Mittwoch, 20.03.2019
 

Fazit | Beitrag vom 12.03.2019

Regisseur Kroesinger zum Tod von Andrzej WirthOffen für alle Formen des Theaters

Hans-Werner Kroesinger im Gespräch mit Eckhard Roelcke

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Der Theaterwissenschaftler Andrzej Wirth während einer Veranstaltung im Atelier Elmgreen und Dragset in Berlin im Jahr 2011. (Eventpress Radke / dpa)
"Ihn hat das interessiert, wo es den Leuten um was ging": Andrzej Wirth 2011 (Eventpress Radke / dpa)

Andrzej Wirth hat das heutige Theater nachhaltig beeinflusst. Er prägte den Begriff des "Postdramatischen" und beeinflusste zahlreiche Theatermacher, wie den Regisseur Hans-Werner Kroesinger. Der rühmt die Neugier und Offenheit des jetzt verstorbenen Wirth.

Theater denken und Theater machen ging bei Andrzej Wirth immer Hand in Hand und so war es folgerichtig, dass er nach seiner Rückkehr aus den USA 1982 in Gießen das Institut für Angewandte Theaterwissenschaft gründete. Hier hat der Kritiker und Hochschullehrer eine ganze Generation Theaterschaffender geprägt, darunter René Pollesch und Moritz Rinke, außerdem Gruppen wie Rimini-Protokoll und She She Pop.

Großzügiger und beeindruckender Mensch

Der Regisseur Hans-Werner Kroesinger studierte ebenfalls in Gießen bei Wirth und wurde auch durch ihn zu seinen Dokumentartheater-Projekten inspiriert, die auf umfassender Recherche beruhen. Andrzej Wirth sei ein unglaublich großzügiger und beeindruckender Mensch gewesen, erinnert sich Kroesinger:

"Er war ein Weltbürger des Theaters".

Wirth hatte seine Spezialgebiete und die habe er den Studenten nahegebracht, erzählt Kroesinger.

"Er hat Robert Wilson mitentdeckt, er war in der aufregendsten Zeit des Theaters in New York". 

Aber auch außereuropäische Darstellungsformen wie das japanische Kabuki-Theater faszinierten Wirth.

Neugier auf das Bühnengeschehen

Als Theaterschaffender sei Wirth immer offen gewesen, sagt der 56-Jährige.

"Sehr entschieden in seinen Urteilen, was er gut oder was er schlecht fand. Aber es gab eine grundsätzliche Neugier und auch eine grundsätzliche Sympathie für das, was da auf der Bühne passiert."

Die oft benutzte Formel des postdramatischen Ansatzes "Diskurs statt Theater" greift Kroesinger zufolge bei Wirth zu kurz.

"Vielleicht kann man es einfacher fassen: Ihn hat das interessiert, wo es den Leuten um was ging."

So habe Wirth sich genauso für Brecht wie für den Avantgardisten Grotowski begeistern können.

"Tut, was für euch passt!"

"Er hat uns immer gesagt, das, wofür wir euch hier ausbilden, das ist ein Theater, was es jetzt noch nicht gibt. Ihr müsst das machen und am Anfang wird es wahrscheinlich auch niemand gut finden, aber Theater ist etwas, damit werdet ihr euch euer ganzes Leben auseinandersetzen. Ihr müsst das tun, was für euch passt."

(beb) 

 

Kulturpresseschau

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