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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 25.11.2014

Reichenow in BrandenburgEin Dorf streitet über Massentierhaltung

Wie die Erweiterung einer Schweinemast eine Gemeinde entzweit

Von Thilo Schmidt

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Ein Kreuz als Protest gegen Massentierhaltung (Deutschlandradio/Thilo Schmidt)
Der Protest gegen die Massentierhaltung ist allgegenwärtig in und um Reichenow (Deutschlandradio/Thilo Schmidt)

Ein Betreiber will seine Schweinemastanlage im brandenburgischen Reichenow um ein Drittel vergrößern. Doch eine Bürgerinitiative kämpft dagegen und legt sich auch mit einem Nachbardorf an, in dem viele von der industriellen Massentierhaltung leben.

Reichenow, östlich von Berlin, 20 Kilometer vor der polnischen Grenze. Ein beschauliches Dorf zwischen weiten Feldern. Der Bus kommt etwa alle Stunde, den Dorfgasthof gibt es auch noch. Drei Ziegen grasen auf einer kleinen Wiese am Ortseingang, aus manchem Garten dringt das Gegacker von Hühnen, aus fast jedem Hundegebell. Es gibt ein paar bäuerliche Familienbetriebe, und auch ein großer Agrarkonzern hat sich in Reichenow längst eingekauft. Auf den Straßen kommt gelegentlich ein Trecker vorbei, seltener Menschen. Ein Landidyll, das vor Jahren auch Westberliner entdeckt haben. Imma Harms:

"Na, ich lebe seit Ende der 90er-Jahre hier, seit Mitte der 90er-Jahre komme ich regelmäßig, hab früher in Westberlin gelebt, und bin als Dokumentarfilmerin und Autorin hier her gekommen, um hier zu arbeiten, auf dem Gutshof Reichenow. Und sicherlich sind wir auch fasziniert gewesen von den Möglichkeiten, die es hier gibt, aber nicht in dem Sinne, dass wir jetzt also nicht in dieses alte Bauernimage zurückwollten. Als Journalistin und Dokumentarfilmerin weiß ich auch genug von den Zusammenhängen, dass ich da also solch einem naiven Lebenstraum nicht anhängen würde."

"Es geht ein Riss durchs Dorf"

Den alten Gutshof, im Schatten des restaurierten Reichenower Schlosses, haben in den Neunzigern Stadtflüchtlinge aus Berlin gekauft – ein typischer Fluchtreflex vieler Alternativer in der Hauptstadt. Leben und arbeiten auf dem Land – nach der Maueröffnung keine Utopie mehr. Der Neu-Reichenower und Gutshofbewohner Thomas Winkelkotte:

"Na ja, es ist so, dass ich jetzt vor knapp zehn Jahren mit Teilen der Dorfbevölkerung einen Kulturverein gegründet habe, MÖHRE, der sich aus den Anfangsbuchstaben der drei Gemeindeteile, Möglin, Herzhorn und Reichenow zusammensetzt, daraus wurde das schöne Wort Möhre, mit dem haben wir hier so die dörflichen Traditionen wie Erntefest erst mal weitergepflegt. Aus unserer Mitte, vom Gutshof, kamen auch viele Initiativen wie Weihnachtsmarkt, Verschenkemarkt, also viele Sachen, die erst skeptisch angesehen wurden, dann aber begeistert aufgenommen wurden. Wir haben uns politisch immer zurückgehalten, also unsere Meinung, was wir so politisch denken, über die Strukturen, also wir kommen aus der Westberliner linken Szene, und haben jetzt tatsächlich vor nem halben Jahr geäußert, eben zu dieser Form der Landwirtschaft. Und in dem Moment, kann man sagen, geht ein Riss durchs Dorf."

