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Interview / Archiv | Beitrag vom 24.11.2016

Regisseur Herbert Fritsch "Pfusch" auf der Bühne - und in der Kulturpolitik

Moderation: Korbinian Frenzel

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Der Schauspieler und Regisseur Herbert Fritsch (picture-alliance/dpa/Soeren Stache)
Der Schauspieler und Regisseur Herbert Fritsch (picture-alliance/dpa/Soeren Stache)

"Hier liegt ein kulturpolitischer Pfusch" vor, so kommentiert Regisseur Herbert Fritsch die Entscheidungen zur Intendantennachfolge an der Volksbühne Berlin. Sein neues Stück "Pfusch", das heute Abend Premiere hat, sei eigentlich nicht als Kommentar gedacht gewesen.

An der Volksbühne am Rosa-Luxemburg Platz hat heute Abend das Stück "Pfusch" in der Inszenierung von Herbert Fritsch Premiere. Es ist dessen letzte Arbeit an diesem Theater vor dem Wechsel an die Berliner Schaubühne.

Wir haben den Regisseur und Schauspieler gefragt, ob "Pfusch" auch als Anspielung auf die kulturpolitischen Entscheidungen in Sachen Volksbühne zu verstehen sei? Der Titel des Stücks sei eigentlich "in keiner Weise" als Kommentar gedacht, sagte Fritsch im Deutschlandradio Kultur:

"Nichtsdestotrotz bin ich schon der Meinung, dass hier auch ein kulturpolitischer Pfusch vorliegt. Es ist eine zufällige Parallele. Und insofern könnte man annehmen, dass es ein Kommentar ist. Ist es aber nicht."

"Die Volksbühne hat internationales Renommee"

In den Streit um die Berufung Chris Dercons zum neuen Intendanten wolle er sich eigentlich gar nicht mehr einmischen, meinte Fritsch. Er zeigte sich aber dennoch sehr kritisch gegenüber der Vorgehensweise des Berliner Senats und den dafür gelieferten Begründungen:

"Der Volksbühne neue Impulse geben zu wollen, das ist nun wirklich so was von absurd. Da gibt es andere Theater, die das vielleicht nötiger hätten. Die Volksbühne ist wirklich eine Bühne, die internationales Renommee hat. Und da auf einmal herumzupfuschen - das finde ich wirklich unmöglich."

Frank Castorf hat Berlin "etwas geschenkt"

Dass man ausgerechnet die Volksbühne "herausgepickt" habe, komme ihm "seltsam politisch" vor, sagte Fritsch. Intendant Frank Castorf habe Berlin "wirklich etwas geschenkt" und in der Stadt integrierend gewirkt:

"Natürlich hat sich an der Volksbühne etwas verändert. Aber es ist ja nicht so gewesen, dass die Volksbühne in letzter Zeit abgestürzt ist. Und man fühlt sich dann einfach vor die Tür gesetzt. Und das finde ich einfach schrecklich. Aber die Trauer ist jetzt vorbei. Ich freue mich jetzt auf das Neue. Ich freue mich, jetzt an die Schaubühne zu kommen."

Pfuschen als lustvolle Erfahrung

Fritsch ging auf die ästhetische Konzeption seines Stückes "Pfusch" ein, bei dem Humor und Witz im Umgang mit Pfusch-Problemen thematisiert werden. Pfuschen könne etwas sehr Lustvolles sein und sei manchmal auch die Grundlage seiner künstlerischen Tätigkeit:

"Es geht darum, dass man mit allem, was man da auf der Bühne erzählt, eine Distanz zu diesen Problemen schafft. Und dass man sich nicht dauernd ärgert."

Programmtipp: Eine Theaterkritik der Premiere von "Pfusch" hören Sie am 24.11.2016 um 23:10 Uhr in unserer Sendung Fazit. 


