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Interview | Beitrag vom 15.01.2020

Regisseur Dror Zahavi über Krupp-Chef Berthold BeitzViel mehr als ein schillernder Opportunist

Moderation: Ute Welty

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Der Schauspieler Sven-Eric Bechtolf in der Rolle des Krupp-Managers Berthold Beitz in dem Spielfilm "Das Geheimnis der Freiheit" von Dror Zahavi. (imago images / WDR / Degeto / Sepp Spiegl)
Schillernde Figur der Nachkriegszeit: Berthold Beitz - in dem Film von Dror Zahavi, produziert von Degeto, verkörpert von Sven-Eric Bechtolf. (imago images / WDR / Degeto / Sepp Spiegl)

Lange blieb im Verborgenen, dass der Wirtschaftslenker und Krupp-Chef Berthold Beitz während des Zweiten Weltkriegs jüdischen Zwangsarbeitern das Leben rettete. Der israelische Regisseur Dror Zahavi erzählt die Geschichte des machtbewussten Topmanagers.

Am heutigen Mittwochabend läuft in der ARD der Spielfilm "Das Geheimnis der Freiheit" von Dror Zahavi. Der israelische Regisseur erzählt eine lange unbekannte Geschichte über Berthold Beitz, einen wichtigen Wirtschaftslenker nach dem Zweiten Weltkrieg: Beitz traf in den 1970er-Jahren den Schriftsteller und Historiker Golo Mann. Der sollte eigentlich eine Biografie über Alfried Krupp schreiben. Es kam aber nie dazu, weil Manns (kritischer) Blick auf Krupp Beitz nicht gefiel und vielleicht auch – so erzählt es zumindest Zahavi in seinem Spielfilm – weil Mann mehr und mehr an Beitz selbst interessiert war.

Der Film-Beitz (gespielt von Sven-Eric Bechtolf) wie auch der historische Berthold Beitz – das ist eine schillernde Unternehmerfigur: Er rettete im Zweiten Weltkrieg vielen ihm unterstellten jüdischen Zwangsarbeitern das Leben, indem er sie in seinem eigenen Haus versteckte und so vor dem KZ bewahrte.  Dabei brachten er und seine Frau sich selbst in Lebensgefahr. Die internationale Gedenkstätte für den Holocaust in Israel, Yad Vashem, erklärte ihn 1973 dafür zum Gerechten unter den Völkern.

Ein Widerspruch in der Biografie, den er mit vielen teilt

Nach dem Zweiten Weltkrieg jedoch hatte er sich von dem in Nürnberg verurteilten NS-Kriegsverbrecher und Rüstungsunternehmer Krupp zu dessen Nachfolger machen lassen. Ein Widerspruch, der exemplarisch für viele die Risse und Widersprüche in vielen Lebensläufen der deutschen Nachkriegsgesellschaft steht.

 Berthold Beitz sitzt an seinem Schreibtisch im Büro in Essen und blickt ernst direkt in die Kamera, am 15.02.1972. ( imago / Sven Simon )Der "echte" Beitz, 1972. Ihn als bloßen Opportunisten zu bezeichnen, greife kurz, sagt Zahavi. Es sei ihm um Einfluss gegangen. ( imago / Sven Simon )

Genau das habe ihn an Beitz fasziniert, sagt Zahavi. Und auf den Titel des Films angesprochen, fügt er hinzu, das Geheimnis der Freiheit für Berthold Beitz, bestehe "in der Beseitigung der Dämonen, die in ihm leben." Ein Strang des Films beschäftige sich mit der Vergangenheit Berthold Beitz und mit der Rettung der Juden. "Die Geister dieser Juden, die er nicht retten konnte, verfolgen ihn – bis in die 70er-Jahre –, wo er einen Nervenzusammenbruch erleidet." Erst nach der Auszeichnung durch den Staat Israel habe er seinen Frieden machen können.

Viele Nazis auf allen Ebenen

Dennoch bleibe die spannende Frage, warum Beitz sich nach dem Krieg so lange geweigert habe, diese Auszeichnung anzunehmen. "Und jeder von uns im Filmteam hat darauf eine andere Antwort gefunden", sagt der Regisseur. Seine persönliche Sicht auf Beitz‘ Beweggründe: "Ich glaube, die  Zeit, in der der Film spielt, Anfang der 70er-Jahre, war eine Zeit, in der noch alle politischen und wirtschaftlichen Ebenen von vielen Nazis besetzt waren. Und er hat das in seiner Position und auch für die Kontakte, die er für seine Arbeit und die Entwicklung von Krupp brauchte, nicht als großen Vorteil gesehen, ein – in Anführungszeichen – ‚Judenfreund‘ zu sein. Deshalb hat er das klein gehalten und ein bisschen versteckt."

Beitz als bloßen Opportunisten zu bezeichnen, greife jedoch zu kurz, sagt Zahavi. Es sei ihm auch um Einfluss gegangen. Denn das Gefühl der Hilflosigkeit während des Zweiten Weltkriegs und der gleichzeitige Wunsch nach Macht habe ihn so sehr geprägt, "dass er für dieses Ziel in seinem Leben, nämlich Macht zu haben, bereit war, Kompromisse zu machen."

(mkn)

"Das Geheimnis der Freiheit" ist am heutigen 15. Januar um 20.15 Uhr in der ARD zu sehen. Außerdem ist der Film in der Mediathek verfügbar.

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