Zu sehen sind Schweine in einem Mastbetrieb. (picture alliance / dpa / Foto: Carsten Rehder)In Möglin leben viele Bewohner von der Schweinemast (picture alliance / dpa / Foto: Carsten Rehder)

Dabei geht es mehr oder weniger um Schweine. Oder besser: Um mehr oder weniger Schweine. Und mehr oder weniger auch um deren Gestank, weshalb sich im Sommer die Bürgerinitiative "Uns stinkt's schon lange" gegründet hat. In Reichenow ist die Erweiterung der Schweinemast geplant. 4000 Schweine stehen bereits in zwei Hallen am Ortseingang, auf dem Gelände der früheren LPG. In einer weiteren, benachbarten Halle, die seit Jahren leer steht, sollen zusätzlich 2.500 Schweine gehalten werden. Damit hätte die Anlage über 6000 Tiere. Für solch große Anlagen aber gibt es strengere Auflagen, das regelt das Bundesimmissionsschutzgesetz. So müsste eine Schweinemastanlage dieser Größenordnung eine standortbezogene Prüfung bestehen – wenn es denn eine Anlage wäre. Die Bürgerinitiative sagt: es ist eine Anlage. Der Investor, der Niedersachse Jürgen Lindhorst, ist anderer Meinung. Die bestehende Anlage betreibe er ja gar nicht, sondern ein Agrarunternehmer namens Christoph Neteler. Thomas Winkelkotte von der Bürgerinitiative:

Herr Lindhorst ist derjenige, der das Gelände besitzt, der diesen Stall da verkauft, und wie das jetzt im Einzelnen organisiert ist, also wie der jetzt seine Ställe da an Neteler verpachtet hat, das wissen wir tatsächlich nicht, er behauptet es mal so, mal so, würd ich sagen. Mal sagt er: Die Schweine, das bin ich, und für alles, sozusagen, was geändert wird, muss man mich ansprechen, ein anderes Mal sagt er wieder: Ich hab nichts damit zu tun, also es sind sehr undurchsichtige Aussagen, es werden mal solche und mal solche getroffen.

Gemeinde hat keinen Einfluss auf die Art und Weise der Haltung

So richtig durchblicken tut keiner, und vielleicht ist das auch so gewollt. Ein Hochglanzprospekt wirbt mit dem Unternehmensportfolio der Lindhorst-Gruppe. "Wir stehen für Qualität und Kompetenz, Dynamik", und so weiter. Es geht um Immobilien, "hochwertigen Wohnraum", wie es heißt, und auch bei den 17 Seniorenresidenzen, die die Lindhorst-Gruppe betreibt, steht natürlich „der Mensch im Mittelpunkt". Und: man sei einer der größten Agrarproduzenten Deutschlands, heißt es. Für die Reichenower macht es das nicht einfacher.

Anfangs ging die Initiative vor allem gegen die Geruchsbelästigung vor, die die Schweinemast verursacht und die sich mit der Erweiterung der Schweinemast möglicherweise vergrößern würde. Mit der Zeit wurde die Kritik an der industriellen Landwirtschaft fundamentaler: Die Aktiven der Bürgerinitiative lehnen sie gänzlich ab und fordern eine Rückkehr zur bäuerlichen Landwirtschaft. Und der Riss, der durchs Dorf geht, verläuft ungefähr genau hier: Zwischen Bürgerinitiative und Ur-Reichenowern. Die haben früher fast alle in der LPG gearbeitet, seit deren Abwicklung mit der Wende arbeitet nur noch ein Bruchteil davon in der Landwirtschaft.

Wolf-Dieter Hickstein, der Bürgermeister. Ist in Reichenow aufgewachsen. An der Wand hängen Jagdtrophäen. Sein Vater war zu DDR-Zeiten der Leiter der LPG. Hickstein kennt die bestehenden Strukturen und nimmt das Anliegen der Bürgerinitiative nicht bloß zur Kenntnis.

"Die BI hatte natürlich dann ihre Interessen etwas erweitert, und letztendlich sieht die Situation jetzt aus, dass sich det massiv gegen die Massentierhaltung insgesamt richtet. Und da gab et so einige Konflikte innerhalb des Ortes, weil ja auch über die Jahre, weil ja ooch der ein oder andere über Jahrzehnte in Stallanlagen jearbeitet hatte, und da doch sich etwas angegriffen jefühlt hat, und so hat sich dann auch im Dorf zum Teil die Meinung gegen die BI jerichtet."