Das Interview im Wortlaut:

Korbinian Frenzel: Wenn ich Ihnen die Stichworte Pfusch und Berlin nenne, dann erscheint vor Ihrem inneren Auge vielleicht ein Flughafen. Aber legen Sie das Bild mal kurz zur Seite, vielleicht brauchen wir es noch. Nehmen Sie sich ein anderes Bild vor: Das imposante Gebäude der Berliner Volksbühne, ein Haus, über das es gewaltigen Theaterdonner gibt seit ein paar Monaten, seitdem klar ist, dass Frank Castorf geht als Intendant, und ein anderer kommt. Chris Dercon  der Flame, der bis vor Kurzem die Tate Modern in London leitete. Ein Mann, dem ein Großteil des Ensembles überaus kritisch gegenüber steht, einige so sehr, dass sie weggehen, bevor der neue kommt. Herbert Fritsch zum Beispiel, lange Jahre Schauspieler an der Volksbühne, in den letzten fünf Jahren war er dort als Regisseur tätig. Heute nun ist die Premiere seines Abschiedsstückes, das heißt "Pfusch". Ich habe Herbert Fritsch gefragt, ob man den Titel "Pfusch" denn auch als Kommentar verstehen soll zur Berliner Kulturpolitik.

Herbert Fritsch: Politik kommentiere ich grundsätzlich nicht, weil das für mich getrennte Welten sind. Das, was ich auf der Bühne mache, hat mit der Politik  überhaupt nichts zu tun. Pfusch ist für mich ein ästhetisches Konzept, und da bin ich inzwischen darauf gekommen, dass – am Anfang war der Pfusch und nicht das Wort, und darauf ist alles aufgebaut, und man sieht das ja überall.

Herbert Fritsch: Pfusch kann auch ein Lustprinzip sein 

Ich will sowieso nicht irgendwie große Aussagen treffen mit allem, was ich tue, sondern ich will meiner Lust folgen, worauf ich Lust habe, was ich gern machen möchte oder was ich gern sehen möchte. Und da denke ich erst mal nicht darüber nach, was ich gern den Zuschauern da beibringen möchte. Das möchte ich sowieso nicht, das kann ich auch gar nicht, da bin ich viel zu dumm dazu. Also insofern, es ist in keiner Weise ein Kommentar. Nichtsdestotrotz bin ich schon der Meinung, dass natürlich auch hier ein kulturpolitischer Pfusch vorliegt. Das ist eine zufällige Parallele, und insofern also  könnte man annehmen, dass es ein Kommentar ist – ist es aber tatsächlich nicht.

Frenzel: Eine zufällige  Parallele, das ist eine schöne Formulierung. Aber ich folge mal Ihrer klaren Trennung, die Sie vorgenommen haben. Lassen Sie uns erst mal über Ihr Stück sprechen. Sie sagen,  am Anfang war der Pfusch. Pfusch ist ja eine Sache, die eigentlich nicht positiv besetzt ist. Das heißt ja, zumindest im allgemeinen Verständnis, Dinge nicht gut machen, Dinge schlecht machen.

Fritsch: Das kommt darauf an, wie viel Humor man hat. Man kann auch über Pfusch nach einer gewissen Weile lachen. Wenn man eine Distanz dazu hat, ist Pfusch irgendwas sehr Unterhaltendes. Es ist immer schön, Geschichten über Pfusch zu erzählen, Pfusch, der passiert ist. Es hat was sehr Witziges, und insofern ist das eine ganz interessante Grundlage für alles, was ich mache.

Das Pfuschen kann ja auch was sehr Lustvolles sein.  Aber natürlich ist es für Leute, wenn man jetzt ein Haus baut oder so, und dann sind die Türen gepfuscht und man kann die Tür nicht richtig auf und zu machen, oder die Wasserhähne tropfen am laufenden Band. Das ist natürlich ärgerlich, ja, aber es geht ja gerade darum, dass man mit allem, was man da erzählt auf der Bühne, eine Distanz zu diesen Problemen schafft und dass man sich nicht dauernd ärgert. Und Pfusch ist eigentlich ein Grund – es gibt so viel, was um uns herum passiert, auch hier in Berlin, wo man über Pfusch sprechen könnte, worüber man sich dauernd ärgern könnte, stundenlang diskutieren könnte – aber es bringt ja nichts.

