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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 31.08.2015

Reihe UN-MillenniumszieleBonn - die Hauptstadt der Entwicklungshilfe

Von Ulrike Köppchen

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Der UN-Campus, das ehemalige Abgeordneten-Hochhaus Langer Eugen in Bonn (dpa / picture alliance / Oliver Berg)
Der UN-Campus, das ehemalige Abgeordneten-Hochhaus Langer Eugen in Bonn (dpa / picture alliance / Oliver Berg)

Wer wissen will, wie sich Entwicklungspolitik und Entwicklungshilfe in den letzten 15 Jahren verändert haben, muss entweder die halbe Welt bereisen - oder einfach nach Bonn fahren. Dort sind fast alle Akteure der Entwicklungspolitik auf engstem Raum versammelt.

Wer etwas über Entwicklungspolitik erfahren will, kann nach New York reisen, nach Genf oder in die Länder, die entwickelt werden sollen. Und das sind ja bekanntlich viele. Er oder Sie kann aber auch einfach nach Bonn fahren. Hier konzentriert sich alles, was in Sachen Entwicklungspolitik Rang und Namen hat.

Das Taxi ist auf dem Weg nach Heiderhof, eine Trabantenstadt am südlichen Ende von Bad Godesberg. Reihenhäuser und einige Blocks, von Wald umgeben. In den 60er-Jahren wurde die Siedlung eilig aus dem Boden gestampft, als sich abzeichnete, dass Bonn länger Hauptstadt bleiben würde als das ursprünglich geplante Provisorium. Bis heute wohnen in Heiderhof viele Bundesbedienstete und frühere Bundesbedienstete. Auch Michael Bohnet lebt hier mit seiner Familie:

"Schön, dass Sie mich hier aus Berlin besuchen in dem kleinen, abgehängten Bonn, das sich aber gerade zu einem Zentrum für Entwicklungspolitik entwickelt hat und entwickeln wird, und natürlich, die Dynamik der internationalen Kooperation geht in Zukunft von Bonn aus und nicht von Berlin."

Michael Bohnet muss es wissen: Viele Jahre hat der gebürtige Berliner im Bonner Entwicklungsministerium gearbeitet. Er war stellvertretender Staatssekretär, zentraler Verhandler der Bundesregierung bei den Weltkonferenzen der 90er-Jahre, Sonderbeauftragter für den Wiederaufbau Afghanistans und später Beauftragter für die neuen EU-Länder. Außerdem Professor für Volkswirtschaft an der Universität Duisburg. Inzwischen ist Michael Bohnet pensioniert, gerade hat er ein Buch zur Geschichte der deutschen Entwicklungspolitik veröffentlicht.

"Ich bin von Hause aus Maschinenbauer, also Ingenieur, und habe gleichzeitig Volkswirtschaftslehre studiert und bin zur Entwicklungspolitik gekommen dadurch, dass mein berühmter damaliger Professor Paulsen, Rektor der Freien Universität Berlin, viele Seminare durchführte zur Entwicklungspolitik, und einen Studenten, den habe ich damals betreut, das war Atanase Tukamadzin, der war später mal Finanzminister, aus Burundi und dessen Diplomarbeit habe ich betreut …"

Nach seiner Promotion arbeitete Michael Bohnet zunächst als Ingenieur an verschiedenen Entwicklungshilfeprojekten in Afrika:

"Also, zum Beispiel die berühmte Straße Rhumpi-Chiweta, das ist sozusagen eine konkrete Tat von mir. Die war in Malawi, und zwar genau am Malawi-See zwischen den beiden Städten Rhumpi und Chiweta, und diese Straße ist heute noch eine vorzügliche Straße, wird noch richtig in Schuss gehalten und dient noch immer dazu, Nord-Malawi sozusagen zu erschließen und auch dem Tourismus zu öffnen."

Im Kalten Krieg war Entwicklungshilfe ideologisches Instrument

Ein nahe liegendes Arbeitsfeld war Entwicklungszusammenarbeit damals noch nicht. Streng genommen gab es bis in die 60er-Jahre des letzten Jahrhunderts gar keine Entwicklungshilfe. Denn wenn Ländern der Dritten Welt Hilfen gewährten wurden, diente das vor allem dazu, sie während des Kalten Kriegs bei der Stange zu halten. 

