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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 15.11.2011

Reiz zum Widerspruch

Dick Swaab: "Wir sind unser Gehirn", Droemer Verlag , München 2011, 512 Seiten

Was schon vor der Geburt in das Gehirn "programmiert" wurde, lasse sich später nicht mehr ändern, so Swaab.  (Cleveland Clinic)
Was schon vor der Geburt in das Gehirn "programmiert" wurde, lasse sich später nicht mehr ändern, so Swaab. (Cleveland Clinic)

Schon früh interessierte sich Dick Swaab für das menschliche Gehirn. Er lehrte als Professor für Neurobiologie an der Universität Amsterdam und leitete 30 Jahre lang das niederländische Institut für Hirnforschung. Das neue Buch des Hirnforschers wurde in den Niederlanden zu einem populären Standardwerk.

1,5 Kilogramm organische Masse, vollgepackt mit über hundert Milliarden Nervenzellen bilden den Kern der menschlichen Persönlichkeit. Hier spielt sich das ab, was jeden Menschen einzigartig macht.

Das Gehirn nimmt über die Sinnesorgane die Außenwelt in sich auf und erzeugt die Illusion, dass wir uns in dieser vom Gehirn geschaffenen Welt frei und unabhängig bewegen. Der niederländische Hirnforscher Dick Swaab setzt in seinem Buch "Wir sind unser Gehirn" alles daran diese Illusion zu hinterfragen.

Im ersten Teil des locker und verständlich geschriebenen Buches geht es um die Entstehung und Reifung des Gehirns schon in der Gebärmutter. Dort finden die wichtigsten Weichenstellungen statt. Deshalb ist das Gehirn des Fötus im Mutterleib auch den größten Gefahren ausgesetzt. Medikamente, Rauchen, Alkohol, Rauchen, Marihuana oder Blei können die Entwicklung des Gehirns empfindlich stören.

Besonders ausführlich informiert Dick Swaab über sein eigenes Forschungsfeld "Die Wechselwirkung von Nervensystem und Hormonen". Durch jahrzehntelange Untersuchungen kommt er zu dem Schluss: Vieles was vor der Geburt in unser Gehirn "programmiert" wurde, lässt sich später nicht mehr ändern. Veranlagungen für viele Krankheiten, für aggressives Verhalten, aber auch für die sexuelle Orientierung entstehen seiner Ansicht nach bereits vor der Geburt. Leidenschaftlich plädiert er deshalb gegen Umerziehung, Bestrafung und Diskriminierung Homosexueller oder Transsexueller. Deutlich stellt er dar, wie geschlechtliche Identität und sexuelle Ausrichtung eine Besonderheit im Gehirn ist, die gilt es kennen und akzeptieren zu lernen.

Der Niederländer wirft in diesem Buch aber auch wichtige Fragen auf. Fragen, die auf Widerspruch stoßen werden: Kann man einen Pädophilen moralisch für seine sexuelle Orientierung verantwortlich machen, die aufgrund einer genetischen Veranlagung oder einer atypischen Hirnentwicklung entstanden ist? Kann man einem pubertierenden Jugendlichen, der erst noch lernen muss mit seinem von Sexualhormonen umgekrempelten Gehirn richtig umzugehen, vorwerfen eine Straftat begangen zu haben?

Ein absolut freier Wille und eine Welt, in der jeder seines Glückes Schmied ist, existiert laut Swaab nicht. Dennoch gibt es den Bereich eigener Verantwortung. Und so muss auch der Hirnforscher eingestehen: Ohne Strafen funktioniert die Gesellschaft nicht. Aber es sollten seiner Ansicht nach nur solche Strafen verhängt werden, deren Wirkung nachgewiesen ist - am besten durch unabhängige Studien.

Auf den ersten Blick erscheint dieses Buch wie ein Gemischtwarenladen, gefüllt mit vielen unterschiedlichen neurowissenschaftlichen Informationshappen. Beim Lesen aber entsteht ein zusammenhängendes Bild. Zu informieren und zu belehren, ist dem Hirnforscher Swaab jedoch nicht genug. Er bezieht klar Stellung: von der Sterbehilfe bis zur Evolutionstheorie. Immer wieder reizt Dick Swaab zum Widerspruch und regt so - in einer freundlichen, aber hartnäckigen Art - zum Nachdenken an.

Besprochen von Michael Lange

Dick Swaab: Wir sind unser Gehirn - Wie wir denken, leiden und lieben
Aus dem Niederländischen übersetzt von Bärbel Jänicke und Marlene Müller-Haas
Droemer Verlag , München 2011
512 Seiten, 22,99 Euro

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