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Tonart | Beitrag vom 11.11.2015

Refugees WelcomeMusiker gegen Fremdenfeindlichkeit

Von Kerstin Poppendieck

Der Hamburger Sänger und Liedermacher Enno Bunger zu Gast bei Deutschlandradio Kultur. (Deutschlandradio - Andreas Buron)
Enno Bunger: "Deutschland hat ein Rassismus-Problem." (Deutschlandradio - Andreas Buron)

"Refugees Welcome" – fett in schwarzer Schrift gedruckt auf Shirts und Hosen. So kam in diesem Jahr Deichkind bei der Echo-Preisverleihung auf der Bühne. Einen Song zum Thema hat allerdings keiner der gesellschaftskritischen Musiker veröffentlicht - mit einer Ausnahme.

"Obwohl ich kein Hemdenträger bin, ist mir der Kragen geplatzt." schreibt der Hamburger Musiker Enno Bunger auf seiner Facebook-Seite und veröffentlicht auch gleich seine Antwort auf die aktuelle Fremdenfeindlichkeit und den Rassismus in Deutschland. "Wo bleiben die Beschwerden" heißt sein Song.

Enno Bunger: "Deutschland hat ein Rassismus-Problem, und wenn durch Pegida und die AfD rechtes Gedankengut salonfähig wird, in die Mitte rückt, deren Thesen gar noch von anderen Parteien gestützt werden, fühlen sich die Menschen noch weiter rechts dazu angestiftet, Gewalt anzuwenden oder sogar ein Flüchtlingsheim anzuzünden, was für mich nichts Weiteres ist als ein rassistischer Mordversuch. Ich glaub, dass wir etwas dafür können, wenn wir nichts dagegen tun. Und wer etwas verändern will, muss bei sich selbst anfangen. Also hab ich jetzt erstmal dieses Lied veröffentlicht, möchte den Erlös aus den Einnahmen auch spenden."

So wie Enno Bunger will auch Afrikan Boy in seinen Liedern für die Situation der Flüchtlinge sensibilisieren und gegen Rassismus kämpfen. Nur die Ausgangssituation dafür ist für beide Musiker eine andere. Bei Afrikan Boy sind es seine ganz eigenen Erlebnisse und Erfahrungen von denen er rappt. Als Teenager floh er aus Nigeria nach England und lebt heute in London. Mittlerweile ist er vor allem in seiner Wahlheimat England als Musiker erfolgreich und wurde dort zu einem Sprachrohr vor allem für junge Flüchtlinge.

Vermittler zwischen Flüchtlingen und Einheimischen

Gerade ist African Boy in ein Flüchtlingscamp nach Calais gefahren, um sich dort selbst einen Eindruck über die aktuelle Situation zu verschaffen und um seinen Song "Border Business" für die Flüchtlinge vor Ort zu singen. In dem Lied geht es auch um die Situation an den Grenzen und das Geschäft, das mit Flüchtlingen gemacht wird. Als er selbst damals nach England flüchtete, hat er sich ohne Papiere und Geld durchgekämpft. Heute sieht er sich als musikalischer Vermittler zwischen Flüchtlingen und Einheimischen.

Die beiden Musiker Afrikan Boy und Tony Allen sind Landsmänner. Anders als Afrikan Boy ist Tony Allen allerdings nie aus seiner Heimat Nigeria geflüchtet. Natürlich weiß er um die Situation der mehr als zwei Millionen Flüchtlinge in Nigeria. Er respektiert ihren Entschluss und bittet sie gleichzeitig in dem Lied "Boat Journey" sich nicht auf die gefährliche Reise über das Meer zu machen.

Kein neuer Song zum Thema

"Geht nicht auf diese Boote, meine Brüder und Schwestern." Singt er. "Ihr werdet niemals ankommen." Auch mit Damon Albarn hat er zusammen ein Stück aufgenommen: "Go Back", in dem es um afrikanische Flüchtlinge geht. In beiden Liedern ist seine Meinung eindeutig: bleibt in eurem Land, es wird euch in Europa keine bessere Zukunft erwarten. Während es Tony Allen also darum geht, seine Landsleute zu warnen und zurückzuhalten, geht es vielen westlichen Musikern eher darum, für die Situation der Flüchtlinge zu sensibilisieren und mit ihren Liedern Spendengelder zu sammeln. Der große musikalische Wurf ist bisher noch Keinem gelungen. Überhaupt hat niemand der sonst so gesellschaftskritischen Musiker einen neuen Song zu diesem Thema veröffentlicht. Weder Herbert Grönemeyer, noch die Toten Hosen oder Deichkind, zum Beispiel. Die Idee der Aktion Arschloch, die den Titel "Schrei nach Liebe" von die Ärzte nach über 20 Jahren wieder auf Platz eins der deutschen Charts gebracht hat, kam nicht etwa von der Band selbst, sondern von einem Musiklehrer aus Niedersachsen.

Wut in Musik ausgedrückt

Vor ein paar Tagen ist ein Doppel-Album erschienen mit dem Titel "Kein Mensch ist illegal". 36 Titel von Musikern wie Kraftklub, Madsen, Thees Uhlmann und Marteria. Wenn schon keine neuen Titel zur aktuellen Situation, ist so wenigstens ein Album entstanden, mit dem sich aktuell erfolgreiche Musiker zusammengeschlossen haben, um Spendengelder zu sammeln. Enno Bunger hat es offensichtlich nicht gereicht, ein altes Lied von sich für einen guten Zweck wieder zu veröffentlichen. Ihn hat die aktuelle Situation in Deutschland so betroffen und wütend gemacht, dass er diese Wut in Musik ausdrücken wollte. Eigentlich genau das, was man bei Musikern erwarten würde. Schade, dass es bisher so wenige wie ihn gibt.

Enno Bunger: "Ich glaube, jeder Musiker hat eine Stimme, die bewusster als andere Stimmen gehört wird. Ein Künstler hat ein Publikum, das er sofort erreichen und dem er etwas mit auf den Weg geben kann. Vielleicht brauchen wir gerade in schwierigen politischen Zeiten auch wieder etwas politischere Musik, die uns auf Missstände aufmerksam macht, die uns Ohren und Herzen öffnet, antreibt und hilft."

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