"Der Bundesrepublik kam es damals darauf an, die Anerkennung der DDR zu verhindern, weil sehr viele Staaten insbesondere in Afrika und Asien dazu neigten, und das Mittel, um das zu verhindern, war eben die Gewährung von Entwicklungszusammenarbeit oder die Drohung, die Entwicklungszusammenarbeit einzustellen für den Fall, dass das Land die DDR anerkennen würde. Also, es war ein eindeutig außenpolitisch-geostrategisches Instrument und hatte relativ wenig zu tun mit klassischen, humanitär-ethischen Grundsätzen."

Überhaupt erst 1961 wurde in der Bundesrepublik ein Entwicklungshilfeministerium eingerichtet. Nicht zuletzt deshalb, weil es in Adenauers Koalitionsregierung einen Politiker gab, für den der Kanzler einen Ministerposten schaffen wollte. Namentlich für den FDP-Abgeordneten Walter Scheel, der – wie böse Zungen behaupteten – das Aktenstudium nicht sonderlich liebte, das Reisen dafür umso mehr.

"Die humanitären, ethischen Argumente sind im Grunde genommen erst mit der Regierung Schmidt, Kanzlerschaft Willy Brandts ins Zentrum gerückt und mit dem großen Engagement der Kirchen in jener Zeit, Entwicklungspolitik zu einer Sache sui generis zu machen."

Entwicklungshilfe war selten uneigennützig

Michael Bohnet kam 1973 ins Ministerium. Von Erhard Eppler bis Heidemarie Wieczorek-Zeul, der Entwicklungsministerin im Kabinett Gerhard Schröder, hat er die deutschen Entwicklungsminister erlebt und gesehen, wie selten Entwicklungshilfe uneigennützig gewährt wurde, sondern wie Entwicklungszusammenarbeit stets verflochten war mit wirtschaftlichen oder außen- und sicherheitspolitischen Interessen.

Nachdem der Deutsche Bundestag 1991 den Regierungsumzug nach Berlin beschlossen hatte, drohte dem beschaulichen Bonn ein Bedeutungsverlust. Endlich einmal eine Gelegenheit für einen Entwicklungsminister, die Entwicklung im eigenen Land voranzubringen. Der hieß damals Carl-Dieter Spranger von der CSU und machte Bonn zur Hauptstadt der Entwicklungspolitik:

"Die Mehrzahl der BMZ-Mitarbeiter arbeiten in Bonn, und wir haben eine Vielzahl internationaler Organisationen, die in Bonn tätig sind, und aus Berlin sind auch einige Entwicklungsorganisationen nach Bonn umgezogen, zum Beispiel früher der Deutsche Entwicklungsdienst oder das Deutsche Institut für Entwicklungspolitik, und Bonn ist nun auch im Wissenschaftsbereich ein Zentrum für Entwicklungsforschung geworden, wir haben also gegründet das ZEF, das Zentrum für Entwicklungsforschung an der Universität Bonn, und natürlich derzeit sind in Bonn etwa 17 UN-Organisationen ansässig und man geht davon aus, dass diese Dynamik sich weiterentwickelt."

Den Anfang machte 1996 das UN-Freiwilligenprogramm, kurze Zeit später folgten das UN-Klimasekretariat und weitere UN-Einrichtungen. Auch das Büro der Millenniumskampagne war in Bonn angesiedelt.

"Und jetzt rechts ist dieses ganze UN-Gebiet. In dem früheren Langen Eugen, wie er genannt wurde, dem Abgeordnetenhaus, sind jetzt nur UN-Organisationen."

 

Das Gebäude der Vereinten Nationen (UN) in Bonn. Aufnahme vom März 2014. Regionales Informationszentrum der Vereinten Nationen für Westeuropa (UNRIC). Verbindungsbüro in Deutschland. (picture alliance / dpa / Wolfgang Moucha)Das UN-Gebäude in Bonn (picture alliance / dpa / Wolfgang Moucha)

130 Entwicklungsorganisationen in Bonn

Kurz dahinter das Ministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit, das als eines von sechs Bundesministerien nicht nach Berlin gezogen ist, sondern zumindest seinen offiziellen Hauptsitz in Bonn behalten hat. Auch die Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit und die KfW, die im Auftrag der Bundesregierung die technische bzw. die finanzielle Entwicklungshilfe durchführen, haben zumindest einen Standort in Bonn. Insgesamt gibt es in der alten Bundeshauptstadt derzeit etwa 130 Entwicklungsorganisationen.

