vergessen, dass ich im Gefängnis war, es erschien mir normal."

Auch Amandine Carton ist beeindruckt.

"Die Häftlinge wurden für uns zu Kommilitonen. Sie betrachten uns nicht als 'Feinde', obwohl wir Berufe anstreben, die mit Recht und Justiz in Zusammenhang stehen. Immerhin erleben sie diese Amtsträger von einer anderen Warte aus. Aber das ist kein Problem. Sie wollen wissen, welche Laufbahn wir einschlagen wollen."

Wie alle Studenten des Seminars beenden die jungen Frauen ihr 5. Studienjahr. In wenigen Wochen absolvieren sie den Master in Strafrecht. Danach spezialisieren sie sich. Priscilla will Polizeioffizier werden, Amandine Staatsanwältin. Das hat die 23-Jährige einem Häftling erzählt.

"Zuerst hat es ihn überrascht, weil Staatsanwälte als die Bösen gelten. Aber dann hat er es akzeptiert. Wir können mit ihnen über alles reden."

Die graue Panzertür geht auf. Ausweiskontrolle, Taschenkontrolle, alle Handys werden eingesammelt, Metalldetektor. Dann bringt ein Gefängniswärter die Studenten in den Versammlungsraum. Auf dem Weg dorthin sperrt das Personal zehn vergitterte Türen auf und gleich wieder zu. Das Seminar findet diesmal in einer Sporthalle statt. Der fensterlose Raum wirkt wie ein Keller: blau gestrichener Fußboden, graue Betonwände. Es ist kalt.

Uni-Zertifikate für die Häftlinge

Die Insassen warten schon: Sie sitzen reglos auf Plastikstühlen, die im Halbkreis aufgestellt sind. Ein Wärter überwacht sie. Gelegentlich piepst sein Funkgerät. Die Studenten betreten den Raum. Auf einmal kommt Leben in die Häftlinge. Sie stehen auf, schütteln Hände, unterhalten sich mit den angehenden Juristen als seien es alte Bekannte.

Auch die Gefängnisdirektorin ist zugegen. Line Casanova begrüßt Teilnehmer und Gäste. Die junge Frau, sie ist erst 31 Jahre alt, hat Richter, Staatsanwälte und Beamte der Strafjustiz eingeladen. Das Seminar ist so außergewöhnlich, dass die Abschlussveranstaltung gerne vorgezeigt wird. Ein Jura-Professor ergreift das Wort. Pascal Beauvais vertritt den Doyen der Universität Nanterre. Er ruft Studenten und Häftlinge namentlich auf, bittet einen Jeden, Resümee zu ziehen. Ali, ein junger Mann mit Gelfrisur, macht den Anfang.

"Jeden Montag um 14 Uhr habe ich mich nicht mehr als Häftling gefühlt. Wir waren hier alle gleichberechtigt. Die Studenten haben uns wie normale Leute behandelt. Das war eine schöne Erfahrung. Außerdem habe ich zum ersten Mal in meinem Leben einen Vortrag gehalten."

Nicht nur die menschliche Seite, auch die Thematik des Seminars hat ihm gefallen. Ali erzählt, dass sie über literarische Texte gearbeitet haben, in denen es um Mord geht. Er hat sich für ein Theaterstück von Marguerite Duras begeistert. John, ein Schwarzer in Sportjacke und Jogginghose, ist von Albert Camus Roman "Der Fremde" beeindruckt.

"Über die Texte habe ich gelernt, dass es den ´Verbrecher an sich´ nicht gibt. Man wird nicht als Krimineller geboren. Das gilt auch für uns Häftlinge. In erster Linie sind wir Menschen wie alle anderen."

Der Repräsentant der Universität überreicht jedem Teilnehmer des Seminars ein Zertifikat, das von drei Professoren unterschrieben ist. Farid nimmt die ockerfarbene Bescheinigung entgegen, verbeugt sich leicht, findet keine Worte. Dann zieht er einen verknitterten Zettel aus der Tasche, auf dem er eine kleine Ansprache notiert hat. Der junge Mann mit dem weißen Polohemd und der dicken Goldkette ist stolz.

"Das ist das dritte Diplom, das ich hier bekomme. Vorher habe ich Prüfungen als Maler und als Fliesenleger abgelegt. Ich danke der Gefängnisleitung, dass sie meine Resozialisierung fördert."

Die Zeremonie ist zu Ende, die Teilnehmer scharen sich um das Büffet mit den Leckerbissen der Studenten. Die Gefängnisleitung spendiert Kaffee und Saft. Häftlinge, Studenten, die Gefängnisdirektorin und die Gäste unterhalten sich wie bei einem ganz normalen Imbiss. Der Gefängniswärter steht wachsam am Rand.

Fortbildungsmangel wegen Überbelegung

Wie fast alle Justizvollzugsanstalten in Frankreich ist auch das Gefängnis von Nanterre völlig überbelegt: Es hat 593 Plätze. Aber Line Casanova muss derzeit 945 Gefangene unterbringen. Eine Überbelegung von mehr als 150 Prozent, sagt die Direktorin. Gerade einmal zehn Häftlinge durften das Seminar besuchen, sie wurden sorgfältig ausgewählt. In Zukunft habe er am Montag ein Loch, bedauert Farid.

"Es ist nicht einfach, eine neue Aktivität zu finden. Erst muss ich einen schriftlichen Antrag stellen, um auf die Warteliste zu kommen. Dann abwarten, dass eine neue Fortbildung beginnt. Wenn sie mich nicht nehmen, heißt es noch einmal vier Monate warten bis zur nächsten Fortbildung. In der Hoffnung, dass sie mich dann auswählen."

Auch ein Besuch in der Gefängnisbibliothek muss schriftlich beantragt werden. Und selbst dort gebe es nur zehn Plätze für die 945 Häftlinge, sagt Farid. Daher muss er sich meistens mit dem Hofgang begnügen.

Mustapha nimmt sich ein Stück Quiche. Dabei erzählt er der zukünftigen Staatsanwältin Amandine von seinen Erfahrungen mit der Justiz.

"Wir Häftlinge haben den Eindruck, dass einige Richter keine Menschen mehr sind, sondern Roboter. Für sie sind wir Akten, die sie schnell bearbeiten müssen. Hier im Seminar habe ich einen Text gelesen, in dem der Schriftsteller André Gide die Justiz des Jahres 1912 beobachtet. Wir sind im Jahr 2013, aber es hat sich nichts verbessert."

Um das zu ändern, sagt Amandine, sollten alle zukünftigen Justizbeamten das Gefängnis von Innen erleben. Camille, angehende Rechtsanwältin, erzählt John und Farid von ihrer Examensarbeit zum Thema: "Das Berufsethos der Polizei“. Farid sagt, dass er eine Verhaftung erlebt hat, bei der die Polizei die Wohnungstür gewaltsam eingeschlagen und alle Anwesenden auf den Boden geworfen habe. 

Die Zeit ist um. Der Gefängniswärter geht auf einzelne Häftlinge zu.

Gebäude A, Gebäude B, Gebäude C … Die Gefangenen verabschieden sich kurz, dann lassen sie sich in drei Gruppen abführen. Amandine schaut ihnen nach.  

"Aus Sicherheitsgründen sollen wir ihnen keine Adressen geben. Mich interessiert, was aus ihnen wird. Aber jetzt, wo wir das Gefängnis zum letzten Mal verlassen, können wir nicht mehr mit ihnen sprechen. Das ist schade."

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