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Thema / Archiv | Beitrag vom 09.10.2008

Renner: Ein Geschäftsmodell entwickeln, das allen nützt

Produzent Tim Renner über die Situation der Musikindustrie im Internet-Zeitalter

Tim Renner im Gespräch mit Ulrike Timm

Tim Renner: Mehr Erfolg durch höhere Convenience (Stock.XCHNG / Daniel V.)
Tim Renner: Mehr Erfolg durch höhere Convenience (Stock.XCHNG / Daniel V.)

Um Raubkopierern im Netz Einhalt zu gebieten, müsse nach Meinung von Tim Renner ein Geschäftsmodell entwickelt werden, von dem sowohl Internetprovider als auch Musikfirmen profitierten. Bei günstigen Angeboten und hohem Komfort würden sich Kunden wahrscheinlich eher für legale Angebote als für illegale Tauschbörsen entscheiden, so Renner.

Ulrike Timm: Über die Situation der Musikindustrie und den Umgang mit dem durch die Datennetze sausenden geistigen Eigentum spreche ich nun mit Tim Renner. Er war lange führend bei Universal Music und betreute dort u.a. die Berliner Rammstein, seilte sich dann aber ab und schrieb ein Buch über die Branche mit dem schönen Titel "Kinder, der Tod ist gar nicht so schlimm". Mal sehen, ob er das immer noch so sieht. Tim Renner, schönen guten Tag!

Tim Renner: Guten Tag!

Timm: Mein Kollege ist ja noch den ordentlichen Weg gegangen und hat gefragt, was er darf und was nicht. Das macht aber heute kaum noch einer. Man lädt sich runter, was man haben will und die Musikindustrie flucht und überzieht die Tauschbörsen mit Klagen. Sollte sie den Kampf nicht einfach aufgeben? Der ist doch nicht zu gewinnen. Das Netz ist immer schneller.

Renner: Das ist ein Krieg, den sie führen, der kann zu nichts führen. Stattdessen sollte sie die Möglichkeiten des Netzes nutzen. Es ist wie üblich im Leben, wenn ich etwas verkaufen will, dann konzentriere ich mich am besten auf die potenziellen Kunden und nicht auf diejenigen, die mir was klauen wollen.

Timm: Die Band Radiohead, die wollte ihr jüngstes Album gar nicht mehr von der EMI veröffentlichen lassen und hat es im Internet verschenkt, hat die Möglichkeiten genutzt, mit der Pointe, dass die Fans den Weg über die herkömmlichen Tauschbörsen bevorzugen. Sie wollten nichts geschenkt, sie wollten es umsonst. Was sagt uns das?

Renner: Das sagt uns, dass die Tauschbörsen sich leider schon so etabliert haben, dass wahrscheinlich auch viele Fans es gar nicht mehr unbedingt gemerkt haben, dass dieses Angebot bestand. Zudem hat Radiohead die Fans ja schon vor einen gewissen Gewissensentscheid gestellt. Sie haben nicht nur verschenkt, sie haben gesagt, zahlt dafür so viel, wie es euch wert ist. Und da sind wahrscheinlich viele dann lieber den Weg gegangen, zu sagen, dann hol ichs mir gleich von der Tauschbörse.

Timm: Sie, Tim Renner, empfehlen nun der Musikindustrie, das Ganze doch zu nutzen und empfehlen eine Flatrate, die dann die Freiheit gibt, sich runterzuladen, was und wie viel man lustig ist. Was wäre damit denn gewonnen?

Renner: Da wäre erst mal viel gewonnen. Denn der Unterschied zu einer illegalen Tauschbörse wäre weg. Wenn Sie einmal gezahlt haben und das Angebot, was Sie bekommen, ist genauso gut und wahrscheinlich sogar, hat eine höhere Convenience, ist leichter umgehbar, Sie werden nicht mit irgendwelchen Pop-ups oder Ähnlichem belästigt, dann werden Sie das legale Angebot bevorzugen. Und was hat die Musikindustrie zu verlieren? Die Leute, die nach wie vor CDs kaufen wollen, tun dies ja auch heute, obwohl es Downloads gibt. Und sie hätte so die Möglichkeit, die Leute, die illegal draußen rumschweifen, auf einen legalen Weg zu schicken.

Timm: Nun saust natürlich derzeit ganz viel geistiges Eigentum von Künstlern ungeschützt durchs Netz und die Musikindustrie sagt, das wollen wir auch schützen. Ist das wahr oder schützen die nur sich selbst?

Renner: Die schützen im Zweifel sich selbst. Wichtig ist, dass eigentlich erst mal jeder Musiker selbst entscheiden können sollte, ob er seine Musik beschützt oder nicht, ob er seine Musik verschenkt oder nicht. Das kann er in Deutschland nicht. In Deutschland ist er zum Beispiel verpflichtet, wenn er GEMA-Mitglied ist, dass bei jedem Download GEMA-Zahlungen tätig werden, selbst wenn er selbst der Autor ist.

Timm: Ist das eigentlich möglich, sich eine Karriere aufzubauen als Band nur noch übers Netz?