Ein dreistöckiger weiß-grauer 60er-Jahre-Bau, nicht weit entfernt vom alten Regierungsviertel. Davor eine Bushaltestelle und gut gefüllte Fahrradständer. An der Wand ein Schild: "Dr. Werner Schuster Haus". Benannt ist das Gebäude nach dem 2001 verstorbenen SPD-Bundestagsabgeordneten Werner Schuster, einem über die Parteigrenzen hinweg geachteten Entwicklungspolitiker, der sich vor allem für Afrika engagiert hat.

Hier im Werner-Schuster-Haus hat "Südwind" seinen Sitz, ein kleines, unabhängiges Forschungsinstitut im Bereich Entwicklungspolitik.

"Wir sind aus dem kirchlichen Kontext entstanden, da gab es progressive Menschen, die haben gesagt, wir haben es satt, immer wenn wir über die Verschuldung von Entwicklungsländern sprechen, über ökonomische Themen, dass wir dann immer nicht ernst genommen werden, wenn wir argumentieren, dass das Unrecht ist, dass wir dann immer gesagt bekommen, ja, ihr mit der Bibel in der Hand, ihr argumentiert moralisch, ethisch, christlich, sondern die haben sich gedacht, wir müssen dem was fachlich entgegensetzen, wo wir wirklich knallharte ökonomische Fakten, die auch belegbar sind, vorweisen können und deshalb so ein bisschen aus dieser Christenecke, die so negativ angesehen wurde, rauskommen."

Martina Schaub ist die Geschäftsführerin von "Südwind". Eine kleine, zierliche Frau im blauen Sommerkleid. Ursprünglich Agraringenieurin, hat sie zusätzlich ein Masterstudium Entwicklungspolitik und eine Fundraising-Ausbildung absolviert. Seit acht Jahren ist sie bei "Südwind".

"Wir sind immer noch kirchlich verhaftet, verankert, wir sind aber ein unabhängiges Institut, was sich heute für weltwirtschaftliche Gerechtigkeit einsetzt."

NGOs im ehemaligen Bundesministerium

Südwind forscht zu Themen wie Frauen und Weltwirtschaft, Sozialstandards im Welthandel oder Nachhaltigkeit auf den Finanzmärkten und beteiligt sich auch an Kampagnen, zum Beispiel an der Kampagne für saubere Kleidung. Das Institut ist Teil der breiten Szene von Nichtregierungsorganisationen, kurz NGOs, die sich rund ums BMZ niedergelassen haben.

"Wir sitzen hier in einem Haus, das komplett an zivilgesellschaftliche Organisationen im Entwicklungsbereich vermietet ist, das ist von der Stadt Bonn hier, dieses Haus, und wir arbeiten schon lange und auch gut mit Germanwatch zusammen, die auch hier sitzen, und Südwind selbst ist ja erst September letzten Jahres in dieses Gebäude gezogen, und wir merken sehr stark, dass diese räumliche Nähe uns auch noch mal viel näher an diese anderen Organisationen gebracht hat, das ist ein ganz großer Gewinn."

Es gebe mehrerer solche NGO-Häuser, in denen die Stadt gezielt entwicklungspolitische Organisationen angesiedelt habe, sagt Martina Schaub. Mit dem kleinen, unscheinbaren Werner-Schuster-Haus hat es allerdings etwas Besonderes auf sich:

"Dieses Gebäude ist das BMZ gewesen. Der Raum, in dem wir hier sitzen, da hat Entwicklungsminister Eppler gesessen. Ich bekam das erzählt, hier von Ludger Reuke von Germanwatch, der eben auch so ein SPD-Genosse von Eppler war, und das ist doch ein schönes Gefühl, weil man mit Minister Eppler verbindet man eben eine Menge Positives, was die staatliche Entwicklungszusammenarbeit angeht."

Von 1968 bis 1974 war Erhard Eppler Entwicklungsminister. Bereits damals setzte er in der Entwicklungspolitik auf Ökologie und Nachhaltigkeit. Die gleichen Punkte stehen auch ganz oben auf der Agenda der aktuellen Entwicklungsministers Gerd Müller. Und es sind auch Themen, für die Nichtregierungsorganisationen wie Germanwatch oder Südwind Experten sind.