Der Titel "Pfusch" ist ein Gedankenimpuls

Frenzel: Wie bringen Sie denn diesen Pfusch, diesen humorvollen Pfusch, diesen schönen  Pfusch, den Sie da beschreiben, auf die Bühne? Wie muss man  sich das vorstellen?

Fritsch: Ach, das weiß ich noch gar nicht. Vielleicht ist der Pfusch, den wir machen, die absolute Themaverfehlung. Wenn ich so ein Stück entwickle – ich habe zwar diesen Titel, aber ich finde manchmal auch interessant, den Titel als absoluten Gegensatz zu dem zu haben, was dann tatsächlich auf der Bühne stattfindet. Insofern weiß ich noch nicht ganz genau, was da als Pfusch gelesen werden kann. Vor allem woll

ten wir auch keinen Themenabend zum Thema Pfusch machen. Pfusch einfach als ein Gedankenimpuls, und dazu ist ein Titel da, das gibt einen  bestimmten Gedankenimpuls, der dann das, was man auf der Bühne sieht, in gewisser Weise einfärbt, wenn man dazu bereit ist oder das gern möchte oder darauf Lust hat.

Frenzel: Wie haben Sie denn Ihre Schauspieler da reingeschickt, in diese Aufgabe? Wenn ich gerade höre, Sie haben eigentlich selber noch gar  nicht genau die Idee oder die Vorstellung, was da passieren wird auf der Bühne. Haben Sie gesagt, gehen Sie rein, geht rein, Kollegen, und pfuscht?

Fritsch: Jein. Also, es ist so, natürlich haben wir angefangen und wussten alle überhaupt nicht, was das werden kann, und es war auch, oft waren wir auf den Gipfeln der Verzweiflung während der Arbeit und dachten, du lieber Himmel,  was stellen wir denn da an. 

Aber es konkretisieren sich jetzt im Lauf der Zeit jetzt schon gewisse Sachen, und wir sind halt neugierig. Und so ist ja bei all meinen Stücken, egal, was ich mache, ob  ich jetzt das frei mache oder ob ich das mit einem Text mache, es ist immer so, dass man wirklich erst bei der Premiere so ansatzweise weiß, was es eigentlich war und was es ist. Und das finde ich interessanter, als wenn man gleich von vornherein immer schon alles weiß.

Herbert Fritsch über Chris Dercon

Frenzel: Herr Fritsch, wo hört denn das Amüsement auf? Sie haben das vorhin schon angesprochen, das Beispiel bei dem privaten Bauherrn, der sich ärgert, dass seine Türen nicht aufgehen. Große Berliner Baustellen haben wir auch – man könnte den Flughafen nennen. Man könnte aber – und da sind wir jetzt wieder bei der Kulturpolitik –, die Entscheidung nennen, Castorf nicht zu verlängern, den langjährigen Intendanten an der Volksbühne, und dafür den Flamen Chris Dercon an die Spitze der Volksbühne zu setzen,  einen Mann –  das ist der Kernpunkt der Kritik – ohne ausgewiesene Theatererfahrung. Der designierte Kultursenator Klaus Lederer von den Linken hat jetzt angekündigt, die Berufung Dercons noch mal zu überprüfen und "darüber nachzudenken", das waren seine Worte, "was das Beste wäre für die Volksbühne". Was wäre denn das? Dercon wieder abberufen?

Fritsch: Ach wissen Sie, da will ich mich jetzt gar nicht mehr einmischen. Es ist einfach so: Ich habe gern Herrn Dercon überhaupt nichts, ich habe einfach was gegen diesen ganzen Vorgang. Dass der Senat davon spricht, dass eben Herr Renner damals noch gesagt hat, dass es darum geht, die Volksbühne weiterzuentwickeln und weiterzudenken. Also ich meine, der Volksbühne neue Impulse geben  zu wollen, das ist nun wirklich so was von absurd. Da gibt es andere Theater, die das vielleicht nötiger hätten. Und Volksbühne, eine Bühne, die wirklich internationales Renommee hat, da auf einmal rumzupfuschen, ja, das finde ich wirklich unmöglich.

