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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 20.03.2018

Resilienzprojekt an pfälzischen SchulenDen Umgang mit Gefühlen lernen

Von Anke Petermann

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Ein Kind sitzt auf dem Boden. (imago/Westend61)
Gerade den Jungen vermittelt das Gewaltpräventions-Projekt neue Erfahrungen, so ein Psychologie-Dozent. (imago/Westend61)

Manche Menschen verkraften Stress besser als andere. "Resilienz" nennen Psychologen die Fähigkeit, an Herausforderungen zu wachsen. In Rheinland-Pfalz lernen Kinder im Rahmen des Bachelor-Studiengangs Psychologie der Uni Landau, besser mit Traurigkeit oder Überforderung umzugehen.

20 Fünftklässler nehmen am Workshop "Umgang mit Gefühlen" teil. In den ersten beiden von insgesamt vier Doppelstunden haben sie überlegt, welche Gefühle es überhaupt gibt und woran man sie erkennt. Jetzt besprechen sie Stress.

"Stress ist, wenn ich zu viele Sachen auf einmal machen muss."

…sagt Johanna. Lernstress zum Beispiel – damit, dass ihnen die schulischen Anforderungen über den Kopf wachsen, haben schon Zehnjährige Erfahrung. Aber die Schülerinnen und Schüler der Klasse 5 z am Alfred-Grosser-Schulzentrum in Bad Bergzabern haben seit dem letzten Gefühlstraining eine hilfreiche kleine Liste zur Hand. Darauf haben sie notiert, wie sie entspannen und mit wem sie reden können, wenn der Druck mal zu groß wird. Psychologie-Studentin Karina Menn ist eine der beiden Trainierinnen des Workshops.

"Holt die Liste raus, schaut mal drauf und macht das einfach."

Aggressionen sollen eingedämmt werden

Wird Lernstress übermächtig, kann sich Schulangst verfestigen – bis hin zum systematischen Schwänzen, sagt Psychologie-Dozent Raphael Gutzweiler. Das zu verhindern, ist ein Ziel des achtstündigen Workshops.

Insgesamt 160 Studierende arbeiten im Projekt jeweils zu zweit oder zu dritt in 50 pfälzischen Schulklassen. Dabei können sie auf wissenschaftlich evaluierte, altersgemäße Programme zur Angst- und Gewaltprävention zurückgreifen. Aggressionen einzudämmen nennt der Projektleiter als weiteres Ziel des Schulprojekts.

"Vielleicht schaffen wir es ja, eine angenehmere und positivere Atmosphäre in die Schulen zurückzubringen."

Unkontrollierte Wutausbrüche von Schülern zu verhindern, ist ein Baustein dafür. Karina Menn stellt der 5 z dazu eine Leitfrage.

"Was macht euch wütend?"

Oskar meldet sich.

"Wenn man zum Beispiel auf dem Trampolin einen Trick versucht und den einfach nicht hinbekommt, werde ich manchmal wütend."

Fäuste ballen und treten

Wut kommt oft als Hitze oder Kribbeln, so beschreiben es die Schüler. Auf Arbeitsblättern markieren sie in einer Abbildung, wo am Körper sie Ärger spüren. Manche malen sich rote Hände, weil sie die Fäuste ballen, andere schraffieren die Füße, wo der Impuls zum Treten sitzt. Damit werde die Selbstwahrnehmung trainiert, sagt Co-Trainerin Carolin Kappler.

"Es ist gut, wenn ich merke, wo ich was spüre, wenn Emotionen mir hochkommen, um mich selbst zu kennen, aber auch um mich selbst zu regulieren."

Die Fünftklässler tragen zusammen, wie sie Aggressionen loswerden, ohne die Klassengemeinschaft und Beziehungen zu zerstören.

Johanna und ihr Bruder zum Beispiel lassen nach einem Streit etwas Zeit verstreichen.

"Dann setzen wir uns in der Küche gegenüber, und sagen uns gegenseitig, was uns wütend macht."

Kappler: "Wir sammeln, wie wir mit Wut umgehen. An sich kommt das Wissen von den Kindern, und wir packen das in einen Rahmen."

In Rollenspielen lässt Carolin Kappler Kinder üben, Ich-Botschaften zu senden und zu fragen, statt zu schimpfen.

"Kann es sein, dass du gerade aus Versehen mein Mäppchen runtergeschmissen hast?"

Oskar staunt selbst

So klingt bei Sophie der neue reflektierte Umgangston in der Schule. Der elfjährige Oskar staunt selbst, wie wichtig er Gefühle seit dem Workshop-Beginn nimmt.

"Sonst nehm' ich das Thema nicht so genau wahr, das erste Mal, dass ich überleg', was man damit machen könnt'."

Gerade den Jungen vermittelt das Projekt neue Erfahrungen, beobachtet Psychologie-Dozent Gutzweiler. Nämlich:

"Dass da Studierende kommen, teilweise auch Männer, die ganz offen über ihre Gefühle sprechen. Und dass es ihnen manchmal gar nicht so gut geht. Und die Offenheit, über das eigene Befinden zu reden, verändert sich tatsächlich auch im Lehrerbild."

Das Präventionsprojekt wirkt in die Schulen hinein, stellt auch Christoph Mohr fest. Eine Maß-Einheit hat der Koordinator am Schulzentrum Bad Bergzabern dafür allerdings nicht:

"Ob es drei Schlägereien pro Jahr weniger gibt? So ganz positivistisch gesehen? Nein, kann ich nicht sagen, aber man kann halt drauf aufbauen. Wir haben ja hier einen Schulsozialarbeiter, und da kann er dann, wenn Konfliktsituationen sind, daran anschließen, und das tut er auch."

Die 5 z hat mit dem Projekt eine neue Gemeinschaftserfahrung gemacht. Die Klasse wurde zum geschützten Raum. Ein Mädchen erzählte, dass sich ihre Eltern trennen, es flossen Tränen, keiner lachte. Dass sie sich zuweilen zurückzieht, verstehen ihre Mitschüler jetzt besser.

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