Heißt das, dass man im Ministerium inzwischen auf sie hört? Nicht unbedingt, sagt Martina Schaub. Aber die Konzentration der Entwicklungsorganisationen und die kurzen Wege im kleinen Bonn führen schon dazu, dass man sich einfach kennt:

"Man trifft sich schon ab und zu, ja. Man trifft sich leider immer weniger, weil es schon auch einen starken Sog nach Berlin gibt, und in Berlin trifft man sich dann bestimmt viel öfter, aber es ist schon so, wenn man, wie wir jetzt eben, so lange existiert, dann haben sich dann ja auch langfristige gute Kooperationsbeziehungen aufgebaut, da haben sich auch Zugänge zu Akteuren aufgebaut, durchaus auch vertrauliche Zugänge, die man dann nutzen kann, wir kennen viele Mitarbeiter im BMZ, wir kennen viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der GIZ, genauso aber auch in den ganzen zivilgesellschaftlichen Organisationen."

NGOs sitzen mit am Verhandlungstisch

NGOs wie Südwind spielen in der Entwicklungspolitik heute eine andere Rolle. Durften sie früher bestenfalls hinten im Zuschauerraum Platz nehmen, bittet man sie heute mit an den Verhandlungstisch.

"Da gibt es aktuell auch ein gutes Beispiel: das Bündnis für nachhaltige Textilien. Das ist so ein Vorzeigeprojekt von Minister Müller und wir sind eingeladen worden mitzumachen, haben uns erst auch ein bisschen … durchaus bewusst mit auseinandergesetzt, ob wir reingehen in diesen Runden Tisch und haben dann uns entschieden, wir machen das. Ich finde, das ist so ein Beispiel, wo man sieht, dass unsere Rolle durchaus nötig ist, eine kritische Begleitung von Politik zu haben, weil wir sind zwar in dem Prozess mit drin, und wir sagen auch, das ist gut so, aber wenn es Organisationen wie uns nicht gegeben hätte, dann wäre dieser Aktionsplan, so wie der jetzt auf dem Tisch gelegen hat, so nicht zustande gekommen."

Bonn-Bad Godesberg. Hier hat die Welthungerhilfe ihren Sitz, eine der ältesten und größten Hilfsorganisationen der Bundesrepublik.

"Wir wurden 1962 gegründet in einer damaligen Kampagne, Freedom from Hunger-Campaign, das war so ein bisschen durch die Bilder initiiert, die man Ende der 50er, Anfang der 60er-Jahre aus Afrika hatte, von großen Hungersnöten, von großen Problemen, auch diesen gesellschaftlichen Umbrüchen, wenn es um Unabhängigkeit ging, und der damalige Bundespräsident hatte das Gefühl, da muss man eigentlich was machen, und hat dann in Deutschland so die gesellschaftlich wichtigen Gruppen an einen Tisch bekommen."

Simone Pott ist die Pressesprecherin der Welthungerhilfe. Die Organisation ist fast so etwas wie eine Nichtregierungsorganisation der Regierung. Mitglieder der Welthungerhilfe sind die politischen Parteien, die Kirchen, Gewerkschaften und Verbände. Die Schirmherrschaft hat traditionell der Bundespräsident.

"Es war ja im Grunde genommen noch in den Anfängen der Bundesrepublik so ein bisschen, '62, und hat dann gedacht, wir müssen alle Leute, die hier in der Bundesrepublik sich politisch, aber auch außenpolitisch, moralisch vielleicht auch engagieren wollen, an einen Tisch bringen. Und deshalb kam diese Konstruktion. Sie ist schon sehr besonders, da haben Sie Recht."

Seit 25 Jahren ist die blonde Kielerin jetzt schon bei der Welthungerhilfe. In der täglichen Arbeit sei man sehr frei, sagt sie, vielleicht weil bei den Parteien und Verbänden Entwicklungspolitik nicht gerade höchste Priorität genießt. Möglicherweise auch deshalb, weil die Arbeitsfelder der Welthungerhilfe von links bis rechts mehrheitsfähig sind.

"Es sind zwei Schwerpunkte. Es ist auf der einen Seite die Unterstützung bei humanitären Krisen und Katastrophen, zum Beispiel in Nepal oder damals nach dem Taifun auf den Philippinen oder damals das große Erdbeben in Haiti, und die zweite Sache ist Ernährungssicherung, Bekämpfung von Hunger und Armut, vor allen Dingen in ländlichen Gebieten."

Was kommt nach einer Katastrophe?

So oder jedenfalls so ähnlich stellt man sich das ja klassischerweise auch vor mit der Entwicklungshilfe: Brunnen bauen in Afrika und Reissäcke an Hungernde verteilen. Nur läuft es eben längst nicht mehr so:

"Bei uns geht es nicht darum zu sagen, ok, wir versorgen nach eine Katastrophe vier Millionen Menschen mit Nahrungsmitteln, sondern wir stellen uns ziemlich schnell die Frage: Wenn sie die Nahrungsmittel haben, was werden sie dann brauchen? Was machen sie eigentlich mit ihren Feldern, die zerstört sind? Was ist mit den Brunnen, die vielleicht versalzen sind oder die verschüttet sind? Oder was ist mit den Häusern oder Schulen, die zerstört sind? Das heißt, in einem relativ frühen Stadium kümmern wir uns schon darum: Was müssen die nächsten Schritte sein?"

