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Fazit / Archiv | Beitrag vom 01.01.2015

Reihe: Junge deutsche ArchitektenMehr Weiblichkeit für Luxemburgs Fassaden

Von Dirk Fuhrig

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(picture alliance / dpa / Krystof Kriz)
Zwei Gebäude des Gerichtshofs der Europäischen Union in der Hauptstadt Luxemburg - die junge Architektin Türkan Dagli hat eine Abneigung gegen Glasfassaden. (picture alliance / dpa / Krystof Kriz)

Vor zehn Jahren gründete die Rheinländerin Türkan Dagli ihr eigenes Architekturbüro in Luxemburg: "dagli atelier d'architecture". Sie hat ein besonderes Gespür für die Verbindung von Altem und Neuen und sie mag keine Glasfassaden. Die sind ihr zu abweisend und männlich.

"Das ist hier das neue Gerichtsgebäude, gebaut von einem sehr, sehr bekannten Architekten."

"Von wem?"

"Krier. Das hat sehr viel Kritik geerntet. Weil es sollte alt sein, aber es sieht halt sehr gewollt klassisch aus."

Türkan Dagli hat ein gutes Gespür dafür, wie sich alte Substanz und die Ansprüche der Gegenwart geschickt verbinden lassen – oder eben nicht, wie hier bei Rob Krier, dem für seine historisierenden Entwürfe berühmt-berüchtigten Luxemburger Altmeister. Von diesem Gespür bekommt man schon einiges mit während der gemeinsamen Autofahrt vom Bahnhof in ihr Büro am Stadtrand.

"Wir sind ja hier im Zentrum von Luxemburg, übrigens habe ich mit dem Projekt gegenüber mein Büro hier in Luxemburg eröffnet...Ja, ja, das gläserne da. Was ist das für ein Gebäude? – Ein Bankgebäude, das haben wir mit einem anderen luxemburgischen Architekturbüro gemeinsam gemacht."

Zufällig nach Luxemburg gekommen

Seit 2005 ist Türkan Dagli selbstständig. 1975 wurde sie in Mönchengladbach geboren, ihre Eltern sind aus der Türkei eingewandert.

"Ich bin eine Niederrheinländerin. Fühl mich auch so."

Sie ging jedoch nicht ins Großherzogtum, weil eine Bürogründung dort für jüngere Architekten etwa leichter gewesen wäre als in Deutschland. Nein, es war eher ein Zufall – weil das mehrsprachige Luxemburg nicht Frankreich ist:

"Damals konnte ich kein Französisch. Und nach dem Diplom habe ich gedacht, ich will mal raus aus Deutschland. Ich will mal nach Frankreich. Ich kannte nichts über Luxemburg. Ich dachte, wenn du mit Deutsch da hingehst und ein halbes Jahr in einem Büro arbeitest und guckst, dass du in der Zeit ganz, ganz viel Französisch lernst - und dann nach Paris weitergehst."

Mut schöpfen, Sprache lernen vor dem Aufbruch in die Architektur- und Architektenmetropole, so war das gedacht.

"Dominique Perrault, den fand ich schon damals sehr interessant."

...den Baumeister der viertürmigen Nationalbibliothek in Paris. Der strenge Formalist Perrault ist immer noch eines ihrer Vorbilder. Dass sie auf halber Strecke zwischen Mönchengladbach und Paris hängen blieb, bedauert Türkan Dagli heute überhaupt nicht mehr. In Luxemburg wird seit Jahren extrem viel gebaut. Ein Dorado für Architekten. Gerade fahren wir am Europäischen Rechnungshof vorbei.

Umbau einer Neugeborenen-Station

Mathias Eichhorn, der Büroleiter von "dagli atelier d'architecture", steuert den Wagen durch einen Bauzaun hindurch. Wir steigen aus und stapfen durch Baustellenmatsch. Hier wird gerade an einem der neuesten Dagli-Projekte gewerkelt, dem Anbau einer Privatklinik:

Mathias Eichhorn: "Hier sind wir jetzt in der Tiefgarage. Im dritten OG ist die Neugeborenen-Station. In dieser Neugeborenen-Station ging es darum, dass da ein hochwertiger Innenausbau rein sollte. Und dass es dann von Grundriss her etwas kompliziert war.

Dagli: "Ganz viele intensive Gespräche mit den Hebammen, die sehr emotional bei der Sache waren. Und wir haben uns da sehr intensiv reingearbeitet."