Der Bürgermeister selbst kann in diesem Konflikt nicht übermäßig viel tun, außer zu versuchen, seine Gemeinde zusammenzuhalten. Über das "ob" und das "wie" der Schweinemast hat die Gemeinde ohnehin nicht zu entscheiden.

"Ja, so letztlich eigentlich nicht. Wir sind abhängig letztendlich von der Entscheidung im Landkreis. Wir werden det natürlich in der Form auch überprüfen, und auch kontrollieren, wenn die Schweinemastanlage insgesamt von der Stückzahl also dieset normale Genehmigungsverfahren überschreitet, dann werden wir natürlich auch darauf drängen, dass da dann natürlich auch dieses Immissionsschutzverfahren, also diese höhere Stufe, durchgesetzt wird."

Und das ist wiederum davon abhängig, ob ein bestehender Betrieb erweitert - oder ein neuer gegründet wird. Oder erst ein neuer gegründet - und dann mit dem bestehenden verschmolzen wird. Jürgen Lindhorst, um die 60, und ein junger Mann, den er als seinen Assistenten vorstellt, entsteigen einer dunklen Limousine. Wem gehört – und gehörte – denn jetzt welcher Stall?

"Es ist so, dass wir diese Ställe, die sie hier im Hintergrund stehen, also nicht dieser Stall, der jetzt umgebaut werden soll, die sind vor einigen Jahren an den Herrn Neteler verkauft, der sich speziell mit Schweinen und so weiter befasst, also Schweinezucht und auch Schweinemast betreibt, hat aber mit unserer Unternehmensgruppe nichts zu tun. Wir arbeiten vernünftig zusammen, seit vielen Jahren, aber: Der Stall hier hat mit der Sache nichts zu tun, der gehört zur Landwirtschaftsgesellschaft Reichenow, und diese Gesellschaft will hier, jetzt, das ist unserer Gesellschaft, das ist richtig, möchte jetzt hier den Stall umnutzen und Schweine halten."

Allerdings steht an den Ställen, in denen Neteler seine Schweine mästet, ein Schild mit der Aufschrift „Landwirtschaftsgesellschaft Reichenow mbH", deren Geschäftsführer wiederum Lindhorst ist. Er sagt, er wisse nicht, warum, man habe wohl vergessen, es abzuhängen.

"Es gibt bei uns im Unternehmen keine Tierhaltung, bis auf bei uns zuhause, ich hab ne private Hühnerhaltung, wir haben ne private Mutterkuhherde, das ist mein Hobby, persönlich, aber ansonsten haben wir im Unternehmen keine Tierhaltung, weil wir eben hinter dieser industriellen Tierhaltung auch nicht stehen. Aber wir verstehen auch, dass Fleisch zu einem vernünftigen Preis produziert werden muss."

Warum plant Lindhorst dann eine Schweinemast in Reichenow, wenn er nicht hinter den Haltungsbedingungen steht und es auch gar nicht zu seinem Konzern passt? „Unser Dorf soll schöner werden" - weil er die maroden Gebäude auf seinem Gelände vernünftig nachnutzen will – sagt Lindhorst. Um später an Neteler zu übergeben und damit die standortbezogene Immissionsschutzprüfung zu umgehen – sagt die Bürgerinitiative.

Eins passt nicht zum anderen hier. Und es wird immer komplizierter. Einige Mitglieder der Bürgerinitiative treffen sich mit zwei Gesandten Lindhorsts – in dem Stall, der für die Schweinemast umgebaut werden soll. Die überraschende Wendung: Lindhorst hat den Stall – noch Ruine – jetzt schon zum Verkauf angeboten: Und zwar der Bürgerinitiative!