Auch ansonsten habe sich viel verändert in der Entwicklungszusammenarbeit der Welthungerhilfe, betont Simone Pott. Geber und Empfänger begegneten sich inzwischen auf Augenhöhe:

"Wir haben weltweit etwa 2200 Mitarbeiter, und davon sind 200 hier in Bonn und dann sitzen noch ein paar internationale da draußen, das heißt, die Hauptzahl unserer Mitarbeiter sind lokale Mitarbeiter. Diese lokalen Mitarbeiter übernehmen in vielen Ländern mittlerweile ganz andere Funktionen als damals. Ich sag’s mal ganz krass: Früher war der lokale Mitarbeiter der Fahrer und vielleicht noch derjenige, der die Buchführung machte. Heutzutage haben wir lokale Landesdirektoren, wir haben sehr professionelle Projektleiter, wir haben Regionalfachkräfte, das heißt, auch da hat sich enorm viel verändert, und ich glaube, dass da eine Organisation wie die Welthungerhilfe gemeinsam mit anderen auch viel dazu beigetragen hat, dass Mitarbeiter in diesen Ländern, also gut ausgebildete einheimische Fachkräfte auch die Möglichkeit hatten, entsprechend Jobs zu finden."

Mit dem BMZ arbeite man traditionell gut zusammen, sagt Simone Pott. Auch wenn man den Minister inzwischen eher in Berlin als in Bonn antrifft.

"Das BMZ, die Leitungsebene, ist ja schon weg. Das heißt, wir sind bei vielen Gesprächen sowieso in Berlin. Es gibt viele Kollegen, die zu Gesprächen mit dem BMZ nach Berlin fahren."

Natürlich hat auch die Welthungerhilfe ein Büro in Berlin. Die Zentrale allerdings war immer in Bonn, und da wird sie auch bleiben, glaubt Simone Pott.

"Was man nicht unterschätzen darf: Ein Großteil unserer Gelder kommen auch aus Brüssel, und Bonn – Brüssel ist deutlich schneller als Berlin – Brüssel."

Fairer Handel soll Existenzen sichern

Ein kleines Ladenlokal in der Bonner Altstadt, kaum größer als ein Wohnzimmer. Draußen ein Schild "Weltladen". In den Regalen ein buntes Sammelsurium. Wein, Gewürze, Kaffee, Tee, Schmuck, Kleidung und Upcycling-Produkte, Fahrradtaschen aus vietnamesischen Reissäcken oder Portemonnaies aus alten Autoreifen.

"Kaffee ist so der Verkaufsschlager eigentlich."
"Nicaragua-Kaffee?"
"Ja, es gibt auch den Bonn-Kaffee. Es gibt so eine Linie, 'rheinische Affaire' nennt sich die, wo viele Städte entlang des Rheins so einen eigenen Kaffee quasi haben, von einer Kooperative, in Bonn heißt das der Bonn-Kaffee, den gibt’s in anderen Städten auch…

Affäre auf dem Etikett schreibt sich mit ai wie in "fair", denn wie alles andere in dem kleinen Laden stammt der Kaffee aus fairem Handel. Das heißt, den Erzeugern wird ein existenzsichernder Lohn garantiert. Die Menschen hingegen, die im Laden arbeiten, bekommen gar nichts, sondern sind wie die Studentin Theresa ehrenamtliche Helfer.

"Ich finde die Idee des fairen Handels einfach super und dann habe ich gedacht, ich habe eh ein bisschen Zeit zuviel, und dann kann ich mich ja hier auch ein bisschen engagieren und dann bin ich zu einem Treffen gegangen, das haben wir alle zwei Wochen und dann hab ich so ein bisschen erfahren, wer so mitmachen und was man alles so machen kann, halt Ladenschichten übernehmen oder andere Sachen wie Bildungsarbeit oder die Veranstaltungen, und dann habe ich mir gedacht, so eine Ladenschicht jede Woche, das würde ich auf jeden Fall sehr gern machen."

