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Thema / Archiv | Beitrag vom 19.08.2010

Reisebusse im Szenekiez

Wie der Tourismusboom Berlin verändert

Jana Richter im Gespräch mit Joachim Scholl

Berliner Besuchermagnete: Reichstagskuppel und Brandenburger Tor (AP)
Berliner Besuchermagnete: Reichstagskuppel und Brandenburger Tor (AP)

Nach Paris und London ist die deutsche Metropole inzwischen die europäische Nummer drei im Fremdenverkehr. Die durch den Besucheransturm entstehende Wirtschaftskraft könne man einsetzen, um Identitäten in den Kiezen weiterzuentwickeln, erläutert Architektin und Städteplanerin Jana Richter.

Joachim Scholl: "Jeder einmal in Berlin" - so hieß der allererste Werbeslogan, den Berlin 1928 ausrief, und jetzt, bald 90 Jahre später, wirkt er so mächtig wie nie zuvor: Millionen Touristen strömen alljährlich in die Stadt, ein Rekord jagt den nächsten, zweistellige Zuwachsraten, in diesem Jahr will man die 20-Millionen-Genze überschreiten. Berlin ist nach Paris und London inzwischen die europäische Nummer drei im Fremdenverkehr. Im Studio begrüße ich nun Jana Richter, Architektin und Städteplanerin an der Technischen Universität Berlin und Herausgeberin des Buches "The Tourist City Berlin". Willkommen, Frau Richter!

Jana Richter: Hallo!

Scholl: Fast zehn Millionen Touristen sind in diesem ersten Halbjahr in Berlin schon gewesen, bis Silvester rechnet man noch einmal mit derselben Zahl. Damit hat sich der Besucherandrang seit 1990 glatt verdreifacht. Was macht Berlin anscheinend so attraktiv für so viele Menschen?

Richter: Ja, also erst mal würde ich sagen, dass Berlin einfach ein Sonderfall ist - dadurch, dass eben durch den Mauerfall zwei Städte wieder zusammengewachsen sind, die ja auch Tourismus hatten schon, aber wo der Tourismus auf einem relativ geringen Niveau war. Und dadurch, dass eben jetzt die beiden Stadthälften zusammengewachsen sind und diese große Bauaktivität in der Innenstadt - also Regierungsviertel, Mitte - diese ganzen Sanierungen stattgefunden haben, gab es halt in Berlin einfach immer wieder alle halbe Jahre was Neues zu sehen.

Das ist die eine Sache, und die andere Sache ist natürlich, dass die ganzen Freiräume in Berlin eben zu dieser kreativen Stadt geführt haben und zu diesem Ruf, das hippe Berlin, diese Clubmeilen, die entstanden sind, erst in Mitte, jetzt eben im südlichen Spreeraum. All das, glaube ich, führt dazu, dass eben Berlin so interessant ist für Touristen.

Scholl: Das heißt, es kommen genauso gut junge Menschen, die eben das hippe Berlin wollen, wie ältere Menschen, die das historische Berlin besuchen?

Richter: Ja, klar. Das gibt eben eine große Vielfalt in Berlin. Man kann diesen Städtetourismus, der in Berlin stattfindet, irgendwie ja nicht so richtig fassen, um zu sagen, okay, wer kommt jetzt genau wohin oder so, sondern es gibt einfach ein ganz, ganz weites Feld: diese Galerien zum Beispiel, Kunsttourismus, dann diese ganze Politik-, Geschichtsschiene, Wissenschaft, diese ganzen Messen, was ja eben auch von der BTM gefördert wird.

Scholl: BTM, das ist die Berlin Tourismus Marketing GmbH.

Richter: Genau. Also es ist schon eine sehr, sehr große Vielfalt, die hier stattfindet, und vor allen Dingen findet eine permanente Entwicklung statt, die eben dazu führt, dass es einfach jedes Jahr was Neues gibt im Prinzip.

Scholl: Wie hat sich die Stadt durch diesen massiven Tourismus verändert? Sieht man das äußerlich?

Richter: Ja, das ist – also ich bin ja Stadtplanerin und Architektin - auch mein Interessensgebiet, mein Forschungsfeld. Und ich forsche eigentlich die starke Veränderung durch Tourismus in Berlin, einerseits im architektonischen Bereich, wie sie stattfindet, also sieht man mal den Reichstag zum Beispiel: ist ein Parlamentsgebäude im Grunde gewesen oder ist es immer noch, aber jetzt wurde eben die Kuppel draufgebaut, es gibt eine Ausstellung, der Haupteingang ist für Touristen sozusagen, die Politiker gehen auf der anderen Seite rein. Also da sieht man, dass eine ganz große Veränderung eben stattgefunden hat.

Dasselbe gilt auch für den Stadtraum, das ist natürlich immer so ein bisschen schwieriger zu fassen, was passiert eigentlich im Stadtraum? Man hat zum Beispiel ganz starke Bewegungsströme in der Stadt, weil Touristen bewegen sich ja den ganzen Tag durch das Sightseeing durch den Raum. Es gibt diese ganzen Touren, die eben auch relativ dieselben Wege benutzen und dadurch eben so starke Ströme ausbilden und Stadträume eben verändern.

Und was ich eben sehe ist, dass es ganz große Potenziale gibt, diese räumliche Kraft, die der Tourismus mit sich bringt, eben auch für die Stadtentwicklung einzusetzen und ihn positiv zu sehen, um zu sagen, okay, wir brauchen jetzt mal ein touristisches Leitbild für Gesamtberlin, was eben nicht nur auf die Innenstadt fokussiert, sondern eben auch das so ein bisschen raus entwickelt in die Bezirke. Und dass man eben davon ausgeht, wenn man eben diese räumlichen Faktoren des Tourismus untersucht, dass man die eben auch planen und lenken kann und somit positiv einsetzen kann.

Scholl: Berlin bekommt immer mehr Besuch aus aller Welt, im Gespräch mit Deutschlandradio Kultur ist die Architektin und Städteplanerin Jana Richter. Wie haben sich eigentlich – gibt es da auch Erkenntnisse – die Berliner darauf eingestellt, auf diesen Wechsel, auf diesen Zuwachs? Ich meine, Berlin hat ja immer so das Image vom ewig meckernden Einwohner, so die Geschichten vom unfreundlich-granteligen Busfahrer, die sind Legende; und dann, immer wieder gern gehört, die Geschichte vom Touristen, der mit dem Stadtplan an der Ecke irgendwo steht, ratlos einen Berliner nach dem Weg fragt und zur Antwort bekommt: "Hab ick den Stadtplan oder Sie?" Hat sich da in der Zwischenzeit auch was geändert?

Richter: Ja, das ist schwer einzuschätzen, aber ich glaube, Berliner, die meckern eben einfach ein bisschen immer einerseits, und andererseits glaube ich, dass sehr viele, ich sage jetzt mal, touristische Verhaltensweisen auch durch Berliner gemacht werden, also in die Innenstadt fahren, einkaufen, was essen, weggehen, auf die Fanmeile gehen zum Beispiel oder so – das sind eben alles Aktivitäten, die auch Berliner machen. Und man sieht es eben auch, dass Dinge, die in der Innenstadt sich durch Tourismus entwickeln wie so Strandbars oder so, sich auch in die Außenbezirke langsam raus bewegen und eben dort auch entstehen, und daran sieht man, dass es jetzt eigentlich vielleicht gar nicht so einen großen Unterschied immer gibt zwischen Berlinern und Touristen.

Scholl: 20 Millionen Touristen sollen es Ende des Jahres sein, Frau Richter. Die Branche jubelt natürlich und sagt, da ist noch Luft nach oben. Ab wann wird es denn, nach Ihrer Meinung, problematisch? Kann das auch mal kippen, dass es zu viel Tourismus wird?

Richter: Also das passiert natürlich auch schon an einigen Orten in Berlin, dass Tourismus überhand nimmt in städtischen Gebieten. Man kennt zum Beispiel die Oranienburger Straße in der Spandauer Vorstadt, oder auch teilweise Kieze im Prenzlauer Berg oder in Kreuzberg oder Friedrichshain, wo es einfach passiert, dass die touristische Nutzung – Restaurants, Cafés, Hostels, Hotels, Autovermietungen, Souvenirverkäufer, Strandbars zum Beispiel –, dass die eben einfach überhand nehmen und die Bewohnernutzung verdrängen oder auch, ich sage jetzt mal, lokale Betriebe oder Produktionsstätten im Grunde verdrängen.

Und wann jetzt natürlich dieser Punkt ist, wann es kippt, das ist eine schwierige Frage, aber ich würde zum Beispiel sagen, die Oranienburger Straße ist eigentlich schon gekippt. Und ab da, wo man eben anfängt, an den Restaurants vorbeizugehen und so reingezogen zu werden halt, und die Gerichte draußen eben abfotografiert sind, ab da geht es eigentlich los, dass der Berliner nicht mehr reingeht. Und da hat man eben auch wieder diese Annahme, dass Tourismus eben die Räume irgendwie so gleich macht, und das glaube ich aber zum Beispiel, dass das nicht sein muss.

Scholl: Ich meine, man hört ja bisweilen schon Klagen von Berlinern, die sagen: Jetzt gehen die Touristen jetzt nicht nur auf den Ku'Damm oder zum Brandenburger Tor, sondern überschwemmen meinen Kiez. Also das machen viele Touristen, weil sie, ja, vom besonderen Lebensgefühl hier und dort gehört haben, das sich dann aber gerade dadurch dann auch wieder verändert.

Richter: Ja, das ist so. Also ich wohne auch im Prenzlauer Berg, ich bin auch manchmal genervt natürlich, ich glaube, das lässt sich nicht vermeiden. Aber ich glaube auch, das ist Stadt, also da passiert Veränderung, auch in den Kiezen, und die Kieze bleiben nie so, wie sie sind, also sie werden sich auch immer weiter verändern.

Und man sollte eher versuchen, eben zu sagen, okay, wie soll sich denn jeder Kiez weiter entwickeln und wie können wir denn jetzt diese Wirtschaftskraft zum Beispiel einsetzen, um zum Beispiel auch Identitäten in den Kiezen weiter zu entwickeln, und eben nicht zu so einer Gleichmacherei zu kommen, wie sie eben im Tourismus oft passiert oder was eben auch oft dem Tourismus zugeschrieben wird. Das ist ja auch nicht nachgewiesen, dass das durch den Tourismus kommt.

Scholl: Wenn die Berlin Marketing Tourismus GmbH jetzt bei Ihnen anruft, die Stadt, und sagt, Frau Jana Richter – was können wir noch besser machen? Nächstes Jahr werden es vielleicht 25 Millionen, die kommen.

Richter: Ja, da fallen mir sehr viele Sachen ein, die man noch besser machen kann, natürlich kleine Details innerhalb des Stadtraums aber auch großflächige Details. Erst mal glaube ich, dass man eben ein räumlich-touristisches Leitbild braucht für die Innenstadt und für die gesamte Stadt, um die ganzen Potenziale, die Berlin auch noch hat, überhaupt hervorzuholen und auch zu nutzen einerseits, und um andererseits eben diese Übernutzung, über die wir gerade auch gesprochen haben, zu vermeiden und eben gewisse Räume, die jetzt eben auch einfach überfüllt sind, zu entlasten.

Zum Beispiel was man machen könnte, wäre, das Dokumentationszentrum der Berliner Mauer, was sich ja auch seit 1990 von einem ganz kleinen Dokumentationszentrum rasant entwickelt hat - also im Grunde könnte man das auch als Beispiel für Berlin nehmen: Da wurde ja noch eine Kirche gebaut, ein Mahnmal und noch ein Besucherzentrum, und jetzt haben wir noch eine Open-Air-Ausstellung. Also es ist jetzt inzwischen fast ein ganzer kleiner städtischer Bereich, und der ist zum Beispiel noch gar nicht gut vernetzt, obwohl er gar nicht so weit weg liegt sage ich jetzt mal von dem touristisch stark frequentierten Mitte.

Und da müsste man eben zum Beispiel überlegen, wie man eben im Stadtraum – der eben zwischen diesem touristisch frequentierten Bereich und diesem Dokumentationszentrum, wo der Tourist zurzeit einfach schwer hinfindet, außer er kommt mit dem Reisebus an – zum Beispiel weitere kleine touristische Funktionen entwickelt, um eben diese Fußläufigkeit zu erreichen. Also zum Beispiel gibt es ja in diesem Gebiet auch ganz viele Begebenheiten, die sich im Rahmen der Bernauer Straße abgespielt haben, die man eben zum Beispiel sichtbar machen könnte, und schon würde der Tourist einfach merken, okay, da hinten kommt noch was, ich kann da weitergehen und dann komme ich halt da an.

Scholl: Die Touristenstadt Nummer drei in Europa, wie sich Berlin dadurch verändert, das war die Architektin und Städteplanerin Jana Richter. Das von ihr herausgegebene Buch "The Tourist City Berlin" ist im Verlagshaus Braun erschienen und kostet 29,90 Euro. Herzlichen Dank für Ihren Besuch, Frau Richter!

Richter: Danke auch!

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