Imma Harms: "Das ist ein doppelter Schachzug, das ist Polemik gegen Polemik, kann man sagen, dass Herr Lindhorst der BI gesagt hat: Na, dann kauft doch meinen Schuppen und macht ökologische Schweinezucht, das war natürlich eine Provokation – weil hier kann man selbstverständlich keine ökologische Schweinezucht machen. Wo sollen die Schweine hin Auslauf haben? Das geht gar nicht, ja? Aber die BI hat sozusagen diesen Ball aufgegriffen, na gut, dann überlegen wir uns was anderes, dann versuchen wir, Geld zusammenzukriegen, um dieses Gelände, diesen Stall zu kaufen, und hier ein Museum der industriellen Tierproduktion, Fleischproduktion zu machen. Und das wär natürlich ein idealer Standort, weil direkt nebenan werden weiter die Ferkel aufgezogen, in unglaublichen Boxen, ja? Also wo die auf allerkleinstem Raum zusammenstehen. Und diese Art von Provokation setzen wir zunächst mal in die Welt, ob es was wird, wissen wir nicht. Aber alleine den Gedanken mal zu verbreiten, das hat schon ne Folge, ja."

Thomas Winkelkotte: "Na ja, auf dieser Veranstaltung, Anfang August, hat der Besitzer Herr Lindhorst 170.000 Euro aufgerufen. Also da lach ich mich tot. Das ist ne Summe, die, was weiß ich, die hat er sich irgendwie ausgedacht. Aber die hat nichts mit der Realität zu tun, wenn man den Stall hier sieht. Da hat er sich irgend ne Altlast an die Hacken gezogen und weiß nicht so richtig, was er damit machen soll, würd ich mal sagen."

Imma Harms: "Na ja, ich hab die Spekulation, aber das weiß ich überhaupt nicht, dass er vielleicht über diese ganzen Pläne hier überhaupt nicht mehr so glücklich ist. Das er überhaupt nicht mehr so scharf darauf ist, ne Schweinezucht zu machen. Er weiß: Hier ist ein Widerstandsnest, und das haben also diese Investoren, die also so Fleisch produzieren, nicht gerne. Die arbeiten im Verborgenen, ja? Und das wird ihnen hier nicht mehr gelingen."

Tatsächlich ist der Widerstand in Reichenow kaum zu übersehen. Überall im Dorf rosa Kreuze, sie erinnern ein wenig an die gelben Kreuze der Atomkraftgegner in Gorleben. Holzkreuze auf Grundstücken und an Strommasten, gemalte Kreuze auf Bäumen. Es geht längst nicht mehr nur um Schweine und deren Gestank. Das Dorf ist gespalten und trägt einen Konflikt aus – zwischen den Ur-Reichenowern auf der einen und zugezogenen Berlinern auf der anderen Seite.

Imma Harms: "Es geht andererseits aber auch nicht da drum, die jeweils andere Seite zu dämonisieren oder körperlich, zum Teil, auch anzugreifen. Was wir auch hier hatten in den letzten Wochen, ja? (Autor) Wie kann ich mir das vorstellen? Dass man aufeinander los geht mit Mistgabeln, so wie das früher aufm Dorf war? (Harms) Stellen Sie sich das so vor, dass man mit Mistgabeln nicht unbedingt auf die Person losgeht, sondern auf die Symbole der Person. Also in dem Fall hat es ne Auseinandersetzung um die rosa Kreuze gegeben, die einige BI-Mitglieder hier überall aufgestellt haben, und es gibt ne Auseinandersetzung in der BI darüber, ob man das nur im eigenen Vorgarten tut oder ob man das auch in den Bäumen hier überall in der Gemeinde macht. Und das wiederum hat andere Bürger dann wiederum dazu gebracht, dass sie dann wutentbrannt diese kleinen Symbole überall wieder runtergerissen haben."

"Die Mögliner, die kotzen auf die Reichenower"

Angesprochen auf diesen Konflikt wird mancher im Dorf merkwürdig einsilbig.

"Da halt ick mir raus, ick bin selber Bauer. Da halt ick mir raus!

"Weils scheiße ist. Jibt zuviel. Mehr sach ick nich. Tschüss."

"Wat gibt es zuviel?"

"Jibt zuville Schweine. Tschüss."

"Schweine gibt es schon immer auf dem Dorf. Und ne Schweinemast. Und so. Det is normal. Aber, na ja, ne artgerechte Haltung wäre nicht schlecht!"