Renner: Das ist möglich, und das ist auch schon mehrfach geschehen. Sie haben allerdings dann schon noch ein Problem, das beginnt dann, wenn Sie davon wirklich leben wollen. Es ging mit vielen Bands, sich ein Grundfollowing, sich in eine Fangruppe hochzuziehen, rein über ihre "MySpace"- oder andere Seiten, Präsenzen im Netz, auch damit auf Tour zu gehen. Aber das ist natürlich noch nicht der Sprung zur ganz großen Karriere. Der klappt dann meistens bislang immer noch nur mit einer Plattenfirma, die dann noch mal investiert.

Timm: Brauchen sie sich doch und sollten sich ergänzen, das Internet und die Plattenfirmen?

Renner: Richtig. Die Plattenfirmen werden durch das Internet nicht komplett überflüssig. Diese Angst besteht, aber ich glaube, sie ist unbegründet. Es wird nach wie vor Expertise gebraucht, es wird nach wie vor auch Kapital gebraucht, um Künstler zu entwickeln. Und je größer das Angebot ist im Internet, das ist ja jetzt schon unendlich, desto mehr sind Sie doch als Konsument darauf angewiesen, gerade bei Neuheiten, irgendwelche Signale zu bekommen, was interessant sein könnte, was nicht. Und da kann ein gutes Label, was eine starke Marke ist, so ein Leuchtturm sein, der Ihnen Orientierung gibt.

Timm: Ich möchte noch mal zurückkommen, Tim Renner, auf das Urheberrecht, das das geistige Eigentum ja schützen möchte und das ist im Internet längst ausgehebelt. Alle Rettungsversuche wirken nur noch wie die Beatmung des toten Patienten. Könnte es eine moderne, eine internettaugliche, ein realistisches Urheberrecht geben?

Renner: Es ist schwer möglich, weil das Internet ist ja keine statische Masse. Es ist ein Kosmos, der sich ständig wandelt. Und jeder, der schon mal mit Behörden zu tun gehabt hat, weiß, wie schnell die sind. Das Einzige, was man schaffen kann, ist, dass man ein Geschäftsmodell implementiert, was beiden Seiten nützt. In dem Moment wird es auch funktionieren. Ein solches Geschäftsmodell könnte sein, dass der Gesetzgeber, die ISPs, die Internet Service Provider, dazu verpflichtet, solche Flatrate-Modelle anzubieten, zusammen mit ihren Internetanschlüssen, Contentflatrates, und eher die Content-Inhaber verpflichtet, ihre Contents dann auch reinzustellen, wenn sie partizipieren wollen an den Einnahmen, die daraus generiert werden.

Timm: Deutschlandradio Kultur im Gespräch mit dem Musikproduzenten Tim Renner über die Lage der Musikindustrie, die jetzt bei der Popkomm mal wieder heftig klagt über illegale Downloads, die ihr das Geschäft vermiesen. Tim Renner, die Technik ist schnell. Manches kann man gar nicht mehr auf jedem MP3-Player hören. Haben Sie eigentlich Verständnis für Raubkopierer?

Renner: Ich habe Verständnis dafür, dass Leute nicht einsehen, dass sie für etwas zahlen sollen, was in Wirklichkeit ein schlechteres Gut ist als das, was sie umsonst bekommen.

Timm: Sind herkömmliche Tonträger wirklich bald tot oder gilt, wofür man sich interessiert, das lädt man sich runter und was man liebt, das kauft man sich als CD? Was meinen Sie?

Renner: In meiner Generation zumindest, Sie klingen schon mal ein Stück jünger als ich, bei Ihrer könnte es wacklig werden und bei meiner Tochter wird es schwierig. Das große Problem ist, wenn Sie mit groß geworden sind, dass Sie etwas hinlegen und somit auch Ihren guten Geschmack bei sich zu Hause repräsentieren, sei es ein Buch oder sei es eben halt eine schöne Schallplatte, dann werden Sie selbstverständlich das zukünftig auch noch tun, weil so drücken Sie Ihre Persönlichkeit aus. Ich kann zumindest bei meinem Töchterchen sagen, die zeigt eher ihren Freunden ziemlich schnell, was sich bei ihr auf der Festplatte befindet und definiert sich gar nicht unbedingt durch das Haptische, nicht durch physische Güter.

Timm: Aber es gibt doch eine Renaissance? Es gibt doch längst die Renaissance des Vinyls und der Platte? Oder ist das ein ganz kleines Segment?

Renner: Es gibt diese Renaissance. Ich bezweifele aber, dass diese Renaissance bis zum Teenager bislang nach unten greift, und da spielt meine Tochter mit. Und ich glaube aber eben, dass sie schon ausdrückt, dass zumindest eine gewisse Generation eine Sehnsucht hat nach etwas Haptischen. Es ist auch absurderweise so, bei mir hier in Berlin-Mitte, wo Motor zu Hause ist, da habe ich im Umkreis von einem Quadratkilometer fast ein Dutzend Vinylläden und nur eine einzige CD-Verkaufsstelle. Und das ist ein Elektromarkt.

Timm: Ein Gespräch mit dem Musikproduzenten Tim Renner zur Situation der Musikindustrie heute. Vielen herzlichen Dank!

Renner: Gern geschehen.

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