Reichtum, Nichtstun, Absturz

Plötzlich ist das Geld weg – ab Ende der 90er-Jahre balancierte Nauru am Rande der Pleite. © picture alliance / dpa
01.04.2011
Der Journalist Luc Folliet zeigt, wie innerhalb von zwei Generationen ein Staat erst reich wird und dann zerfällt. In "Nauru - Die verwüstete Insel" versucht er herauszufinden, wer schuld ist am Absturz eines Landes, das lange Zeit das höchste Pro-Kopf-Einkommen der Welt hatte.
Unter den Staaten der Erde ist Nauru der drittkleinste: Die Insel im Südpazifik misst knapp 22 Quadratkilometer, auf denen etwa 13.000 Menschen leben. Nauru war lange Jahre das reichste Land der Welt. In den 1970er- und 1980er-Jahren besaß die Insel das höchste Bruttoinlandsprodukt pro Kopf der Erde. Heute leben viele an der Armutsgrenze, die Natur ist zerstört und die Bevölkerung krank.

Der französische Journalist Luc Folliet wollte wissen warum und hat eine Reportage über die Insel verfasst. Ein spannendes, lehrreiches Buch, eine Parabel darüber wie ungebremstes Wachstumsdenken, Gewinnstreben und Konsumismus zunächst in den Reichtum, dann ins süße Nichtstun und schließlich in die Zerstörung führen.

Exkremente hatten den Inselstaat reich gemacht. Jahrtausendelang war die Insel Station für Zugvögel, und Vogelkot, -skelette und Korallen bildeten die Grundlage zur Entstehung der reichen Phosphatvorkommen, die ab 1907 ausgebeutet wurden. Phosphat ist ein wichtiger Grundstoff für Düngemittel, und die Landwirtschaft in Europa schrie nach Dünger. Später brauchte die Kriegswirtschaft Phosphat, da man es auch zur Sprengstoffherstellung nutzen kann. Deutsche und Engländer beuteten die Vorkommen aus. Lange hatte die Urbevölkerung Naurus wenig vom Reichtum. Sie lebte vom Fischfang und ein wenig Landwirtschaft.

Das änderte sich 1968: Nauru wird unabhängig, verkauft selbst das Phosphat und wird schlagartig reich. Das Leben der Nauruer ändert sich dramatisch. Der Staat macht alles, zahlt alles. Ein riesiges Krankenhaus wird gebaut, Strom ist kostenlos, die Bürger bekommen Putzfrauen für ihre Häuser. Die kommen wie auch die Arbeitskräfte auf den Phosphatfeldern aus China oder von anderen Inseln. Die Einheimischen? Sie kassieren Tantiemen für ihren Grund, auf dem Phosphat abgebaut wird.

Sie besitzen, im Schnitt, mehr als zwei Autos - bei einem Straßennetz von 29 Kilometern - verreisen und kaufen im Ausland teuer ein. Nauru sitzt und konsumiert. Heute leiden die Inselbewohner an den Spätfolgen: Vier Fünftel der Einwohner sind fettleibig, und Diabetes ist die Todesursache Nummer eins. Die Lebenserwartung liegt bei unter 50 Jahren.

Die Regierung versucht zwar, ab 1980 einen Teil der Überschüsse zu investieren. Leider ohne Plan. Plötzlich ist das Geld weg – hineinsteckt in verschiedene Anlageprojekte, verspekuliert. Schließlich, ab Ende der 1990er-Jahre, als die leicht zugänglichen Phosphatvorräte abgebaut waren, balancierte Nauru am Rande der Pleite. Und wie viele bankrotte Staaten auch am Rande der Legalität. In Briefkastenbanken wird Mafiageld gewaschen.

Luc Folliet beschreibt detailliert die Entwicklung der Insel. Er sprach mit Einheimischen, Politikern, Wanderabeitern. Er zeigt, wie innerhalb von zwei Generationen ein Staat erst reich wird und dann zerfällt. Wer trägt Schuld an dem Schlamassel, fragt er am Ende des Buches. Die Antwort: alle und niemand. Lernt man was draus? Sein Fazit ist eher pessimistisch: Er fragt eine Nauruerin, die an Diabetes leidet, einst reich war und heute arm ist. Sie sagt zunächst nichts, dann einen Satz: "Wer wäre nicht gern reich?"

Besprochen von Günther Wessel

Luc Folliet: Nauru. Die verwüstete Insel. Wie der Kapitalismus das reichste Land der Erde zerstörte
Aus dem Französischen von Oliver Ilan Schulz
Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2011
144 Seiten, broschiert, 10,90 Euro
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