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Die Reportage / Archiv | Beitrag vom 21.12.2014

Reihe: Gekommen, um zu bleibenNull Bock gibt es nicht

Von Annette Weiß

Schüler mit "Migrationshintergrund" (picture alliance / dpa)
Es gibt Schulklassen für Kinder und Jugendliche, die ohne jede Deutschkenntnisse hierher kommen. (picture alliance / dpa)

Sie heißen Willkommensklassen, auf dem Stundenplan steht nur ein einziges Fach: Deutsch. Diese Programme sollen Flüchtlingskinder für Regelklassen an deutschen Schulen rüsten. Die Kinder zeigen sich ehrgeizig und ambitioniert.

Lehrer Thomas Marquard: "Oh, Selvaggia! Guten Morgen! Setz dich hin, zieh deinen Mantel aus." 

Zehn Minuten nach Beginn der Schulstunde: Thomas Marquard begrüßt die Nachzügler – ohne zu schimpfen.

"Kommen deine Brüder? Nicola? Jackson? – Nicola. - Solo Nicola? Gut, gut ...."

Klassenlehrer Thomas Marquard macht sich hinter jedem Namen eine Notiz. Die Schule erfasst genau, wer da ist und wer schwänzt. Denn die Plätze in der Willkommensklasse am Georg-Herwegh-Gymnasium sind begehrt, wer ständig fehlt, verliert den Platz.

"Ah, Nicola!"

Nicola war noch auf der Toilette, sich hübsch machen. Nun ist die Klasse vollzählig:

Acht Schülerinnen und Schüler sind es an diesem Morgen , sie sind zwischen 13 und 16 Jahre alt und kommen aus:

"Syria",

"Damaskus",

"Italia, Roma",

"Moldawien, Kischinau"

"Syria, Damaskus",

"Bulgaria",

"Serbia",

"Lettland".

Seine Schüler werden es schaffen

Als erstes sollen die Schüler erzählen, was sie am Tag zuvor gemacht haben. Danach folgt eine Grammatik-Übung: Ich gebe dir, du gibst mir. Das ist wichtig, sagt Latein-Lehrer Thomas Marquard, die Sprachstruktur muss sitzen.

"Ich gebe dir einen blauen Stift. Aber wem?"

"Ich gebe du."

"Dir!"

Die Schüler sind aufgeweckt, sie unterstützen sich und lachen viel, denn im Lehrer Marquard steckt ein Schauspieler. In der Tat hat er vorher neben Latein und Ethik auch Theater unterrichtet und das kommt ihm nun zu gute: er improvisiert viel.

Marquard: "Ich habe keine Scheu, Worte vorzumachen, das ist hüpfen, das ist tanzen, das ist gähnen usw. Konkret vom Unterrichtsmaterial, wir benutzen ein Lehrbuch, machen dann auch Tests am Ende des Jahres, aber es ist wichtig und nötig, viel zu improvisieren."

Seine Schüler werden es schaffen, da ist der Pädagoge zuversichtlich - wie der Jahrgang zuvor: Alle konnten in reguläre Klassen vermittelt werden, einer blieb sogar am Gymnasium. Aber dann stimmt Thomas Marquard doch nachdenkliche Töne an.

"Was eigentlich notwendig wäre, ist eine Betreuung - Schulpsychologen, Sozialarbeiter, die sich um die problematischen Fälle kümmern. Es sind in der Regel nicht viele, es braucht erfahrungsgemäß auch nie viel Zeit. Aber es braucht im richtigen Moment eine Hinwendung zu den Schülern."

Der erfahrene Lehrer strahlt etwas Warmes, nahezu Väterliches aus. Er sorgt sich um seine Schüler.

"Man braucht ganz sicher für die syrischen Flüchtlinge eine psychologische Betreuung, weil irgendeine Form von Trauma gibt es. Also mein Hassan hier, wenn man den so ein bisschen beobachtet, sieht man, dass er eine immense Trauer mit sich herumschleppt. Da müsste es eine Möglichkeit geben, das zu begleiten."

Einige haben noch nie Schnee gesehen

In der Willkommensklasse nebenan können die Schüler schon besser Deutsch. Auch hier ist die Klasse klein, maximal 15 Kinder sind es, wieder mit einer großen Altersspanne zwischen 13 und 17 Jahren. Klassenlehrerin Petra Hildebrand hat ihnen tags zuvor eine Geschichte von Petterson und Findus gezeigt, nun sollen die Schüler die Geschichte anhand von ausgeschnittenen Bildern nacherzählen.

Schülerin Viktorija: "Petterson muss Schnee schneipen. Schippen! Passt auf, wir schreiben mal die schwierigen Wörter an die Tafel und ihr schreibt sie in euer Vokabelheft. Wir haben Schnee, Frau Hildebrand!"

Die Kinder sind verzückt, die ersten Flocken tanzen vor dem Fenster, einige haben noch nie Schnee gesehen. Deutschlehrerin Petra Hildebrand schreibt Begriffe an die Tafel wie Schnee schippen, einen Schneemann bauen, einen Weihnachtsbaum schlagen.

"Gibt es ein anderes Wort noch für Weihnachtsbaum?"

"Tannenbaum".

"Laut, Mohamad!"

"Tannenbaum!"

Mohamad ist 14 Jahre alt und macht eifrig mit, er wiederholt alle Sätze halblaut vor sich hin. Er weiß, warum er paukt – genauso wie Almir aus Bosnien.

Mohamad: "In Syrien ist Krieg und hier ist besser. Und Syrien, die Menschen haben kein Geld und keine Arbeit, und die Häuser, ist alles kaputt." 

Almir: "In Bosnien gibt es keine Hilfe, wir sind gekommen, meine Mutter und mein Vater haben kein Geld, und hier ist besser."

Null Bock – das gibt es in der Willkommensklasse nicht. Mohamad aus Syrien, Viktorija aus Litauen und Almir aus Bosnien – sie stehen für all ihre Mitschüler, die im Leben etwas erreichen wollen.

Almir, Viktorija und Mohamad:

"Ich will hier bleiben in Deutschland, für immer."

"Ich möchte sehr gut Deutsch sprechen und ich gehe studieren, ich möchte Sportlehrerin oder Polizistin, ja das ist mein Lieblingsberuf."

"Ich werde in Deutschland sehr gut Deutsch lernen, und ich will Polizist werden."

Mehr zum Thema:

Flüchtlingskinder - Integrationsförderklassen platzen aus allen Nähten
(Deutschlandfunk, Campus & Karriere, 19.12.2014)

Migration und Schule - Von Ü-Klassen und Willkommensklassen
(Deutschlandradio Kultur, Länderreport, 25.07.2014)

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