Intensiv reinarbeiten – das ist für Türkan Dagli Teil einer Philosophie, die viel zu tun hat mit der Verbindung von Alt und Neu, aber auch mit dem Gegensatz von Zeigen und Verbergen. So wie man es beispielhaft sehen kann bei ihrem Weingut an der Mosel, das sich als weißer Kubus mit raffinierten Lichtscharten über Fluss und Uferstraße erhebt. Dagli hat eine Abneigung gegen die glatten Glaspaläste entwickelt, die zeitgenössische Architekten so gerne entwerfen:

"Ich kam damals aus Frankfurt und hatte in einem etablierten Büro gearbeitet, das sehr viel mit Glas gebaut hat. Irgendwann habe ich festgestellt, das ist mir zu kalt. Ich würde fast sagen: sehr männlich ist."

Türkan Dagli versucht, diese abweisend-"maskulinen" Fassaden zu vermeiden. Ihre Fenster und Türen ziehen den Blick lieber hinein.

"Ich war der Meinung, dass diese gotischen Eingangstüren irgendetwas haben. Das habe ich auch später benutzt bei dem Shoppingcenter in Kaliningrad, wenn Sie da genau hingucken auf meine Skizze, da ist ja das Tor, das ist eine Neuinterpretation – Das hier, oder? – Dass die Idee kam von diesen gotischen Toren, die habe ich mir noch genauer angeguckt, wie Schinkel damit umgegangen ist. Das sind ja Wahrheiten, die sich über Jahrhunderte entwickelt haben."

Stark beeinflusst von Schinkel und Beuys

Karl-Friedrich Schinkel, der preußische Baumeister, der Anfang des 19. Jahrhunderts Berlins Gesicht prägte, hat Türkan Dagli stark beeinflusst. Wir sind jetzt in ihrem streng Weiß in Weiß gehaltenen Büro angekommen. Sie holt einen dicken Fotoband aus dem Regal, in dem zahlreiche Lesezeichen stecken:

"Wo ich dann angefangen habe, über die Tradition nachzudenken, da habe ich mir ein Schinkel-Buch schenken lassen, zu Weihnachten, von meiner Schwiegermutter."

Türkan Dagli zeigt auf die Wand, wo die Entwürfe zu ihrem ehrgeizigsten Projekt hängen. Dem Einkaufskomplex in Kaliningrad, dem früheren Königsberg, für das ihr Büro gerade den Wettbewerb gewonnen hat.

"Da ist eine deutsche alte Oper noch drin, aus der Vorkriegszeit, die muss denkmalgeschützt werden. Heißt 'Scala', deshalb haben wir das ganze Projekt 'Scala' genannt. Was wirklich interessant war, weil ja in der Sowjetzeit sehr massive Projekte hingebaut wurden, gucken die sehr genau, dass alles, was neu dazu kommt, sich anpasst."

Anpassung, das ist wichtig beim Bauen in historischem Bestand. Aber nicht Türkan Daglis Sache, wenn es um sie persönlich geht:

"Irgendwann habe ich mir gesagt: Du bist anders. Hier bin ich ja keine Luxemburgerin, in Deutschland bin ich auch keine Deutsche. In der Türkei bin ich keine Türkin. Irgendwann habe ich mir gesagt: Ich steh dazu. Und das tut gut."

Auf der Suche nach internationalen Projekten

Türkan Dagli war immer von Architektur fasziniert. Ebenso von der zeitgenössischen Kunst – und vor allem von Künstler-Persönlichkeiten: Joseph Beuys ist ein ganz Großer für sie. Oder Markus Lüpertz:

"Eine kleine Geschichte, wie er das sagt, in einem Interview: Mit Anfang 20 entsprach er nicht den gängigen Schönheitsideal. Ab dem Moment hat er sich nur noch schön gekleidet. Und ab dem Moment war er schön."

Vom Malerfürsten Lüpertz hat Türkan Dagli vor allem Selbstbewusstsein gelernt, sagt sie. Nach fast zehn Jahren Selbstständigkeit hat sie – auch ohne Lüpertz – allen Grund dazu. Zufrieden mit ihrem Erfolg ist sie aber längst nicht. Sie will noch bekannter werden, mehr größere Projekte an Land ziehen. Auch international. Die Lage ihres Büros direkt am Luxemburger Flughafen ist dafür ideal – zum Terminal kann man in wenigen Minuten laufen.

 

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