Reise in den eigenen vier Wänden

Um Reiseliteratur zu schreiben, muss man nicht zwangsläufig die eigenen vier Wände verlassen. Man kann auch auf Zimmerreise gehen. In seinem Buch "Reisender Stillstand" beschreibt der Literaturwissenschaftler Bernd Stiegler diese ungewöhnliche Form.
Heutzutage leiden wir in unseren häuslichen vier Wänden eher unter einem Zuviel an Welthaltigkeit als an einem Zuwenig. Denn die modernen Medien liefern einen Informationsstrom bis in unsere intimsten Bereiche, dem wir weder entkommen wollen noch können. Es ist kein Zufall, dass während der Jahrhunderte, in denen der Globus gleichsam kleiner wurde – erst durch die Reise- und Entdeckungswut der westlichen Pioniere, dann durch den Tourismus -, ein Topos in der Literatur entsteht, der zunächst Erholung von der kollektiven Reisewut verspricht; schließlich bildet er die Schablone der heutigen Internet-Existenz: der Topos der Zimmerreise.

Der Konstanzer Literaturwissenschaftler Bernd Stiegler verfolgt diesen Topos vom ausgehenden 18. Jahrhundert bis in die Gegenwart. Fast von einem Genre der "Zimmerreiseliteratur" kann man sprechen - seit Xavier de Maistres Buch "Voyage autour de ma chambre". De Maistre (1763-1852) nutzte einen Hausarrest von einem Monat zu seiner "Reise durch mein Zimmer" und betrieb Selbstbeobachtung: eine Art Ethnologie seiner selbst.

Mit seinem Buch hatte de Maistre einen Nerv der Zeit getroffen, machte doch die Reiseliteratur ein Gros der Veröffentlichungen im Zeitalter der Entdeckungen und der Aufklärung aus. Sophie von La Roche mit ihren zwei dicken Bänden zur Reise über ihren Schreibtisch folgte 1799 - und seitdem viele weitere Autoren, die das demonstrative wie existenzielle Zuhausebleiben als Meditationsmethode ungeahnter geistiger Dimensionen feiern. So gelingt es Stiegler etwa, ein Schlaglicht auf Samuel Becketts Werk zu werfen, das so erhellend ist, dass man gleich weitere Forschung zum Thema in Auftrag geben möchte: Beckett schickt seine gebeutelten Helden nach akribischer Schilderung des Zimmerinterieurs auf ihre Reisen durch die Literatur.

Bernd Stieglers Studie ist selbst das Vademecum einer zünftigen Zimmerreise, die man vollzieht, wenn man das elegant geschriebene Buch liest. Aber das wirklich Wahrhaftige an diesem Meisterstück an Literaturessayistik ist der auffällige Verzicht auf Literaturtheorie bei äußerster Effektivität der Beobachtungen an der Literatur selbst. Hier wird diskret für die schlichte Philologie geworben. Dass Stieglers Zimmerreisen-Beobachtungen darüber hinaus eine aufschlussreiche philosophische Dimension im Prozess der Globalisierung haben - denn sie sind ein direkter Reflex auf den schrumpfenden Globus. Das anzudeuten ist der Autor einstweilen zu bescheiden. Er hält sich, im Nebenberuf Fotografiehistoriker, an Kracauer’sche Analyse-Schlichtheit.

Dieses Buch straft das Klischee von der langweiligen Literaturwissenschaft Lügen: Auch wenn die Literaturtheorie nach den Plüschgewittern der Postmoderne ziemlich am Boden liegt, erweist sich Stieglers "Reisender Stillstand" als eine Möglichkeit, das zu zeigen, was literarisch zusammenhängt - ohne sich irgendeinem theoretischen oder touristischen Dogma des Lesens zu unterwerfen

Besprochen von Marius Meller

Bernd Stiegler: Reisender Stillstand. Eine kleine Geschichte der Reisen im und um das Zimmer herum.
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2010
288 Seiten, 22,95 Euro