Seit 23:05 Uhr Fazit

Freitag, 15.11.2019
 
Seit 23:05 Uhr Fazit

Fazit / Archiv | Beitrag vom 30.12.2014

Reihe: Junge deutsche ArchitektenOhne Schnörkel in Saarlouis

Von Dirk Fuhrig

Podcast abonnieren
Häuserfassaden in Saarlouis, Saarland (Imago / Westend61)
Häuserfassaden in Saarlouis, Saarland (Imago / Westend61)

Christina Beaumont und Achim Gerken bringen die Moderne an die Saar. Nach Stationen in Rotterdam und London sind die zwei Architekten ins Saarland zurückgekehrt und verbinden hier zeitgenössische mit historischer Architektur.

"Wir hören jetzt gerade das Glockenläuten. Es ist eine recht eigenwillige, moderne Architektur hier nach dem Krieg als Wiederaufbau entstanden, hier für die katholische Kirche. Da ist ein sehr nüchternes, schlichtes Gotteshaus. Auch so ne Architektur gäbe es jetzt nicht in jeder Stadt."

Achim Gergen schwärmt vom städtebaulichen Wagemut seiner Heimatstadt. Saarlouis, 35 000 Einwohner, rund 25 Kilometer von Saarbrücken entfernt: Auf dem Weg in die Landeshauptstadt kommt man am Architekturdenkmal "Völklinger Hütte" vorbei – Weltkulturerbe der UNESCO. Über die Grenze nach Lothringen sind es nur ein paar Autominuten, nach Luxemburg eine halbe Stunde. Internationale Lage.

"Berlin wäre ja schon reizvoll. Aber wir hatten ja diesen Wettbewerbsgewinn in Baden-Baden. Und Saarlouis war eben nur zwei Stunden entfernt. Und hier konnten wir das Büro gründen. - Was spricht noch für Saarlouis, außer dem Glockenläuten hier am Großen Markt? - Es sind eigentlich die kurzen Wege. Im Saarland sagt man ja: Jeder kennt jeden."

Anders als an den Orten, an denen die beiden ihre Ausbildung absolviert haben - in den Büros weltbekannter Architekten. Dann kam dieser Auftrag vom Festspielhaus Baden-Baden, dessen Foyer sie zu einem stylishen Pausen-Ort umgestalten durften. Das machte CBAG studio in der Szene bekannt. Und war der Start der beiden in die Selbstständigkeit. Dafür ließen sie berühmte Architekten wie Rem Koolhaas in den Niederlanden und Zaha Hadid in Großbritannien hinter sich - und gingen zurück nach Saarlouis, wo die beiden gemeinsam zur Schule gegangen waren. Dort stand das Haus von Christina Beaumonts Großmutter leer. Ein Zufall. Acht Jahre ist das her.

Gergen: "Aber es gibt natürlich schon Dinge, die wir nach Rotterdam und London vermissen, das muss man ganz klar sagen."

Vor allem natürlich das Weltstädtische. Aber jetzt haben Christina Beaumont und Achim Gerken, beide knapp 40 Jahre alt, erst einmal ganz andere Dinge im Kopf. Zwei Schritte vom Großen Markt entfernt - die Wege sind halt kurz im Saarland – steht "La Maison". Ein Stadtpalais aus dem 19. Jahrhundert. Das bislang größte - und kühnste – Projekt ihres Büros. C-BAG erweitert das historische Gebäude um einen zeitgenössischen Anbau, damit dort ein elegantes Hotel einziehen kann.

Gergen: "Das sind Faltläden, das ist ein Aluminiumblech, das gekantet wird und gelocht wird."

Ein Würfel aus Holzlatten

Die Metall-Fassade, erläutert Gerken, während wir uns zwischen Gerüsten hindurchschlängeln und über wippende Bohlen balancieren, hat durchaus auch etwas mit dem Standort zu tun:

Gergen: "Das knüpft dann auch wieder an, wir haben ja ganz viel metallverarbeitende Industrie, zwangsläufig, das war ja immer unsere Geschichte hier im Saarland. Es gibt hier die "Dillinger Lochbleche", das ist ein großer Hersteller von Blechen. Insofern gibt es hier immer wieder Anknüpfungspunkte oder Symbiosen, die werden diese Fassade auch herstellen. Das war dem Bauherrn ganz wichtig, dass nur Betriebe aus der Region zum Einsatz kommen, dass das ganze lokal verwurzelt ist."

Lokal verwurzelt – gut und schön. Aber auch eben ganz schön mutig, dieser harte Kontrast zwischen historischer Substanz und entschieden heutiger Erweiterung. Doch weil der Neubau sich nicht anbiedert oder schamhaft wegduckt, wirkt das Ensemble äußerst gelungen. Ein kraftvolles Statement hier am Rande der Innenstadt, deren Struktur durch die Reste des wuchtigen Festungswalls des französischen Baumeisters Vauban aus dem 17. Jahrhundert geprägt ist.

