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Religionen | Beitrag vom 07.07.2019

Religion in KonzentrationslagernGlaube im Angesicht der Vernichtung

Von Gunnar Lammert-Türk

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Historische Aufnahme des KZ Ravensbrück. (picture alliance / arkivi )
Der Appellplatz im ehemaligen Konzentrationslager Ravensbrück in Brandenburg. Dokumente zeigen, dass Gefangene heimlich ihren Glauben praktizierten. (picture alliance / arkivi )

Welcher Ort könnte wohlgott ferner sein als ein Konzentrationslager? Und doch haben Gefangene auch in den Vernichtungs- und Gefängnislagern des Nationalsozialismus ihren Glauben praktiziert. Etwa mit Gebetsketten aus Brot oder Beeren.

Sabine Arend liest aus den Lebenserinnerungen von Katharina Katzenmaier, die im Frauenkonzentrationslager Ravensbrück inhaftiert war:

"Die Marienmedaille hatte ich schon auf dem Transport in meine Zahnpastatube vom hinteren Ende her eingeschmuggelt und bei der scharfen Kontrolle zu Beginn, bei der im Mund, zwischen den Zehen, zwischen den Fingern, hinter den Ohren nachgesehen wurde, kam niemand auf die Idee, die Zahnpastatube zu kontrollieren."

Mit Teilnehmern einer Tagung zum Thema "Religion in Nazilagern und –gefängnissen" geht Arend über das Gelände, auf dem Katharina Katzenmaier um ihr Überleben kämpfte. Das Medaillon mit dem Marienbild half ihr dabei.

Rosenkranz aus gekautem Brot

Nur selten gelang das Einschmuggeln religiöser Gegenstände. Meistens wurden sie von den Insassen im Lager angefertigt. Die Gedenkstätte Ravensbrück bewahrt einige Zeugnisse davon, sagt Sabine Arend.

"Wir haben zum Beispiel in der Sammlung Gebetsketten aus gekautem Brot, die dann an einem Faden aufgefädelt wurden. Wir haben einen Rosenkranz aus im Landwirtschaftskommando gesammelten Beeren. Dann haben wir einen Rosenkranz aus Wolle. Einen aus Textilien geknüpft und einen aus einem Seil, das benutzt wurde eigentlich, um Tragegriffe von Munitionskisten herzustellen."

Abbildung eines Rosenkranz (KZ Ravensbrück)Die Frauen fertigten in Ravensbrück aus allen möglichen Materialien heimlich Rosenkränze. Das Foto zeigt einen Kranz aus Sisal und Stahl. (KZ Ravensbrück)

Die Herstellung dieser Andachtshilfen geschah heimlich. Immer in Gefahr entdeckt zu werden, bastelten die Frauen Rosenkränze, Kruzifixe und Andachtsbilder.

Taufen auf der Säuglingsstation

Ebenso vorsichtig  trafen sie sich in kleinen Gruppen zum Beten, zum Sakramentsempfang und zum religiösen Gespräch. Oder sie beteten allein für sich, beim Morgen- und Abendappell, beim Arbeiten, beim Gang über das Lagergelände. Äußerste Vorsicht galt bei Taufen. Die deutsche Ordensschwester Felixina Armbruster schrieb in ihren Erinnerungen:

"Dann wurde ich als ehemalige Krankenschwester dem Revier zugeteilt. Das war mein Glück. Sonst würde ich wohl nicht mehr leben. Längere Zeit war ich nun im Wöchnerinnensaal tätig. Da konnte ich auch ein wenig seelsorgerlich wirken. Mehr als 500 Kindern konnte ich mit Hilfe einer katholischen Hebamme die Taufe spenden. Oh, wenn die SS das erfahren oder nur geahnt hätte. Die Taufen wurden heimlich vorgenommen. Nur einmal, als lauter zuverlässige Leute im Saal waren, habe ich fünf Kinder frei und offen getauft."

Offener Widerstand bei den Zeuginnen Jehovas

Einen Priester gab es im Konzentrationslager Ravensbrück nicht. So machten die katholischen Frauen vom Recht der Nottaufe Gebrauch. Auch die Zeuginnen Jehovas tauften heimlich. Für die bei ihnen übliche Ganzkörpertaufe nutzten sie ein Wasserfass in der Wäscherei des Lagers. Ihre religiöse Überzeugung gebot ihnen offenen Widerstand. Falk Bersch, der ihr Schicksal in den Lagern erforscht hat, gibt ein Beispiel, vom 19. Dezember 1939:

"Da wurden 50 Zeuginnen Jehovas in Ravensbrück in der Nähstube aufgefordert, für die Soldaten an der Front als Liebesgabe zu Weihnachten Beutel zu nähen. Das waren offenbar Patronentäschchen. Und sie haben gesagt: Wir machen das nicht, weil wir den Krieg nicht unterstützen wollen. Und daraufhin hat der Lagerkommandant Kögel sie antreten lassen hinter dem Zellenbau und hat dann ein Exempel statuieren wollen und die anderen Zeuginnen Jehovas auch mit dazu geholt. Und gesagt, wer sich weigere, die Beutel zu nähen, solle nach links treten. Und bis auf drei Frauen sind tatsächlich auch alle nach links getreten."