Ein junger Mann vor der Reichenower Gaststätte wird deutlicher. Es geht nicht nur ein Riss durch das Dorf, sagt der, auch zwischen Reichenow und dem Nachbarort Möglin sei die Stimmung angespannt.

"Also es ist halt so, dass es im Dorf viele stört, wie die BI halt vorgeht. Weil der Grundgedanke dieser Bürgerinitiative war ja mal gewesen, dass gegen die Geruchsbelästigung, wie sie dort in der Mastanlage ist, angegangen wird. Und man hat sich immer mehr reingesteigert. Jetzt ist man gegen Massentierhaltung. Ich weiß nicht, wo das noch hingehen soll. Ja? Die Mögliner, die kotzen auf die Reichenower, obwohl die Reichenower gar nichts dazu können. Was will man erreichen? Was will man erreichen?!?"

Ärger über die "Öko-Terroristen"

Reichenow, Möglin und eine weitere Ortschaft bilden zusammen die Gemeinde Reichenow-Möglin, und einige Mögliner verdienen ihr Geld in der Reichenower Landwirtschaftsindustrie. Auch der junge Mann erzählt, dass die Auseinandersetzung nicht mehr nur verbal geführt wird. Aber eben aus seiner Perspektive

"Kreuze irgendwo hin machen, ja! Auf sein eigenes Grundstück soll man Kreuze machen. Aber müssen die irgendwo hier am Straßenrand stehen, oder müssen die irgendwo an Telefonmasten? Da vorne hängt ein Kreuz, am Telefonmast. Das ist auch Sachbeschädigung! Oder hat er ne Genehmigung geholt von der Telekom, dass er an den Mast irgendwas drannageln darf? Für mich ist es genauso Sachbeschädigung, wenn man an die Bäume am Straßenrand irgendwelche rosa Kreuze mit irgendwelcher Farbe anmalt. Ja, und da ist die Frage: Wir reden hier von ökologischem Umweltschutz – wenn ich Bäume anmale, hat das irgendwas mit Umweltschutz zu tun?"

Er sei selbst anfangs hingegangen zu den Treffen der Bürgerinitiative, bis ihm die Sache mit dem "ökologischen Umweltschutz" zu weit ging. Und als es nur um den Gestank der Schweine ging. Jetzt stinkt ihm anderes.

"Wir sind ein Rechtsstaat. Man soll sich auch an die rechtlichen Mittel und Wege mal irgendwo halten und nicht irgendwo versuchen, diese Schweinemastanlage und alle Bauern hier an den Pranger zu stellen, und irgendwo schlecht zu machen, dass se sich nicht an irgendwelche Bestimmungen halten, sondern es soll sich mal jeder aus der BI an die eigene Nase fassen, und ma gucken, ob er sich auch an Gesetze und Bestimmungen hält. Ja? Und das ist nämlich das nächste Ding. Jetzt muss ich vorsichtig sein, was ich sage."

Sobald das Band nicht mehr läuft, wird manch einer hier deutlicher. Dann ist schnell die Rede von "Öko-Terroristen" und dass die Aktiven aus Reichenow froh sein sollten, dass sie zu später Stunde und bei erhöhtem Alkoholpegel das Erntefest in Möglin bereits verlassen hatten. Auch wird berichtet, dass ein Mitglied der BI dem Pächter des Reichenower Schlosses einen Eimer Gülle über den Kopf gekippt haben soll. Davon haben auch Martin Hollants und Nathalie Percillier von der Bürgerinitiative schon mal gehört.

Nathalie Percilier: "Dass hier mit Gülle geworfen wurde, ist bekannt, dass hier ..."

Martin Hollants: "Also das Gerücht ist bekannt."

Nathalie Percilier: "Das Gerücht ist bekannt, genau, aber ist keine Spur davon gefunden worden ..."

Martin Hollants: "Es hat sich noch kein Täter und kein Opfer gefunden."

Nathalie Percilier: "Es ist ... also niemand hat es gesehen. Niemand kann das bestätigen, wir haben alle gefragt, die Architektin, die da anwesend war, hat nichts gesehen, also wir wissen nicht, woher das kommt."

