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Vollbild | Beitrag vom 15.08.2020

Regisseurin über Doku "Schlingensief""Er war immer das Enfant terrible"

Bettina Böhler im Gespräch mit Susanne Burg

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Szene aus dem Dokumentarfilm "Schlingensief - in das Schweigen hineinschreien": Christoph Schlingensief steht, als traditioneller Jude verkleidet, auf einer Straße in New York. Er hält ein Schild mit dem Aufdruck "Boycott German Goods". (Filmgalerie 451)
Aufsehen erregen konnte er: Christoph Schlingensief, als traditioneller Jude verkleidet, forderte bei einer Performance in New York den Boykott deutscher Produkte. (Filmgalerie 451)

Er war Filmemacher, Theaterregisseur und Aktionskünstler: Vor zehn Jahren starb Christoph Schlingensief. Die Filmeditorin Bettina Böhler hat eine Dokumentation über ihn geschaffen und findet: Schlingensief sei nicht richtig verstanden worden.

Susanne Burg: Christoph Schlingensief wäre in diesem Jahr 60 geworden. Im August 2010 ist der Künstler gestorben, zehn Jahre ist das also her. Ein Dokumentarfilm lässt nun das Leben und das Werk von Christoph Schlingensief wiederauferstehen. "Schlingensief – In das Schweigen hineinschreien" heißt er. Er hatte bei der Berlinale Premiere, kommt nun ins Kino, und er zeigt die gesamte Bandbreite dieses unglaublich aktiven Künstlers, den Theaterregisseur, den Aktionskünstler und natürlich auch den Filmemacher. Über den Künstler und das Werk spreche ich jetzt mit der Regisseurin des Dokumentarfilms, mit Bettina Böhler. Guten Tag!

Bettina Böhler: Guten Tag!

Burg: Sie sind Regisseurin des Films, aber vor allem auch Filmeditorin und haben in dieser Funktion auch bei zwei Filmen mit Christoph Schlingensief gearbeitet – bei "Terror 2000" und "Die 120 Tage von Bottrop". Wie haben Sie diese Zusammenarbeit in Erinnerung, wie sehr hat er Sie machen lassen?

Böhler: Er suchte jemanden, der seinen Film "Terror 2000" schneidet, und dann rief er mich an und wir haben uns getroffen und er hat mir auch schon Material gezeigt auf einer kleinen Videokamera. Er hatte das vom Schneidetisch damals abgefilmt, das war alles noch mit Film natürlich, 1992. Ich war gleich sehr begeistert von diesem Material und hab gesagt, okay, mach ich. Wir haben sehr gut von Anfang an zusammengearbeitet.Portrait von Christoph Schlingensief beim Reden vor schwarzem Hintergrund. Er trägt ein schwarzes Hemd und unterstreicht das Gesagte mit einer Geste seiner rechten Hand. (Filmgalerie 451)Mit seiner Kunst hat Christoph Schlingensief mehr als zwei Jahrzehnte die deutschen Debatten mitgeprägt. (Filmgalerie 451)

Ich baue und interpretiere die Szenen immer erst mal für mich alleine und mache einen ersten Rohschnitt. Und dann kommt die Regie dazu. So war das mit ihm im Grunde auch, und das fand ich auch sehr gut. Im Grunde war das eine gegenseitige Inspiration, und das hat total Spaß gemacht, weil das auch wirklich so ein freies Material war, was schon eine ganz klare Auflösung hatte.

Er hat ja nicht chaotisch gedreht, sondern das war immer sehr überlegt, in verschiedene Kameraeinstellungen aufgelöst und auch sehr klare Bilder, zum Teil sehr schöne Bilder, auch von der Kamera her, finde ich. Wir haben einfach rumgesponnen,  extreme Momente dann zum Teil verstärkt. Wenn zum Beispiel dieser Peter Panne auf dem Moped gegen das Kohl-Plakat fährt und das Blut spritzt auf Helmut Kohl, das sollte natürlich so drastisch aussehen. Man erschrickt und sieht trotzdem auch die Überzogenheit.

Filme, die viele verstörten

Burg: Erinnern Sie sich an die Reaktionen auf "Terror 2000" und "Die 120 Tage von Bottrop"?

Böhler: Ja, das war wie meistens bei seinen Filmen, die Reaktionen waren sehr polarisiert. Es gab Leute, die waren völlig begeistert, und es gab aber auch sehr viele, die haben es gehasst und haben gesagt: Was ist das? Das ist ja ekelhaft. Und: Das ist unter der Gürtellinie und einfach zu viel, weil es gerade bei "Terror" zum Teil sexuelle Anspielungen gibt, die extrem waren, und Dialoge, die man so normalerweise im deutschen Kino nicht gehört hat. Das war verstörend für viele Leute.

Burg: Im Dokumentarfilm haben Sie jetzt Filmszenen montiert, aber auch immer wieder Aufnahmen aus seinem Privatleben. Es ist der Werdegang des Christoph Schlingensief mit seinem ganzen künstlerischen Œuvre. Da gibt es einen Ausschnitt, in dem er von den Anfängen seiner filmischen Karriere erzählt, dass sein Vater in Christophs Kinderzeit eine Amateurkamera hatte mit Doppel-8-Film und dass er, also der Vater, den Kodakfilm aus Versehen zweimal benutzt hat.

Schlingensief: Das war sensationell. Meine Mutter und ich lagen am Strand irgendwo, in Norderney oder so was, und dann liefen uns plötzlich Leute über den Bauch. Das war also eine Doppelbelichtung, die stattgefunden hatte, und ich hab da hingeguckt und denke, wow, was ist das? Das war eigentlich der Anfang, zu denken, dass die Perspektive das Hauptmerkmal ist, denn was passiert, wenn Dinge sich übereinanderlegen, die nichts miteinander zu tun haben.

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Burg: Frau Böhler, wie prägend war das tatsächlich für Schlingensief?

Böhler: Ich glaube, das war sehr prägend. Erst mal hat er überhaupt begriffen, was man damit machen kann, wenn man die angebliche Realität, in Anführungszeichen, mit einer Kamera festhält, also diesen Moment quasi für die Ewigkeit, wenn man so will, festhält und das immer wieder noch mal anzusehen ist. Damit denkt man, man bannt hier die Realität, aber man schafft dadurch natürlich auch wieder eine neue Realität, gerade durch die Kombination der Bilder. Das ist natürlich bei einer Doppelbelichtung extrem, weil da zwei Realitäten übereinandergelegt werden, und im Grunde entsteht dadurch eine dritte Realität. Warum kann man nicht sagen, auch das ist eine Realität, und das hat ihn, glaube ich, sein Leben lang beschäftigt. Er hat ja immer gesagt, die Inszenierung findet im Grunde auf der Straße statt. Das ist das, was inszeniert ist, wo wir denken, das ist die Realität, aber auch die ist inszeniert und gebaut. Umgekehrt ist manchmal in einem Film unter Umständen mehr Wahrheit als in der Realität.

Von der Filmhochschule abgelehnt

Burg: Inwieweit passt da ein anderer Gedanke, den er auch äußert im Film? Er sagt an einer Stelle, ein guter Gedanke sei wie ein Zelt, es ist zerstörbar, aber es gibt Geborgenheit, und ein schlechter Gedanke ist nicht zerstörbar. Er steht nur herum, sagt er, und das nennt man Meinung. Wie sehr hat dieser Gedanke auch sein Werk geprägt, die Suche nach dem zerstörbaren Gedanken?

Böhler: Er war ein Mensch, der zwar sehr meinungsstark war und eine ganz klare Haltung hatte, vor allen Dingen politische Haltung, aber auch eine empathische und eine humanistische Haltung, den Menschen und dem Leben gegenüber. Trotzdem hat er immer gesagt, gut, ich habe jetzt diese Haltung und diese Meinung, aber man kann sie auch ständig hinterfragen und zerstören sozusagen. Daran hat er sich abgearbeitet, dass im Grunde der Konsens in der Gesellschaft grundsätzlich ist: Wenn man eine Meinung hat, dann ist es so und das bleibt so und das ist die richtige Meinung.

Dagegen hat er sich immer gewendet und gesagt: Also meine Meinung ist hoffentlich noch zerstörbar, das ist jedenfalls meine Hoffnung. Das beweist natürlich auch diese Offenheit, eine grundsätzliche Offenheit im Denken, die er hatte, und dadurch auch eine riesige Offenheit in der menschlichen Begegnung. Das war so faszinierend und berührend, dass es einfach jemand war, der zwar selber immer wahnsinnig viel geredet hat und vor Ideen sprühte. Trotzdem hat er sein Gegenüber jeweils wahrgenommen und respektiert.

Burg: Die Arbeit war dann immer auch ein Prozess.

Böhler: Genau, sie war immer ein Prozess und immer eine ganz wichtige Arbeit im Dialog, mit diesen Mitarbeitern.

Burg: Er war nie auf einer Filmhochschule, auch wenn er versucht hat, in München zu studieren, an der HFF. Wie sehr muss man ihn im Geiste dessen verstehen, was man in der Popmusik in den 80er-Jahren die genialen Dilettanten nannte, also die, die gegen alle Traditionen der Popmusik anspielten, übertragen jetzt auf den Film?

Böhler: Einerseits wollte er auf die Filmschule, und ich glaube, es war schon eine Niederlage für ihn – er hat es ja zweimal versucht in München –, dass er zweimal abgelehnt wurde. Aber es ist ja oft so, dass man aus diesen Niederlagen eine besondere Energie zieht und sagt: Gut, wenn ihr mich nicht wollt, dann mach ich’s eben jetzt auf meine Seite, und dann bin ich aber auch freier natürlich. Ich glaube, diese Art von Filmen, die er dann so gemacht hat, das wäre an einer Filmhochschule schwierig gewesen.

Viel zum Nachdenken

Burg: Sie haben sehr, sehr viel Material gesichtet. Wie wichtig war es Ihnen, bei der Montage auch sozusagen den Geist von Christoph Schlingensief in der Form zu finden oder dem gerecht zu werden?

Böhler: Das war mir natürlich sehr wichtig. Ich hab am Anfang kühn behauptet, ich mache einen Schlingensief-Film mit Schlingensief-Mitteln. Damit meine ich: Auch in der freien Assoziation natürlich das Material zu verwenden und in der Chronologie des Lebens zu bleiben, damit man diesen roten Faden hat, aber innerhalb dieses roten Fadens immer wieder auch frei, assoziativ mit Momenten umzugehen: Nach Stichwort oder auch nach Gedanke hab ich da plötzlich Werke einfließen lassen, die assoziativ gerade zu dieser Lebensphase passten, obwohl sie aus einer anderen Zeit kamen.

Burg: Ich nehme an, Sie haben auch die Filme sich noch mal angeschaut für den Dokumentarfilm. Wie gut sind die eigentlich gealtert, Filme wie "Die 120 Tage von Bottrop" oder "Das deutsche Kettensägenmassaker"?

Böhler: Ich finde das schon interessant, weil diese Filme sind natürlich, wenn man sie im Ganzen ansieht, extrem anstrengend. Man muss es schon wollen, man muss drin bleiben im Kino und es gibt auch Szenen, wo man denkt, oh nein, warum das jetzt, das ist irgendwie eklig und muss das sein? Gerade "Das deutsche Kettensägenmassaker" ist schon ziemlich heftig. Und trotzdem, wenn man hinterher aus dem Film rauskommt, dann bleibt was, und man hat wahnsinnig viel drüber nachzudenken. Das finde ich sehr faszinierend, und das ist auch 30 Jahre später so.

Gerade das "Kettensägenmassaker", weil das ist ja auch das, was er damals im Grunde visionär vorhergesagt hat, wie mit den ehemaligen DDR-Bürgern umgegangen wird, natürlich in seiner Form überspitzt. Natürlich sind sie nicht mit der Kettensäge zersägt worden, aber sie sind schon ziemlich über Löffel balbiert worden, wie man so schön sagt, und das hat er irgendwo vorausgeahnt, wie natürlich manche andere auch. Aber das eben im Jahr 1990, im Grunde ein halbes Jahr nach der Wende, so klar darzustellen und zu belegen – da sind ja tolle Dialoge drin, auch was Datenschutz angeht und so. Und immer wieder Bezüge, die auch heute absolut aktuell sind.

Eingeladen, aber nicht wirklich ernst genommen

Burg: Insofern erübrigt sich fast die Frage: In der kommenden Woche ist der zehnte Todestag von Christoph Schlingensief, wie sehr fehlt er in der heutigen Kulturwelt?

Böhler: Ja, das ist ein bisschen schade, dass kaum jemand von diesem Kaliber noch mal nachgekommen ist im Kulturbereich. Sei es jetzt im Film oder im Theater. Jemand, der mit so viel Mut und Energie und immer über seine eigenen Grenzen im Grunde gehend, also auch physischen Grenzen, sich für eine Idee und für eine politische Haltung und was Deutschland angeht, einsetzt und mit diesem Hintergrund das künstlerische Werk macht. In dieser geballten Form gibt es das nicht mehr, und trotzdem ist es wahnsinnig wichtig.

Es ist auch ein bisschen tragisch, zu seinen Lebzeiten ist diese Dimension nicht wirklich erkannt worden, besonders in den 80ern und 90ern. Er war immer das Enfant terrible und er war der Polit-Clown und er war jemand, den man gerne eingeladen hat, weil man wusste, dann passiert was und dann ist irgendwie Unterhaltung. Aber er wurde nicht wirklich ernst genommen, und ich finde, auch leider nicht richtig verstanden. Es war zum Teil ein großes Missverständnis, was seine Werke angeht. Umso mehr freut mich natürlich, dass jetzt auch durch den Film heute die Menschen noch mal die Gelegenheit haben, vielleicht ein bisschen zu begreifen, was das für ein Mensch war und was er wollte und warum er seine Filme, aber auch anderen Werke eben so gemacht hat, wie er sie gemacht hat.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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