Maria als Halt im Elend

Das waren 400 Frauen - die größte Gruppierung im Lager. Mehrfach noch versuchte der Lagerkommandant, die Zeuginnen zu brechen, forderte sie auf, die Socken von Soldaten zu stopfen oder die heidnische Sonnenwendfeier vorzubereiten. Ihre strikte Antikriegshaltung und ihr Gehorsam gegenüber Gott als dem Königsherrscher über die Welt ließen sie ihre widerständige Haltung aufrechterhalten. Wenn auch nicht mehr ganz so stark wie im Dezember 1939.

Blick über Stacheldraht auf die Gedenkstätte Ravensbrück Im Hintergrund ist eine der Baracken zu sehen. (picture alliance/dpa/Walter Bieri/KEYSTONE)Durchhaltevermögen und Überlebenswillen hinter Stacheldraht: Viele inhaftierte Frauen im ehemaligen KZ Ravensbrück fanden Halt in ihrem Glauben. (picture alliance/dpa/Walter Bieri/KEYSTONE)

Für die katholischen Frauen war vor allem Maria ein Halt im Elend des Lageralltags. "Weil Maria eben auch ihren Sohn verloren hat oder oft über ihren Sohn geweint hat, um ihn getrauert hat", sagt Sabine Arend.

"Und das konnte eine Identifikation sein für Frauen im Lager, die selber ein Kind verloren hatten oder ihre Kinder zuhause zurücklassen mussten, um die sie sich Sorgen gemacht haben. Und da konnten Frauen eben Stärkung darin finden, dass sie wussten, jemand anders hat auch solche Leiden erdulden müssen."

Sch’ma Jisrael vor der Gaskammer

Auch in den Vernichtungslagern fanden Menschen Halt in der Religion. Selbst in Auschwitz.

Christin Zühlke hat Zeugnisse von  Sonderkommandohäftlingen, die die Leichen verbrennen mussten und die die Ankommenden in die Gaskammern führten, untersucht. Einer von ihnen berichtet, wie der polnische Rabbiner Mosche Friedmann im Vorraum dem anwesenden SS-Mann trotzt:

"Er steht zusammen mit den Deportierten bereits nackt im Auskleideraum und er sagt zu dem Oberscharführer, dass die Nazis für ihre Taten gerichtet werden und auch, dass das jüdische Volk weiter bestehen wird. Und danach bedeckt er seinen Kopf, so wie es jüdischer Brauch ist und ruft das Sch‘ma Jisrael zusammen mit den Umstehenden mit sehr großer Begeisterung."

Das wichtigste Gebet des Judentums in den Minuten vor der Vernichtung. Die uralte Beziehung des Volkes Israel zu ihrem Gott als dem einzigen Gott ins Angesicht eines Gehilfen der Mordaktionen gesprochen. Trost, Würde, Widerstand. Menschsein im Umfeld tiefster Erniedrigung. Es sind nicht viele Quellen, die vom religiösen Leben in den Lagern zeugen. Manche verloren hier ihre Religion, andere fanden sie, einige bewahrten sie.

Kein Streichholz, um eine Kerze anzuzünden

Katharina Katzenmeier*, die im Lager Ravensbrück war, erinnerte sich später an das Weihnachtsfest 1943. Zermürbt von der Arbeit in einem Sumpf bei klirrendem Frost, schleppte sie sich mit anderen Gefangenen am Abend fiebergeschüttelt in ihre Baracke:

"Aus Fürstenberg über dem See drüben hörten wir noch leise die Kirchenglocken. Bei uns hatte keiner ein Streichholz, um eine Kerze anzuzünden. Aber wir hatten Zeit zur inneren Besinnung. Irgendwie in den Tagen um Weihnachten trafen wir uns mit wenigen Gesinnungsgenossen zu kurzem heimlichen Gespräch. … Unter uns christlichen Häftlingen konnten einige die Liedtexte von der Geburt Christi auswendig. Kopf an Kopf zusammengesteckt, flüsterten wir uns leise den Text zu. Ein Licht leuchtet in der Finsternis hier im Todesschatten."

*Wir haben an dieser Stelle den Namen korrigiert.

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