Seit 10:05 Uhr Lesart
Mittwoch, 28.10.2020
 
Seit 10:05 Uhr Lesart

Im Gespräch | Beitrag vom 21.09.2020

Regisseur Johan Simons„Theater ohne Publikum – das funktioniert nicht!"

Moderation: Britta Bürger

Beitrag hören Podcast abonnieren
Der Theaterregisseur Johan Simons (Joerg Brueggemann / OSTKREUZ)
Der Theaterregisseur Johan Simons (Joerg Brueggemann / OSTKREUZ)

Seit 20 Jahren prägt der Niederländer Johan Simons auch in Deutschland das Theater, derzeit als Intendant des Bochumer Schauspielhauses. Inszenierungen unter Hygienevorschriften sind für alle eine große Herausforderung, sagt Simons.

Johan Simons war Leiter der Ruhrtriennale, der Münchener Kammerspiele und ist derzeit Intendant des Bochumer Schauspielhauses. Seine aktuelle Inszenierung von "King Lear" unterliegt den Hygienevorschriften – eine Herausforderung für Schauspieler und Publikum gleichermaßen. "Man muss versuchen, damit umzugehen", sagt der 71-jährige Simons.

Welt unter Wasser

Aufgewachsen ist Johan Simons in Heerjansdam, einem Dorf nahe Rotterdam. Dort erlebt er als Kind 1953 die große Sturmflut – ein einschneidendes Erlebnis für den späteren Regisseur.

"Morgens habe ich aus meinem Fenster geguckt mit Blick auf den Fluss. Da war nur noch Wasser. Dann schaute ich hinten raus. Wo früher kilometerweit Wiesen waren, war jetzt nur noch Wasser mit Pferden und Kühe, die darin trieben. Also ein unfassbarer Anblick. Und befremdlich war, dass ich komplett euphorisch wurde. Denn das war der Gottesbeweis: Gott existiert. Obwohl es total schrecklich war, das wusste ich tief in mir auch, war es doch ein Anblick, den ich nie vergessen werde."

Mit zwei Brüdern wächst Johan Simons in bescheidenen, religiös geprägten Verhältnissen auf. Geld, um ihn aufs Gymnasium zu schicken, ist nicht da. Mag sein, dass das der Grund für eine frühe Politisierung des späteren Regisseurs ist, der sich als überzeugten Demokraten bezeichnet. In seiner Kindheit hat die Mutter, eine Bäuerin, das Sagen. Denn der Vater, ein Bäcker, ist spielsüchtig.

"Morgens fuhr er mit dem Auto voller Brot aus unserem Dorf nach Rotterdam. Aber dann fuhr er weiter nach Den Haag zu den Pferderennen und verlor natürlich viel Geld. Und erst am späten Nachmittag fuhr er mit dem Brot zu seinen Kunden. Das geht natürlich nicht, denn ein Bäcker kommt morgens um 8, 9 Uhr, aber nicht nachmittags. Also, das war sehr schnell vorbei."

"Da sieht man ja deine Eier!"

Als Jugendlicher träumt Johan Simons davon, Priester in Afrika werden. Sein Vorbild ist Albert Schweitzer. Aber weil sein Glaube an Gott zunehmend schwindet, nimmt er davon bald wieder Abstand. "Die große Strafe Gottes ist, dass er leider nicht existiert."

Er möchte Tänzer werden. Der Vater ist gegen die Ausbildung: "Beim Tanz sieht man ja deine Eier in den Hosen!". Die Mutter unterstützt ihn. Sie weiß, dass es für den Sohn wichtig ist, das Dorf zu verlassen. Er beginnt mit der Tanzausbildung und wechselt dann zum Schauspiel.

"In der Schauspielschule in Maastricht dachte ich schon: Regisseur ist eigentlich mein Ding. Da waren wir in einer Klasse, und eigentlich war ich immer der Boss, der eigene Projekte erfunden hat."

Theater in Ställen und unter Brücken

1985 gründet er die Theatergruppe "Hollandia" für Menschen, die sonst nie ins Theater gehen. Gespielt wird auf dem Land, in Ställen und leerstehenden Fabriken, auf Schrottplätzen und unter Brücken. Die Erfahrungen aus dieser Zeit fließen auch in seine spätere Regiearbeit ein, ob in Gent, an den Münchner Kammerspielen, bei der Ruhrtriennale oder jetzt im Bochumer Schauspielhaus.

"Wenn man sagt, Schauspiel ist die Kunst des Moments, dann muss es so sein, dass wenn ich auf der Bühne stehe, ich vermitteln muss, dass ich für die Leute zum ersten Mal spiele, auch wenn es zum hundertsten Mal ist. Dafür muss man in seinem Kopf Tausende von Gedanken haben. Das ist ein Stil, den ich durch die Jahre hin mit den Schauspielern von ‚Hollandia‘ entwickelt habe. Deswegen sagt Sandra Hüller auch: wenn Johan Regie führt, fühle ich mich frei." Sie spielte zum Beispiel in seiner Bochumer "Hamlet" Inszenierung die Hauptrolle.

An Deutschland schätzt der preisgekrönte Regisseur die Seriosität der Theaterkritik sowie die Tiefe der Auseinandersetzung. Und die Höflichkeit der Deutschen. Dennoch hat er immer wieder Sehnsucht nach den Niederlanden, nach der Offenheit seiner Landsleute, der flachen Landschaft und dem weiten Blick. Dass der Weg vom Bochumer Schauspiel in die Niederlande nun näher ist als von den Münchner Kammerspielen, kommt ihm entgegen.

(svs)

Im Gespräch

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur