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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 08.11.2016

Renaturierung in der NiederlausitzNaturparadies statt Mondlandschaft

Von Ursula Rütten

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Tagebau im Land Brandenburg (picture alliance/dpa/Foto: Andreas Franke)
Tagebau in Brandenburg (picture alliance/dpa/Foto: Andreas Franke)

Jahrhundertelang wurden in der Niederlausitz in Brandenburg Kohle und Erze gefördert. Das ausgebeutete Land sei verwüstet und biologisch praktisch tot, sagen Fachleute. Trotzdem: Nach 200 Jahren Tagebau soll die Landschaft wieder nutzbar gemacht werden.

Da kommen doch tatsächlich höchst widersprüchliche Gefühle auf: Wehmut, auch Empörung, aber dann doch wieder Respekt vor dem brachialen menschlichen Eingriff in dieses große Stück Erde. Diese ausgeblichene, nur mit spärlichem Bodenbewuchs bedeckte Ebene. Unorganisch herausragend ein Hügel hier und da, Teilbereiche wie Kopien einer Mondlandschaft.

Quasi menschenleer seit dem Verschwinden der Bauerndörfer ruht sie vor dem weit schweifenden Auge. Keine weidende Tierherde. Nur wenige Straßen zerschneiden dieses weiträumige Areal um die klaffenden Aushublöcher des Braunkohletagebaus im Lausitzer Revier. Gut 90.000 Hektar Landschaft, das erdgeschichtlich Unterste nach oben gekehrt um an die wertvollen Brennstoffe, Erze und Mineralien zu gelangen. Die Schichten wild durcheinander oben auf Halde gekippt. Über 200 Jahre lang.

Eine Landschaft, die Fachleute als devastiert bezeichnen: als verwüstet und biologisch praktisch tot. Und durchweg, namentlich im unmittelbaren Kippenumfeld mit seinen bizarr gerippten, haushohen Aufschüttungen des schwarzbraunen Abraums, wirkt sie tatsächlich wie ein Still-Leben. Naturfreunde, Wanderer sind ohne ausgewiesene Begleitung in weiten Bereichen ausgesperrt - wegen der unberechenbaren Gefahr von Rutschungen der Kippenbereiche.

Und doch: Eine tote Landschaft sieht anders aus. Ab und an jenseits des Spreewaldes gibt es aufgeforstete Waldwirtschaftsflächen. Monokulturen: Kiefern in Reih und Glied. Kranichrufe gellen aus fernem Schilfrohr. Seeadler kreisen am hohen Himmel. Im Geäst zeigt sich ein Wiedehopf. Neusiedler aus mediterranen Gefilden. Erdbienen bauen ihre Nester in die sonnenerwärmten Böschungen. Andernorts huschen Eidechsen durch Unterholz. Schließlich haben gleich zwei im Naturschutz engagierte Institutionen Flächen von mehreren 1000 Hektar an verschiedenen Standorten erworben, um die Gewähr zu haben, dass wieder Leben nachwächst, ohne dass der Mensch nachhilft und ohne dass er wirtschaftlichen Nutzen daraus zieht. Die NABU-Stiftung im Naturparadies Grünhaus und die Heinz Sielmann-Stiftung im Naturparkzentrum Wanninchen.

"In diesen Bereichen, haben die Naturschützer angefangen Arten zu finden, die es in der normalen Landschaft so gut wie gar nicht mehr gibt, weil diese Bereiche vom Ufer sind dynamisch."

Erläutert die Biologin Karin Kempe. Vom Forschungsinstitut für Bergbaufolgelandschaften in Finsterwalde mit Naturschutz und Landschaftsplanung betraut. Und an diesem Tag unterwegs in der Hoffnung, hier vor Ort an der Innenkippe Schlabendorf-Süd mit den ersten warmen Sonnenstrahlen Eidechsen zu sichten:

"Da rutscht es, das gibt's Erosion, da wird's wieder neu gemacht, teilweise auch, wenn das Grundwasser wieder anstieg, am Wanninchener See. Da gab's eine Weile lang, wo aus der gewachsenen Böschung raus Quellen entstanden sind, da standen Arten, der große Schachtelhalm, der Riesenschachtelhalm, eine Art, die als nicht mehr vorhanden galt in dieser Gegend oder der Wiener Sandlaufkäfer. Da sind Arten, die sind auf diesen mobilen Boden angewiesen. Das gibt's ja in der normalen Landschaft nicht mehr, dass sich Gelände bewegen kann. Das sind Dünen am Meer, dann hört's schnell im Inland auf."

Nicht alles starr und dahingemetzelt 

Aber auch außerhalb der geschützten Flächen ist es nicht so, dass alles nur starr und steingrau und wie hingemetzelt danieder liegt, nachdem hier die Kohleförderung nach der Wende eingestellt wurde. Aber so bald vermag sich das Ökosystem insgesamt nicht von selbst zu regenerieren, vermag es nicht mal rasch biologische Vielfalt und Fruchtbarkeit zu entwickeln, nachdem der Mensch es bis unter den Grundwasserspiegel gestört hatte.

Betreiber und Bergbaugesellschaften sind indes gesetzlich verpflichtet, wieder möglichst gutzumachen, was sie der Natur zugemutet haben. Und damit auch vielen Menschen, denen sie Wohn- und Wirtschaftsboden buchstäblich unter den Füßen weggebaggert haben. Weniger intensiv, mangels technischem Know how und Kapital, geschah dies schon vor und zu DDR-Zeiten. Heute hilft dabei, gleichsam mit Standortvorteil, vor allem ein kleines hochspezialisiertes Team von Wissenschaftlern. Im Forschungsinstitut für Bergbaufolgelandschaften in Finsterwalde. Als gemeinnütziger, unabhängiger Verein. Renaturierung und Rekultivierung lauten die Schlagworte für dieses komplexe Programm, das die weite Zukunft mit kalkuliert und damit auch den messbaren Klimawandel.

Dirk Knoche ist stellvertretender Direktor und Leiter der Abteilung Agrar- und Forstökosysteme:

Dirk Knoche: "Das große Grundproblem der Lausitz ist oder war, dass hier durch die Lagerstättengeologie und durch die Fördertechnologie vor allen Dingen stark schwefelhaltige, kohlesaure Substrate an die Oberfläche gelangten, die nur schwer wieder begrünt, in Kultur genommen werden konnten. Hierzu wurden in den 1960er Jahren entsprechende Verfahren entwickelt, die unter Zusatz von Basen – Kalken, Kraftwerksaschen – diese Säure puffern. Damit konnten diese großen Flächen auch wieder rekultiviert werden. Das ist die historische Leistung, die erfolgt ist."

Christoph Ertle: "Man schaut sich zuerst den Boden genau an, und bei diesen sandigen Verhältnissen, die wir hier haben, mit dem dazugehörigen Klima, ist die Kiefer ein Baum, der sehr einfach, robust und kostengünstig aufzuforsten ist."

Ergänzt der Forstwissenschaftler Christoph Ertle vom Forschungsinstitut in Finsterwalde, bemüht, den Vorbehalt gegen die hier weiträumig verbreiteten Monokulturen mit Kiefernwald zu relativieren:

"Wenn man sich vor Augen führt, wie es hier mal ausgesehen hat, das waren hier mehrere hundert Hektar am Stück Wüste, es war kein Baum mehr zu sehen. Es war halt Bergbaufläche, und auf den geplanten Waldflächen, wo später mal Wald entstehen soll, bestand die Aufgabe darin, möglichst schnell aus der Wüste einen grünen Wald zu machen."

Wenige kranke Bäume im Versuchswald

Auf Ertles Tagesplan steht diesmal eine weitere Bestandsaufnahme von Schädlingsbefall im Rahmen einer Langzeituntersuchung seit 2008:

"Wir sind jetzt auf der Hochkippe Klettwitz-Kleinleipisch, stehen mitten in einem etwa 40-jährigen Kiefernwald und haben heute das Thema Monitoring von Wurzelschwammversuchsflächen. Der Wurzelschwamm ist ein Pilzerreger, der in Kieferbeständen Schaden verursachen kann."