Für mich ist es kein Thema,  dass  ich sage, Herr Dercon ist jetzt kein Theatermann. Es ist interessant. Das finde ich interessant als Gedanken. Es ist nur so, ich habe mich jetzt mit ihm im Gespräch nicht so gut verstanden. Aber dass er bestimmt interessante Sachen machen kann. Aber dann muss er den  Platz dafür kriegen. Und dass er plötzlich Theater machen will, ist auch völlig in Ordnung für mich, da habe ich gar kein Problem damit.

Nur wie die ganze Sache gehandhabt wurde, und dass man gerade sich die Volksbühne  rauspickt, das kommt mir seltsam politisch vor. Also auch Castorf, der wirklich der Stadt was geschenkt hat, der sehr viel beigetragen hat zur Integration, also insgesamt, der integrierend gewirkt hat innerhalb der Stadt – das finde ich so was von seltsam. Und natürlich hat sich an der Volksbühne was verändert, aber es ist ja nicht so  gewesen, dass die Volksbühne jetzt in letzter Zeit abgestürzt ist. Man fühlt sich dann  einfach vor die Tür gesetzt, und das finde ich einfach schrecklich. Aber die Trauer ist jetzt vorbei, ich freue mich jetzt auf das Neue, ich freue mich, jetzt an die Schaubühne zu kommen und dadurch jetzt auch wieder neue Impulse zu bekommen. Dieser Wechsel ist dann für mich wieder – ich nehme den jetzt eher produktiv, und ich rege mich da nicht weiter drüber auf, und was die Kulturpolitik macht – ja, sie geht halt irgendwie weiter, mal sehen – keine Ahnung.

Wie sieht die Zukunft der Volksbühne aus?

Frenzel: Was glauben Sie denn, wird passieren mit der Volksbühne in Berlin?

Fritsch: Das weiß ich nicht. Ich hoffe nur, dass die Gewerke und das alles, so die ganze Infrastruktur in der Volksbühne bestehen bleibt. Dort sind wunderbare Leute am Arbeiten. Das ist eine Freude für jeden, jeden Regisseur und jeden Bühnenbildner, der da kommt, in diesem Haus arbeiten zu können. Es ist natürlich so, dass diese Bühne nicht einfach zu nehmen ist. Da muss man sich reinarbeiten – und ich meine jetzt die Bühne, nur die Bühne –, da muss man eine Sprache dafür finden, und das ist eben das, was Castorf und allen, die dort gearbeitet haben,  irgendwie schon gelungen ist, mit der Bühne umzugehen. Weil die dann eine ganz besondere Ausstrahlung hat. Und das ist immer die Hürde, die man erst mal nehmen muss. Aber wie gesagt, ich würde mich freuen, wenn die Volksbühne zumindest in der Infrastruktur so bestehen bleibt. Wer dann der Chef ist und wie es weitergeht, das ist für mich nicht mehr von Interesse.

Frenzel: Was jetzt erst mal passieren wird, ist Ihre Uraufführung, "Pfusch", das letzte Stück an der Berliner Volksbühne. Herr Fritsch, abschließende Frage: Was war denn Ihr schönstes Pfusch-Erlebnis im  Zusammenhang  dieser Arbeit?`

Fritsch: Mein schönstes Pfusch-Erlebnis, das war das, dass ich zur Konzeptionsprobe kam und überhaupt nicht wusste, was ich sagen soll, und plötzlich merkte, dass ich überhaupt noch keinen klaren Gedanken dazu hatte. Und das war, diese Konzeptionsansprache, das war ein echter Pfusch.

Frenzel: Der Regisseur Herbert Fritsch. Ich danke Ihnen für das Gespräch!

Fritsch: Ich danke Ihnen auch!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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