Seit 24 Jahren gibt es den Weltladen bereits. Damals war Fair Trade noch eine exotische Nische. Inzwischen ist fairer Handel in Mode, von mafiafreien Nudeln bis zur gerechten Banane. Ein kommerzielles Unternehmen ist der Weltladen nicht, sondern er wird seit 2013 von einem Verein getragen. Eines der Vorstandsmitglieder ist Ann-Kathrin Voge:

"Ich bin Ann-Kathrin Voge, ich bin hier in Bonn seit 2011 im Weltladen aktiv, das ist eigentlich, seit ich hier in Bonn wohne, und davor habe ich in anderen Städten studiert und war dort jeweils auch im Weltladen… mache verschiedene Dinge: Veranstaltung."

Bonn engagiert sich für fairen Handel

Ihr Wissen hilft Ann-Kathrin Voge auch beruflich. Sie arbeitet bei Engagement Global, einer noch vom FDP-Entwicklungsminister Dirk Niebel gegründeten Service- und Beratungsstelle für entwicklungspolitisches Engagement. Schließlich ist auch in der Entwicklungspolitik inzwischen die Zivilgesellschaft gefragt. Ann-Kathrin Voge berät Kommunen im Bereich fairer Handel. Da sei Bonn sehr aktiv, betont sie.

"In Bonn gibt es gerade ein Projekt, was jetzt anläuft von einer in Bonn auch ansässigen Organisation namens Femnet, die sich um den Bereich Textilien kümmert, und die kooperiert mit dem Grünflächenamt Bonn, eine faire Beschaffung im Grünflächenamt umzusetzen. Also, faire Arbeitskleidung zu beschaffen, und das ist ein sehr beispielhaftes Projekt, was jetzt gerade gestartet ist."

Etwa 40 ehrenamtliche Mitarbeiter hat der Weltladen, viele Studierende sind darunter. Zum Beispiel Theresa und Janine:

Theresa: "Streng genommen ist es mein einziges entwicklungspolitisches Engagement, aber ich habe auch Menschenrecht studiert. … die Regulierung von Unternehmen durch Menschenrechte studiert habe, was dann zum Beispiel menschenrechtskonforme Lieferkette wäre."
"Das kann man studieren?"
"Aber nicht in Deutschland. Das geht nur in UK, und das habe ich mir auch selbst zusammengestellt."
"Was macht man damit?"
"Danach kann man zum Beispiel im fairen Handel tätig werden, bei einer Fair-Handels-Organisation. Oder man arbeitet beim Entwicklungsdienst."
"Nicht bei einem internationalen Unternehmen? Müsste es nicht darum gehen, die zu verändern, anstatt immer neue Nischen zu schaffen?"
"Das ist natürlich eine absolute Wertefrage. Eine Kollegin von mir nickt absolut dazu…"

Janine: "Ich hab ja so genickt, als es darum ging, ob nicht die großen Unternehmen da was machen müssten. Alle, die in dem Bereich ausgebildet sind – warum sind die eigentlich im Großen und Ganzen bei NGOs, warum sind es nicht die großen Unternehmen, die da was machen? Und die Antwort ist: das lohnt sich nicht. Deshalb sage ich ja: hier im Kleinen was verändern, damit der Konsum anders wird, und damit die Unternehmen auch merken, das lohnt sich.

Man muss halt im Kleinen anfangen, um irgendwas zu verändern. Wir können die Vernetzung von allen verschiedenen Bereichen – Ökologie, Wirtschaft, Menschenrechte – können wir nicht aufheben, aber wenn man an einer Ecke anfängt, vielleicht was verbessern."

Bonn, Marktplatz. Ein Bläserensemble macht Straßenmusik, davor haben sich mit Einkaufstüten beladene Passanten im Halbkreis aufgestellt. Kein falscher Ton ist zu hören, alles ist ordentlich, sauber und rheinisch gemütlich. Mit seinen alten Regierungsgebäuden und den Straßennamen, die an Größen der Bonner Republik erinnern, wirkt Bonn ein bisschen wie ein Freilichtmuseum der alten Bundesrepublik, und den dafür typischen gediegenen Wohlstand strahlt die Stadt auch aus.

Entwicklungspolitisch scheint Bonn gut aufgestellt. Viele Initiativen und Netzwerke arbeiten daran, die Welt im Kleinen ein bisschen gerechter zu machen. Vor allem Bonn.

Grund zur Klage gibt es im Großen, denn weder Fair Trade noch Textilbündnis können darüber hinwegtäuschen, dass die globale Entwicklungspartnerschaft noch nicht sehr weit gediehen ist. 

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