Martin Hollants: "Und soweit ich weiß, hat auch der Pächter des Schlosses nicht behauptet, selber mit Gülle beworfen worden zu sein, sondern ein Angestellter des Schlosses wäre damit beworfen worden, wir haben nachgefragt, wir haben Opfer gesucht – wir haben keine gefunden."

Debatten über solidarische Landwirtschaft und das Tierwohl

In der Wohnküche von Gutshofbewohnerin Imma Harms fühlt man sich ein bisschen wie in einer WG Kreuzberger Aufständischer. Hier wird debattiert über solidarische Landwirtschaft, das Tierwohl und darüber, dass eigentlich keiner hier ein Interesse an industrieller Landwirtschaft haben dürfte, weil sie die Bodenpreise durch massive Landaufkäufe in die Höhe schnellen lässt. Worunter kleinbäuerliche Strukturen leiden.

Die es ja hier – noch – gibt.

Imma Harms: "Ich kriege manchmal spontan den Gedanken, also auch aufgrund dieser ganzen Vorgeschichte hier: Junkerland, die Leute alle Knechte und Mägde, LPG-Zeit, die Leute alle unterstellt den kollektiven Verwaltungen, dass die Leute hier in gewisser Weise ihre Unfreiheit verteidigen. Diejenigen, die jetzt noch irgendwo drin sind, klammern sich sozusagen an ihre beschissenen Arbeitsbedingungen. Aber: In dem ich das so sage, denke ich also auch kritisch über mich selber, weil wir müssen mal sehen, die wir sozusagen aus der mehr oder weniger aus der städtischen Dissidenz kommen, kann man so sagen, also aus dieser Position heraus ist es vielleicht auch wirklich ein bisschen vermessen, den Leuten zu sagen: Also: Warum klammert ihr euch so an die Unfreiheit. Und wir fangen an damit, dass wir uns über den Gestank ärgern, und dann beschäftigen wir uns mit den Bedingungen, und kriegen raus, was da alles sonst noch stinkt. Deswegen ja auch: Uns stinkt's schon lange."

Wem stinkt was in Reichenow? Die Schweine stinken jedenfalls am wenigsten, zumindest heute, an diesem nebligen Novembertag. Stinkt die Bürgerinitiative Herrn Lindhorst? Herrn Lindhorst die rosa Kreuze? Die rosa Kreuze den Eingeborenen? Die Eingeborenen den Invasoren? Oder was? Man kann es nicht benennen, außer vielleicht: Es ist nicht alles so einfach, wie es auf den ersten Blick scheint.

Hickstein: "Wir hatten ja die Situation ... waren schon recht bisschen, naja, sehr kontrovers, und ... und da ist natürlich so meine Uffgabe, oder unsere Uffgabe, ein bisschen Ruhe reinzukriegen. Und das ham wir ooch ... versucht, oder auch die BI, wir haben also auch, oder die BI hat auch Jespräche mit bestimmten Bürgern jesucht, also hat eingeladen zu einer abendlichen Veranstaltung, die war auch anjenommen worden, dass doch, ja ... die Wogen etwas geglättet sind ..."

Heute ist Bürgermeister Hickstein froh, dass es in seiner Gemeinde noch eine Handvoll bäuerlicher Familienbetriebe gibt, er kennt deren Sorgen. Einiges, aber längst nicht alles in diesem Konflikt hängt jetzt an ihm.

"Ja, und vielleicht ein Satz noch, ich würde det natürlich sehr begrüßen, wenn wir hier ein bisschen ökologischeren Landbau hier etablieren könnten, aber andererseits muss man natürlich sagen, diese Mastanlage, oder dieser Industrie-Schweinebetrieb existiert ja nun auch schon bald zehn oder 15 Jahre, und, ja ... man muss da anders rangehen. Man kann nicht sagen: Hier, den Betrieb müssen wir jetzt schließen, det geht ooch nicht. Ist schon noch ein bisschen Überzeugungsarbeit notwendig, denk ick mal."

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