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Fazit / Archiv | Beitrag vom 02.01.2016

Reihe Schöne Paare: Ungewöhnliche KulturbeziehungenÄsthetik-Forschung im Labor

Von Rudolf Schmitz

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Auf einer Tafel sind zwei Gehirnhälften mit Symbolen für wissenschaftliche Zweige zu sehen, etwa für Mathematik, Musik, Chemie, Wirtschaft und Physik (Imago)
Was verraten uns Gehirnströme über ästhetischen Genuss? (Imago)

Wie reagieren wir auf ästhetische Produkte, also Literatur, Musik, Film, Tanz? Das Frankfurter Max Planck Institut für empirische Ästhetik sucht im sogenannten Art Lab mithilfe von Messungen von Gehirnströmen oder Herzfrequenzen Antworten darauf.

Das Art Lab sieht aus wie ein kleiner Konzertsaal, etwa 50 Sessel, eine kleine Bühne. Hier also soll sie stattfinden: die unglaublichste Ästhetik-Forschung der Zukunft. Der Literaturwissenschaftler Winfried Menninghaus zeigt mir auf seinem Laptop ein Gedicht von Goethe, nebst einigen Textvarianten, die er an Versuchspersonen ausprobiert hat.   

"Leichte Silberwolken schweben durch die erst erwärmten Lüfte/ mild, von Schimmer sanft umgeben, blickt die Sonne durch die Düfte".

Dann hat Winfried Menninghaus den Reim rausgenommen, in einem weiteren Schritt das Versmaß: "Leichte silberne Wolken fliegen durch den erwärmten Himmel, mild und von Schimmer umgeben, blickt die Sonne jetzt durch die Düfte". Das Original und alle Varianten hat er Versuchspersonen zu hören gegeben. Und dann deren Körperdaten, ihre physiologischen Reaktionen registriert.   

"Wir können auf diese Art und Weise sehr genau und selektiv die Effekte von allen möglichen poetischen Merkmalen untersuchen. Das heißt wir erheben dann zu den einzelnen Versionen komplexe Response Profiles, also Hörprofile, Leseprofile. Das enthält subjektive Wahrnehmungen, die verbalisiert werden, aber auch objektive Daten: Hautleitwiderstand, und Herzrate. Und das Phantastische ist: Auf so kleine Unterschiede reagiert der ganze Körper". 

Verkabelte Kunstkonsumenten

Das Frankfurter Max Planck Institut für empirische Ästhetik macht Ernst mit der sogenannten Rezeptions- oder Wirkungsforschung. Versuchspersonen werden verkabelt, ihre Gehirnströme werden gemessen, während sie ästhetische Produkte konsumieren: Musik, Filme, oder, in diesem Fall: Lyrik.

"Nur das originale Gedicht aktiviert bestimmte musikbezogene Regionen im Gehirn und emotionsbezogene. Die anderen bauen das Stück für Stück ab. Das ist auch dann der Fall, wenn die Personen sagen: Mit Lyrik habe ich persönlich gar nichts am Hut". 

Und damit habe er überhaupt nicht gerechnet, gibt Winfried Menninghaus zu. Und selbst bei Einfügung von Unsinnswörtern ergeben sich noch relevante Auskünfte.

"Leichte Silberwolken schweben durch die erst erwärmten Lüfte, mishbe wirbelfortme schwebeburski elst entfernt genüssbe usw. Das heißt: Die Gestalt wird komplett erhalten, und sie haben nur noch die Lautgestalt und können dann unter Abstraktion von der Semantik noch mal prüfen, ob Sie den Reimeffekt haben, den Metrumeffekt. Und das ist schon auch ein hoher Spaßwert".

Winfried Menninghaus erzählt von einer Studie, in der Teilnehmer gebeten wurden, ihre Lieblingsgedichte mitzubringen, die bei ihnen regelmäßig Gänsehaut auslösen. Und auch die kann das Art Lab registrieren, mit einer Kamera.

"Das ist eine sogenannte Gänsehautkamera. Dafür entwickelt worden (lacht), und dann kann man tatsächlich die Synchronisierung dieser Hautreaktionen mit den anderen Körperreaktionen und dem Gehirnsignal messen, kann man sehr viel drüber lernen. Auch über die Komposition von Gedichten, weil die Gänsehaut tatsächlich nur an bestimmten Stellen auftritt. Faszinierend. Ich kann nur sagen: Das habe ich auch nicht für möglich gehalten, aber es geht". 

Handfeste Untersuchungen von Schönheit

Und das Art Lab, bisher noch in der Erprobungsphase, soll die ästhetische Wahrnehmung unter "gewohnten" Bedingungen untersuchen: in einem kleinen Auditorium mit hochwertiger Akustik. Die Zuhörer bekommen einen kleinen, unauffälligen "Fingerhut", der physiologische Werte wie Herzfrequenz, Atmung und Hautwiderstand misst. Und beantworten Fragen mit einem iPad.

"Sie brauchen hier einen Elektronikspezialisten, sie brauchen auch hohe statistische Kompetenz, und letzten Endes geht auch alles um sinnliche Wahrnehmung und deren psychologische Korrelate. Das heißt, das ist hier in der Tat eine hochintegrative Anstrengung, die Kollegen aus verschiedensten Wissensfeldern und Kompetenzen zusammenbringt."

Bisher waren Schönheit oder ästhetischer Genuss immer nur Behauptungen. Festgemacht am jeweiligen Objekt oder Artefakt. Jetzt, so scheint es, kann das alles handfest untersucht und "bewiesen" werden. Am verkabelten Subjekt. Natürlich fragt man sich, wozu das alles gut sein soll und ob wir den gläsernen Menschen auch im Guten, Wahren, Schönen brauchen... Ästhetik unter Laborbedingungen – das ist zweifellos faszinierend, aber irgendwie auch gespenstisch.

Reihe "Schöne Paare: Ungewöhnliche Kulturbeziehungen"
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