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Mahlzeit / Archiv | Beitrag vom 13.05.2016

ReizdarmSorgt Weizen für Bauchschmerzen - oder eher Rohkost?

Von Udo Pollmer

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Reifende Ähren in einem Weizenfeld  (imago / Harald Lange)
Weizenfeld: Ist Weißmehl gut oder böse - wenn es um den Darm geht? Udo Pollmer meint: Es gehört rehabilitiert. (imago / Harald Lange)

Sorgt Weißmehl für einen Reizdarm? Das lässt sich nicht beweisen, meint Udo Pollmer Naheliegender sei, dass zu viel Rohkost, Obst oder Vollkorn den Darm stressen. Viele Reizdarm-Patienten würden sich aber auch in den Medien mit "sozial interessanten Lebensmittelintoleranzen" infizieren.

Vor wenigen Jahren glaubten australische Forscher nach langer Suche endlich die Ursache des Reizdarms entdeckt zu haben: Alles deutete auf das Eiweiß des Weizens hin, auch Gluten genannt. Nun ist Gluten kein Unbekannter. Es gilt schon lange als Ursache der Zöliakie, einer Darmentzündung. Nun kam als neues Krankheitsbild die Glutensensitivität dazu, die mit Blähungen, Durchfall und Bauchweh einhergeht – allerdings ohne Darmschäden wie sie für eine Zöliakie kennzeichnend sind. Bisher wurde diese Empfindlichkeit unter dem Sammelbegriff Reizdarm subsumiert.

Zum Glück haben die Entdecker der Sensitivität ihre Studie wiederholt – diesmal mit wissenschaftlicher Methodik. Ergebnis: "Im Gegensatz zu unserer ersten Studie konnten wir rein gar keine spezifische Reaktion auf Gluten finden." Bei genauer Prüfung bekamen ihre Patienten dann Bauchweh, wenn sie vermuteten, es sei Gluten im Essen. Man spricht von einem Noceboeffekt – also dem Gegenteil des Placeboeffektes: Das Nocebo verursacht Beschwerden, weil der Patient glaubt, sein Essen mache ihn krank.

Verzicht auf zahlreiche Obst- und Gemüsesorten

Das Gluten ist also unschuldig. Nach dieser Pleite war es für die Forscher Ehrensache, den realen Ursachen des Reizdarmes auf die Spur zu kommen. Und sie hatten Erfolg: Nicht der Verzicht auf Weizeneiweiß, sondern auf sogenannte fermentierbare Kohlenhydrate verschaffte vielen Patienten Erleichterung und sorgte oft für völlige Symptomfreiheit.

An vorderster Stelle unter den sogenannten "fermentierbaren Kohlenhydraten" steht die Fructose, der Fruchtzucker. Reizdarmpatienten müssen deshalb auf zahlreiche Obst- und Gemüsesorten verzichten wie Äpfel, Kirschen, Wassermelonen, Spargel, Zuckererbsen usw. Wie es aussieht hat vor allem die 5-am-Tag-Kampagne die Zahl der Patienten erhöht. Rein gar nichts passiert, wenn jemand zwischendurch etwas Obst isst, oder etwas Rohkost zum Braten. Aber wer sich bemüßigt fühlt, mehr davon zu essen als der Körper fordert, der überfordert auf Dauer seinen Darm und verträgt es dann gar nicht mehr.

Ebenfalls als Gefahr für den gereizten Darm gelten Fructane – nicht zu verwechseln mit Fructose. Erhöhte Gehalte finden sich vor allem in Getreide. Seltsamerweise warnen Fachleute die Patienten vor Weißbrot – als ob Weißbrot Blähungen und Durchfall verursachen würde. In Wirklichkeit sind Vollkorn und Müsli voller Fructane. Im Weißmehl liegen die Gehalte niedriger – und diese Rest-Fructane werden beim Brotbacken durch eine klassische Teigfermentation, egal ob mit Hefe oder Sauerteig, zuverlässig abgebaut. Soll der Hinweis auf das harmlose Weißbrot etwa verschleiern, dass die Empfehlung, reichlich Vollkorn zu essen, erst die Beschwerden verursacht hat?

Präbiotika sollen die Darmflora fördern, verursachen aber Blähungen

Verzichten sollten Reizdarmpatienten auch auf Inulin und Fructooligosaccharide. Diese Stoffe kennen die meisten unter der Bezeichnung Präbiotika. Als Präbiotika sollen sie laut Werbung für eine gesunde Darmflora sorgen. Dummerweise fördern sie aber Blähungen sowie die Ausbreitung von Clostridium difficile, ein gesundheitlich fragwürdiger Darmkeim.

Zu guter Letzt: Als fermentierbare Kohlenhydrate gelten auch die altbekannten Zuckeralkohole wie Sorbit, die beispielsweise in zuckerfreien Kaugummis enthalten sind. Sie werden bis heute als "gesunde", kalorienärmere Alternative zum Zucker empfohlen. Dabei gibt es einen Zucker, der keine derartigen Darmbeschwerden verursacht: Es ist der normale Haushaltszucker.

Dem unbefangenen Beobachter drängt sich eine Frage auf: Wie kommt es, dass immer noch ungeniert zu möglichst viel Rohkost, Obst, Vollkorn und zuckerfreien Speisen geraten wird? Vielleicht hilft die Frage "Cui bono?" weiter: Wem nützt es, wenn Ratsuchende davon krank werden? Reizdarmpatienten landen gewöhnlich bei der Ernährungsberatung, um sich dort haarklein erklären zu lassen, was sie nun alles nicht mehr essen sollten.

Zu den "echten" Reizdärmen kommen noch die eingebildeten Patienten, die sich über den Noceboeffekt im Internet oder bei Gesundheitssendungen mit sozial interessanten Lebensmittelintoleranzen infiziert haben. Mahlzeit!

 

Literatur

Welsh J: Scientists who found gluten sensitivity evidence have now shown it doesn’t exist. Sciencealert 19. August 2015

Biesiekiersky JR et al: No effects of gluten in patients with self-reported non-celiac gluten sensitivity after dietary reduction of fermentable, poorly absorbed, short-chain carbohydrates. Gastroenterology 2013; 145: 320-328

Mansueto P et al: Role of FODMAPs in patient with irritbale bowel syndrome. Nutrition in Clinical Practice 2015; 30: 665-682

Anon: Gluten- / Weizensensitivität: Oft Symptome wie bei Reizdarm. Ärzte Zeitung, 8. April 2016

Weber N: Glutenunverträglichkeit: Wenn Nudeln krank machen. Spiegel Online 7. Januar 2016

Biesiekiersky JR et al: Characterization of adults with self-diagnosis of nonceliac gluten sensivity. Nutrition in Clinical Practice 2014; 29: 504-509

Kucek LK et al: A Grounded guide to gluten: How modern genotypes and processing impact wheat sensitivity. Comprehensive Reviews in Food Science and Food Safety 2015; 14: 285-302

MacArthur LA, D’Appolonia BL: Comparison of oat and wheat carbohydrates. I. Sugars. Cereal Chemistry 1979; 56: 455-457

Zörb C et al: Free sugars in spelt wholemeal and flour. Journal of Applied Botany and Food Quality 2007; 81: 172-174

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