Weiter zum nächsten lokal verwurzelten Projekt aus der Feder von CBAG: Das "Green House" ist ebenfalls eine Attraktion in Saarlouis – wie eine Scheune wirkt es auf den ersten Blick. Ein Würfel aus Holzlatten. Große Fensterfront vorne und hinten, genau in der Mitte ein senkrechter Lichtriegel – so stilvoll, so puristisch sind Büros von Steuerberatern selten untergebracht. Und erst das neue Vereinsheim des Golfclubs vor den Toren der Stadt – ein flacher Rundbau mit schlanken Säulen drumherum, organisch in die gewellte Rasenlandschaft implantiert.

Beaumont: "Hier sieht man nochmal den Grundriss, der sich so diagrammatisch zeigt. Der Kontrast von außen und innen, Schwarz-Weiß-Kontrast, also auch ganz reduziert auf bestimmte Materialien."

Klar und ohne Schnörkel– so wie auch das Altbau-Büro der beiden, in dem Christina Beaumont die C-BAG-Prinzipien erläutert. "C-BAG studio" – was heißt das eigentlich?

"CBAG sind eben auch unsere Initialen: Christina Beaumont und Achim Gergen. Wobei, mit diesem Kürzel, in der Provinz, da ist das schon schwierig. "Mit CBAG Studio, da können wir nix anfangen. Also, man braucht schon die Namen."

"Aber wir wollen das nicht so personifizieren. Wir sehen das als Aufgabe für die Gesellschaft. Vielleicht hat es damit zu tun, wie wir das Bauen sehen. Deshalb wollen wir uns nicht selbst ein Denkmal setzen, sondern eine Maximum erreichen für die Gemeinschaft, die das Ganze dann beziehen wird."

Nach acht Jahren Saarlouis haben sich die beiden erfolgreich etabliert. Und gleichzeitig emanzipiert von den großen Vorbildern aus der Architektur-Weltliga:

Gergen: "Zaha Hadid war eigentlich für uns – also, das klingt jetzt hart: Aber nach Zaha wussten wir, was wir nicht wollen. Man muss dabei sagen: Zaha steht für sich, das ist ihr Stil. Und der größte Fehler, meiner Ansicht nach, den viele machen, dass sie da raus gehen und versuchen, das Gleiche zu machen. Denn weiterzumachen in dem ganzen System, das ist eigentlich ein Kopieren."

Dann kommen doch wieder die großen Bekannten zum Zug

Raus aus dem System - das hieß auch: raus aus dem mühsamen Wettbewerbs-Wesen. Der Weg war für die beiden – dank Standbein an der Saar - vielleicht nicht ganz so mühsam wie für viele andere junge Architekten in Deutschland, die sich von Ausschreibung zu Ausschreibung schleppen – und dann kommen doch wieder nur die großen, bekannten Büros zu Zug.

"Und dann hatten wir Flughafen Zürich, da hatten wir auch wieder nen zweiten, Bauhaus Dessau, die Meisterhaus-Siedlungen, da kamen wir in die zweite Phase. ... Der Anfang ist immer schwer, das sieht man bei jedem."

"Also, es hat sehr gut gestartet. Man merkt mit jedem Jahr: Es gibt immer weniger offene Wettbewerbe ... man muss heute drei Schulen gebaut haben, um sich überhaupt für eine Schule bewerben zu können. Dann muss man den Umsatz nachweisen, man muss die Arbeitsplätze nachweisen, die Mitarbeiter nachweisen. Wenn wir jetzt starten würden, weiß ich gar nicht, ob es so funktionieren würde."

Christina Beaumont und Achim Gergen wirken zufrieden. Es läuft gut mit den Aufträgen aus der Region.

Gergen: "Für uns ist jetzt tatsächlich die Provinz ein Vorteil, muss man wirklich sagen. In der Masse der Architekten in Berlin würden wir bestimmt untergehen."

Sympathisches Understatement. Dabei haben C-BAG mit ihren radikal zeitgenössischen Bauten, die sich so sorgfältig in die Umgebung integrieren, zumindest im Südwesten Deutschlands markante Signale gesetzt.

Mehr zum Thema:

Überblick über die Reihe: Junge deutsche Architekten - Die innovativen Nischenbewohner
(Deutschlandradio Kultur, Fazit, 29.12.2014)

Kulturpresseschau

Aus den FeuilletonsVenedigs mediale Katastophe
Ein Mann steht in Venedig bis zur Hüfte im Hochwasser. (imago images / Independent Photo Agency Int.)

Die "taz" prangert an, dass die Überschwemmung in Venedig zur "medialen Kulisse" herabgestuft werde. Es würden weder die richtigen Bilder gezeigt noch der Verursacher genannt - nämlich die neoliberale Politik, die die Lagune zerstört habe.Mehr

weitere Beiträge

Der Theaterpodcast

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur