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Vollbild | Beitrag vom 11.07.2020

Regisseurin Marjane Satrapi über "Marie Curie""Sie machte nie Kompromisse"

Marjane Satrapi im Gespräch mit Susanne Burg

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Filmszene aus "Marie Curie – Elemente des Lebens" mit Rosamund Pike, in der Rolle der Marie Curie  (imago images / Prod.DB)
Nicht "sanft und niedlich": Marjane Satrapi beschreibt Marie Curie als eine engagierte Wissenschaftlerin, die sich nicht durch Diskriminierung vom Forschen abhalten lassen will. (imago images / Prod.DB)

Marie Curie war Naturwissenschaftlerin - und erhielt als erste Frau den Nobelpreis für Physik, später für Chemie. Die Regisseurin Marjane Satrapi zeigt sie in ihrem Film als starken Charakter: besessen von ihrer Forschung und sehr geradeaus.

1903 hat Marie Curie als erste Frau - zusammen mit ihrem Ehemann Piere - den Nobelpreis für Physik bekommen. Ein Nobelpreis in Chemie folgte 1911. Rosamund Pike und Sam Riley spielen in dem neuen Film "Marie Curie – Elemente des Lebens" das Forscherpaar, das in Paris Ende des 19. Jahrhunderts die Radioaktivität erforscht.

Regie geführt hat Marjane Satrapi, die iranisch-französische Comiczeichnerin, die mit der Verfilmung ihres Comics "Persepolis" 2007 auch ins Filmgeschäft einstieg und mit "Huhn mit Pflaumen" zum Filmfestival in Cannes eingeladen wurde. Nun also ein Film über Marie Curie.

"Sämtliche Briefe gelesen, die ich in die Finger bekam"

Susanne Burg: Es ist ja interessant, was die Menschen mit Marie Curie in den letzten 100 Jahren alles so gemacht haben. Sie wurde stark mythisiert, schon von Anfang an, mit dem Porträt der amerikanischen Journalistin Marie Maloney in den 1920er-Jahren. Wenn man sich die verschiedenen Jahrzehnte ansieht: In den 1940ern wurde Marie Curie als heldenhafte Mutter und unfehlbare Physikerin verehrt. In den 60ern und 70ern als leidenschaftliche Vorreiterin der Frauenbewegung.

Es scheint, als wurde sie für all das benutzt, was gerade so in den Zeitgeist passte. Das Drehbuch Ihres Filmes hat Jack Thorne geschrieben. Wie haben Sie beide sich durch die vielen Mythen gekämpft, die es rund um Marie Curie gibt, um zu der Geschichte zu kommen, die Sie erzählen wollten?

Marjane Satrapi: Ich wollte kein normales Biopic machen, sondern auch von ihren Entdeckungen und den Auswirkungen ihrer Arbeit erzählen. Jack hat viel recherchiert, um herauszufinden, wer sie war. Und ich habe meine Recherchen gemacht. Ich habe viel Zeit im Institut Curie verbracht und sämtliche Briefe gelesen, die ich in die Finger bekommen habe. Wenn man die Briefe liest, versteht man besser, wie sie tickt, weil nicht andere über sie schreiben, sondern sie selber.

Marie Curie wurde ja viel als feministische Figur hingestellt. Es ist nicht so, dass sie die Rechte der Frauen nicht interessiert hätten, aber in ihrer Vorstellung war sie Männern völlig gleichgestellt. In einem Brief an ihre Tochter Irène sagt sie, dass sie viel mehr unter den mangelnden Forschungsgeldern gelitten habe als darunter, Frau zu sein.

Burg: Im Film beschreiben Sie Marie Curie als eine engagierte und kompromisslose Wissenschaftlerin, die sich nicht durch Diskriminierung vom Forschen abhalten lassen will. Wie sehr wollten Sie sie als eine starke Person zeigen und dabei trotzdem die Grenzen aufzeigen, die es ja durchaus gab?

Satrapi: Nun, sie war stark. Wer im Jahr 1900 eine Karriere als Forscherin in den Naturwissenschaften machen wollte, der konnte nicht sanft und niedlich und eine liebevolle Mutter sein. Bei Männern akzeptieren wir diese Charaktereigenschaften sehr schnell, aber bei Frauen haben wir größere Schwierigkeiten damit. Wir sagen: 'Picasso war so ein Idiot mit Frauen, aber er war ein Genie.' Und dann ist es okay. Frauen müssen immer sanft sein.

Ich bin eine Frau und ich kann Ihnen garantieren, dass ich nicht immer sanft bin. Sonst könnte ich nicht das machen, was ich tue. Marie Curie machte nie Kompromisse. Das habe ich aus den Briefen gelernt, den Büchern, den Gesprächen mit ihren Enkeln. Sie war besessen von ihrer Forschung und das trieb sie an. Das versuche ich im Film darzustellen.

"Natürlich gab es Grenzen und Einschränkungen"

Burg: Es war angeblich der Vater von Pierre Curie, der es ihr ermöglichte, mit ihrer Forschung weiterzumachen. Und es war Pierre Curie, der darauf beharrte, dass sie 1903 mit ihm auf die Liste für den Nobelpreis gesetzt wurde. Es gab also Grenzen. Wie groß war Ihr Interesse an diesen Grenzen?

Satrapi: Oh, natürlich gab es Grenzen und Einschränkungen. Eine Frau konnte damals Assistentin eines Wissenschaftlers sein. Bis in die 1980er gingen Nobelpreise immer wieder an die Männer, obwohl es Frauen waren, die etwas entdeckt hatten. Es gab also Grenzen. Ich fand die Beziehung interessant, die Marie mit Pierre Curie hatte.

Stellen Sie sich 1903 einen Mann vor, der so offen ist, dass er, wenn er hört, dass er für den Nobelpreis nominiert ist, sagt, er gehört ihr und mir. Und der einzige Grund, warum sie nicht zur Verleihung gegangen ist, war, weil sie eine Nierenoperation hatte.

Also ja, Pierre und seine Eltern waren sehr offene und aufgeschlossene Menschen, sehr links, antireligiös. Sie war eine beeindruckende Frau. Aber er war auch ein beeindruckender Mann. Und das hat bei ihnen auch so gut funktioniert.

Die Regisseurin Marjane Satrapi am Set von "Marie Curie – Elemente des Lebens" (imago images / Prod.DB)Die Regisseurin Marjane Satrapi - am Set von "Marie Curie – Elemente des Lebens". (imago images / Prod.DB)

Burg: Marie Curie war auch keine politische Person. Sie zeigen, wie sie sich im Zweiten Weltkrieg um mobile Röntgengeräte für verletzte Soldaten kümmert, aber nicht aus humanitären Gründen, sondern um diese Geräte zu testen. Sie ist keine Filmheldin, mit der wir unbedingt mitfühlen. Eine Sympathieträgerin als Heldin hat Sie nicht so sehr interessiert, oder?

Satrapi: Superman mag die perfekte Person sein, aber er ist langweilig. Es gibt keinen perfekten Menschen. Ich mag das. Deswegen mag ich die Figur der Marie Curie auch. Wenn jemand dumm ist, dann gehört es sich nicht, dieser Person das mitzuteilen. Marie Curie sagte sich: 'Faktisch ist er dumm.' Und verstand daher auch nicht, warum sie das jemandem nicht sagen sollte. Sie hielt sich nicht unbedingt an einen Verhaltenskodex. Sie hat sich auch nicht für Ruhm und Geld interessiert.

Einiges konnte ich nicht in den Film packen. Amerikanische Frauen haben ihr zum Beispiel ein Gramm Radium gekauft. Zu der Zeit hat es 100.000 Dollar gekostet. Das wären heute etwa 10 Millionen Dollar. Sie wollte das nicht annehmen, bevor sie sich nicht mit dem Anwalt beraten hatte.

Sie wollte sicherstellen, dass nicht ihre Tochter das Radium einmal erbte. Das sei zu viel wert, sagte sie. Und das würde sie verderben. Sie war sehr geradeaus. Und damit einher geht auch, dass sie nicht immer sehr charmant war. Ich mag keine Menschen, die immer charmant sind.

Montage von Privatleben und Forschung

Burg: Wissenschaftliche Experimente sind häufig sehr kompliziert und langwierig und ermüdend – zumindest für Menschen, die nicht in der Wissenschaft tätig sind. Auf der anderen Seite gab es Ende des 19. Jahrhunderts ja sehr viel zu entdecken. Sie zeigen Marie und Pierre Curie, wie sie Geräte bauen und forschen. Was waren die Herausforderungen für Sie, die wissenschaftliche Seite der Arbeit zu zeigen?

Satrapi: Es stimmt: Nichts ist weniger sexy als Naturwissenschaft im Kino. Forschung besteht so viel aus Wiederholung. Marie Curie schaute tagelang auf einen Lichtpunkt und benutzte ein Chronometer, um herauszufinden, wie viel radioaktive Strahlung es in diesem oder jenem Material gibt. Das 25 Minuten zu zeigen ist extrem langweilig.

Die Herausforderung besteht darin, es interessant zu gestalten und trotzdem genau und korrekt zu bleiben. Ich würde im Boden versinken, wenn sich ein Physiker den Film anguckt und sagt: ‚Was sie da sagt, ist Quatsch.‘ Ich habe mich bemüht, sehr genau zu sein.

Viele Leute fragten mich: ‚Wo ist der Aha-Effekt?‘ Und ich habe gesagt: ‚Es gibt keinen Aha-Effekt.‘ Marie Curie stand nicht morgens auf und sagte zu Pierre: ‚Lass uns heute zwei neue Elemente entdecken.‘ Das funktioniert so nicht. In einer ersten Schnittversion hatten wir am Anfang 30 Minuten wissenschaftliches Experiment, aber das war zu langweilig.

Wir hatten einen guten Editor und der schlug vor, eine Montage zu machen. Wir zeigen, dass sie sich verlieben und Kinder bekommen und wieder arbeiten, so dass man eine Idee davon bekommt, wie ihr Leben so aussieht. Und danach können Menschen mehr entdecken.

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Burg: Im Laufe des Filmes zeigen Sie dann immer wieder die Experimente in ihrem Labor. Das Labor befindet sich in einem Industriegebäude und sieht ein bisschen heruntergekommen aus. Es ist sehr schmutzig. Für den visuellen Look: In welcher Umgebung sollten die beiden arbeiten?

Satrapi: Das Uraninit, mit dem Marie Curie arbeitete, kam aus einer Silbermine, in der auch Uran abgebaut wurde und die Leute, die das abbauten, bekamen meistens irgendwann Krebs. Wenn man mit dem Material arbeitet und es – wie Marie Curie – zerkleinert, dann wird man schmutzig. Marie Curie kann also nicht ordentlich hochgestecktes Haar und rosa Wangen haben.

So sehr ich glaube, dass die Kunst nicht die Realität kopiert, so sehr sollten wir manchmal nicht fantasieren und etwas zu sauber gestalten. Manchmal benutze ich Surrealismus, wenn ich sie zum Beispiel in einem Radiumtanz inszeniere. Aber ihre eigentliche Arbeit ist körperlich, sie machte vieles davon selber, sie zerkleinerte das Gestein, da wird man dreckig.

Das Ausmaß der Entdeckung der Radioaktivität

Burg: Am Anfang können Pierre und Marie Curie das Ausmaß ihrer Entdeckungen nicht ermessen. Sie wissen nicht ganz genau, was Radioaktivität bewirkt. Wann bemerken sie, dass sie ein bisschen ein Monster in die Welt entlassen haben. Und wie sehr wollten Sie sich im Film darauf konzentrieren?

Satrapi: Als die beiden die Radioaktivität entdeckt haben, haben sie mithilfe eines Freundes von Pierre, eines Dermatologen, festgestellt, dass man mit Radioaktivität Tumore verkleinern kann. Das war bahnbrechend, dass man Krebs damit bekämpfen konnte. Ich glaube, Pierre hatte eine Ahnung vom Ausmaß, denn er erwähnt in seiner Nobelpreisrede, was geschieht, wenn Radium in die Hände von Kriminellen kommt. Er ahnte, dass etwas so Gewaltiges auch großen Schaden anrichten kann.

Pierre war Teil der Bewegung der Positivisten zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Er glaubte an einen zweiten Humanismus nach dem 18. Jahrhundert, er glaubte an den Fortschritt und die Wissenschaft. Und wie Sie sagten, zwischen 1900 und 1920 wurde so viel entdeckt, entwickelt und auf den Markt gebracht. Das Flugzeug, das Telefon, das Grammofon, die Straßenbeleuchtung, so dass das Nachtleben blühte. Es gab diese Aufregung, dass alles in Bewegung war.

Das ganze Schlechte passierte nach dem Tod der beiden. Darum geht es mir auch. Zwei Wissenschaftler entdecken etwas, das sie Radioaktivität nennen, sie entdecken zwei Elemente und lassen sie noch nicht mal patentieren, weil sie sagen, das sind Elemente der Natur, sie gehören uns nicht.

Und was stellen wir mit dieser Entdeckung an? Wir können Krebs heilen und danach? Wir bauen die Atombombe. Wir machen das mit allem. Wir werden das auch mit künstlicher Intelligenz tun. Glauben Sie mir, in ein paar Jahren wird die künstliche Intelligenz alle umbringen und wir werden es saubere Kriege nennen, weil niemand Blut an den Händen hat.

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