Weswegen zwei verschiedene Methoden der Bekämpfung ausprobiert und immer wieder in der Wirkung untereinander verglichen werden: einmal mit einem natürlichen Feind, dem Riesenrindenpilz, zum anderen mit einem eigens von Spezialisten in Eberswalde entwickelten Sporenpräparat. Und auch der Laie erkennt: vergleichsweise wenige Bäume sind hier in diesem Versuchswald erkrankt. Insgesamt ist man sich aber, wohl nicht nur in diesem Expertenkreis, weitblickend einig, den Wald umzubauen, weg von Monokulturen, hin zu Mischwaldbeständen. Und zwar weniger wegen des meist als schöner empfundenen Anblicks.

"Einerseits durch den Bergbau aber auch durch die klimatischen Veränderungen ist diese Region in einer unheimlichen Dynamik. Es ist deshalb wichtig, vorausschauend zu sein und entsprechende Anpassungsstrategien zu entwickeln in der Landbewirtschaftung."

Bekräftigt der Forstwissenschaftler Dirk Knoche die Bedeutung der nunmehr gut zwanzig Jahre währenden Grundlagen- und Feldforschung des Instituts für Bergbaufolgelandschaften in Finsterwalde.

"Es gibt neue Anforderungen von den Märkten, neue Kulturpflanzen. Wir experimentieren heute schon mit sommer- und trocken- und hitzeangepassten Sorten von Hirse anstelle von Mais, um die Ertragsfähigkeit abzusichern. Wir beschäftigen uns mit Bewässerungslandbau, mit der Verwertung zum Beispiel von vorgereinigten kommunalen Abwässern: Wie weit ist das möglich zur Bewässerung."

Im Vordergrund steht die wirtschaftliche Entwicklung dieses strukturschwachen Raums. Einst bedeutender Industriestandort, heute mit diesem Überfluss an Landschaft. Mit problematischer Bodenbeschaffenheit, einem durch Grundwassermanipulation und zunehmende Trockenheit gestörten Landschaftswasserhaushalt. Unter diesen gegebenen Bedingungen sind die Feldforscher herausgefordert, Fruchtbarkeits- und Ertragsszenarien für die "ferne Zukunft" zu entwerfen. Wobei nach heutigem Wissens- und Bewusstseinsstand fraglos ökologische Kriterien richtungweisend sind.

Experimente mit gentechnisch veränderten Pflanzen

Ein Projekt, mitten im offenen Brachland, befasst sich zum Beispiel mit Bodenverbesserung durch Biokohlesubstrate im Vergleich mit Gärrestkompost und Mineraldünger. Auf anderen Flächen im Sperrgebiet laufen Langzeitversuche, wo zur Qualitätssteigerung auch mit gentechnisch veränderten Pflanzen und Gehölzen experimentiert wird:

"Solche Kurzumtriebsplantagen mit holzartigen Gewächsen, Pappeln, Weiden, sind eine Alternative für den Landwirt, eine Einkommensalternative, gerade auf Grenzertragsstandorten, wo andere Kulturen nicht mehr lohnen oder auf Böden, die belastet sind. Es dient ja nicht der Lebensmittelproduktion. Es ist ausschließlich für die energetische Verwertung, für die Verbrennung des Holzes gedacht oder bei höheren Nutzungszeiten von zehn, 15 Jahren für eine stoffliche Verwertung."

Keine Frage, dass sich neben anderen Experten die Hydrologen des Finsterwalder Instituts auch am Kampf gegen die hier weitreichende Versauerung des ansteigenden Grundwassers beteiligen. Ein unausweichlicher geochemischer Prozess infolge des Bergbaus. In erhöhten Konzentrationen wirkt es schädlich auf die Vegetation, für Fische und Mikroorganismen, wenn dieses Wasser in die nahen Fließgewässer gelangt. In die Spree oder auch in die durch geflutete Tagebaulöcher neu entstandene Seenlandschaft im gesamten Lausitzer Revier.

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