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Fazit / Archiv | Beitrag vom 03.09.2010

Reizvolle Wunderkammer

"Unsichtbare Schatten" zu sehen im Museum MARTA in Herford

Von Volkhard App

Ansicht MARTa Herford (Thomas Mayer, copyright MARTa Herford)
Ansicht MARTa Herford (Thomas Mayer, copyright MARTa Herford)

Werke von 47 Künstlerinnen und Künstlern wurden im Museum Marta in Herford zu einer bemerkenswerten Ausstellung zusammengeführt: "Unsichtbare Schatten - Bilder der Verunsicherung" heißt sie und will das Publikum irritieren.

Parallelwelten gibt es ja vielleicht nicht nur in der Science Fiction. Alicja Kwade hat jedenfalls vor das Marta Museum zwei Pkws der Marke "Nissan" gestellt - beide haben dieselbe hässliche Delle an derselben Stelle der Karosserie, und in beiden Wagen liegen verstreut dieselben Gegenstände an denselben Plätzen: ein Kleidungsstück, eine Dose "Red Bull", eine Karte. Wie ist eine solche Doppelung möglich?

Ein paar Meter weiter schwebt unter der Decke der hohen Ausstellungshalle ein riesiges tiefschwarzes Gebilde mit vielen Zacken. Eine Art UFO wie in "Independence Day”? Oder ein archaischer Vogel? Oder ein geheimnisvoller Schatten? Sonja Vordermaier hat diese Skulptur mit einem Samuraischwert aus nicht entflammbarem Schaumstoff geschnitten, wie er in der Weltraumfahrt verwendet wird.

Es ist müßig, hier oder an anderer Stelle des MARTA Museums nach letzter Klarheit zu verlangen, ist das Ungewisse doch das Material, aus dem diese Ausstellung gezimmert ist. Und immer stehen Gefühle von Unsicherheit, stehen sublime Ängste im Mittelpunkt.

Da hängt eine schwarze Anzeigetafel von Kris Martin, die immer wieder rattert - aber anders als in Bahnhöfen und Flughäfen zeigt sie nichts mehr an.
Eine Informationstafel ohne Informationen. Co-Kurator Thomas Niemeyer:

"Es ist eine Irritation und zugleich hat es aber auch etwas Humoristisches. Und ich finde, in Humor ist immer auch etwas Optimistisches und dann natürlich aber auch wieder die Verunsicherung: Da passiert was, aber ich weiß nicht was."

Dennoch wollen die Kuratoren kein apokalyptisches Zeitpanorama liefern. Es geht ihnen um das Kunsterlebnis und nicht um Leitartikel zu drängenden Problemen der Politik, Wirtschaft und Umwelt.

MARTA-Direktor Roland Nachtigäller:

"Weil es im Grunde darum geht, hinter die Oberflächen zu schauen. Wo man das Gefühl hat, wenn man sich genauer damit beschäftigt, dann entdeckt man eigentlich eine zweite Ebene, die oft sehr viel mehr erzählt, als man auf den ersten Blick vermutet und dieses genaue Sehen und auch dieses sich Auseinandersetzen mit dem, was einen umgibt, ist glaube ich eine Kraft, die die Kunst auf eine besondere Art und Weise entfalten kann und insofern auch eine Perspektive eröffnen kann, die eben nicht nur ein düsteres Zeitbild eröffnet, sondern tatsächlich auch ein Glück verspricht, nämlich das Glück der Erkenntnis, des Sehens oder auch des Entdeckens von Möglichkeiten, sich selber verstehend irgendwo zu begreifen."

Vorhänge, die aus Schmirgelpapier bestehen, ein Schrank, der sich nicht öffnen lässt, eine Dart-Zielscheibe mit einem seitlich verschobenen Mittelpunkt und eine unförmige Skulptur, die einen Museumsdurchgang fast völlig versperrt - das Thema Verunsicherung wird hier breit aufgefächert. Rätsel gibt auch der Mann auf, der bei gespenstischem Licht auf einer Couch liegt. Die Gardine weht im Fensterrahmen. Der Mann ist allein und findet doch zu keiner inneren Ruhe.

Womöglich steht uns dieser Mann mit seinem Bedürfnis nach Ruhe - und der Unmöglichkeit, sie zu finden, ja sehr nahe.

Insgesamt tut sich eine reizvolle Wunderkammer im Marta Museum auf. Das skurrilste Objekt ist wohl ein lebensecht wirkendes Einhorn von Olaf Nicolai, das in der Ausstellungshalle wie auf einer Streichelwiese liegt und sogar Körpertemperatur entwickelt:

"Das ist so eine Verunsicherung, die zwischen real und irreal eigentlich schwankt. Wie nehme ich Wirklichkeit wahr, was glaube ich, was glaube ich nicht und wo sind meine Erklärungsmuster?"

Bilder und Objekte der Verunsicherung: Kaum einmal, und das ist für mich die eigentliche Irritation, wird auf reale Kriege, Krisen und Katastrophen erkennbar angespielt. Es ist Kunst aus einer Parallelwelt der Träume und Illusionen, in der die Wirklichkeit allenfalls Schatten wirft.

In eingebauten kleinen Sonderabteilungen, sogenannte Zeitkapseln, gibt man noch Einblicke in die Kunst um 1850, 1900, 1935, 65 und 85 - und deutet damalige Stimmungen an. Hier finden sich manche Kabinettstücke: frühe Porträtfotos, der Bilderzyklus "Ein Handschuh” von Max Klinger, ein spätes Gemälde von Paul Klee mit einem blauen Monster und zwei Werke von Gerhard Richter. Thomas Niemeyer:

"Wir richten unseren Blick ja von heute aus, von der Zeit, in der wir leben. Aber wir waren uns eigentlich sehr bewusst, dass tatsächlich in der Epoche der Moderne diese Momente der Verunsicherung historisch immer wieder zu beobachten sind."

Aber diese Zeitkapseln bleiben eher marginal bei einem Thema, dass eben vor allem in der Gegenwart angesiedelt ist und so weit gesteckt wird, dass ein Großteil der zeitgenössischen Moderne hier Platz fände.

Es ist eine dieser phantasievoll-assoziativen Gruppenausstellungen in der Tradition des Hauses. Eine Wanderung durch das Unwirkliche: Am besten, der Besucher lässt sich durch diese Schau treiben und gibt sich lustvoll der Ungewissheit hin. In depressiver Stimmung soll keiner das Haus verlassen, sondern leichtfüßig, erhofft sich Roland Nachtigäller.

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