Reisen für Blinde und Sehende

    Gemeinsamer Urlaub, der die Sinne anspricht

    10:04 Minuten
    Teilnehmer einer Reise von Tour de sens bei einem Fototermin
    Wenn blinde, sehbehinderte und sehende Menschen gemeinsam verreisen, haben alle etwas davon. © Tour de sens / Thomas Rathay
    Sonja Heizmann im Gespräch mit Susanne Balthasar · 02.10.2021
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    Blinde Menschen sind oft auf Begleitung angewiesen, ganz besonders, wenn sie auf Reisen gehen. Ein Reiseveranstalter bietet gemeinsamen Urlaub für Blinde, Sehbehinderte und Sehende an – wobei sich alle intensiv über ihre Eindrücke austauschen.
    Blinde und Sehbehinderte verreisen und Sehende begleiten sie dabei. Die Sehenden erzählen von der Welt um sie herum und im Gegenzug erfahren sie, wie die Blinden die Umgebung erleben. So lässt sich das Konzept des Reiseveranstalters "tour de sens" beschreiben.
    "Wichtiger als das Reiseziel ist vielleicht das Programm vor Ort, dass da möglichst viele Sinne angesprochen werden", erklärt Sonja Heizmann, die eine Reisegruppe im Havelland begleitet hat. Ausgangspunkt war der Ort Werder in Brandenburg, der für seine historische Altstadtinsel und sein manchmal etwas ausartendes Baumblütenfest bekannt ist.

    Wechselnde Teams ohne Berührungsängste

    Ein Sehender und ein oder auch zwei Blinde bildeten Teams, jeden Tag neu, damit sich die Reisenden einerseits besser kennenlernen und es auch mehr Abwechslung gibt. "Als sich alle zusammengefunden haben, wurden sogenannte Führbändel verteilt", erzählt Sonja Heizmann: Eine geknüpfte Kordel, die zu einem Ring mit ungefähr zehn Zentimeter Durchmesser zusammengenäht ist.
    Das sei auf jeden Fall entspannter als sich einzuhaken und ganz dicht nebeneinander zu gehen. Berührungsängste sollte man allerdings bei so einer Reise nicht haben. "Das war bei dieser Gruppe auch nicht der Fall. Mir ist gleich am Anfang aufgefallen, wie locker alle waren und wie kommunikativ."
    Die sehende 58-jährige Angelika war zum zweiten Mal bei "tour de sens" dabei. "Wenn ich mitreise, bedeutet es, dass ein blinder Mensch mehr mitreisen kann. Und man muss schon sagen, natürlich ist es auch ein schönes Gefühl, gebraucht zu werden", erzählte sie und berichtete dem als Teenager erblindeten Fabian bei dem Spaziergang immer ziemlich genau, was sie alles wahrnimmt.

    Reben und Blüten ertasten

    Der Wachtelberg in Werder sei für manche das Highlight der Havellandreise gewesen, erzählt Sonja Heizmann. "Weil da nicht nur sehr anschaulich von dem Wein, der da wächst und seiner Geschichte erzählt wurde, sondern die Reisenden im Anbaugebiet die Trauben probieren und die Reben ertasten konnten, aber auch Weinblätter und Blüten." Natürlich folgte dann auch eine Weinprobe.
    Während Urlaubsfotos für Sehende eine ganz wichtige Rolle spielen, stellt sich natürlich die Frage: Wie setzt sich die Vorstellung von der Umgebung bei blinden Menschen zusammen? Spielt da das Bild überhaupt eine Rolle?
    Da kommen mehrere Sachen zusammen, die sich dann zu einem Bild zusammenfügen, habe ihr der 45-jährige Marc erklärt, der früher sehend war und vor elf Jahren erblindet ist, erzählt Sonja Heizmann.
    "Was ich tastend erfühlen kann, auch über den Stock, was ich jetzt hier im Gehen sinnlich wahrnehme, und auch hörend wahrnehme, Bäume beispielsweise, aber auch der Wind", sagte Marc über einen Teil dieser Wahrnehmung der Welt. "Da entsteht schon zusammen mit den Beschreibungen, die ich bekomme, ein Bild in meinem Kopf dazu – zusammen mit meinen sehenden Erinnerungen."
    Sonja Heizmann hat während der Reise auch selbst mehrere Blinde geführt. "Ich bin anfänglich ganz schön ins Schwitzen gekommen", erinnert sie sich. "Umso mehr hat es mich erstaunt, wie locker und angstfrei die blinden und sehbehinderten Reisenden waren. Wie schnell sie sich zum Teil auch bewegt haben und was sie sich alles getraut haben."
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