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Kalenderblatt / Archiv | Beitrag vom 30.11.2010

Reformerin des Theaters

Vor 250 Jahren starb die Schauspielerin Friederike Caroline Neuber

Von Eva Pfister

Die Neuber'sche Truppe führte Schauspiele mit literarischem Anspruch auf, wandte sich ab von den oft obszönen Improvisationsspielen.  (Stock.XCHNG / Nihan Aydin)
Die Neuber'sche Truppe führte Schauspiele mit literarischem Anspruch auf, wandte sich ab von den oft obszönen Improvisationsspielen. (Stock.XCHNG / Nihan Aydin)

Die Theaterprinzipalin Friederike Caroline Neuber gilt als Wegbereiterin des deutschen Nationaltheaters. Mit ihrer Truppe sagte sie der billigen, obszönen Unterhaltung den Kampf an, verbannte den Hanswurst von der Bühne und studierte mit ihren Schauspielern literarische Texte ein.

"Dem verdienten Andenken einer Frau voll männlichen Geistes, der berühmtesten Schauspielerin ihrer Zeit, der Urheberin des guten Geschmacks auf der teutschen Bühne, Carolinen Friedericken Neuberinn, geborene Weißenbornin aus Zwickau."

So steht es auf dem Denkmal geschrieben, das "einige Kenner ihrer Verdienste" im Jahr 1776 in Laubegast bei Dresden für die "Neuberin" errichtet hatten, dort, wo die große Erneuerin des deutschen Theaters, der Lessing eben den "männlichen Geist" beschieden hatte, am 30. November 1760 gestorben war.

Geboren wurde Friederike Caroline Weißenborn am 9. März 1697 in Reichenbach im Vogtland. Sie wuchs in Zwickau auf als Tochter eines Notars, der zur Gewalttätigkeit neigte. Schon als 14-Jährige lief aroline zum ersten Mal davon, mit 19 gelang ihr endgültig die Flucht. Zusammen mit Johann Neuber, ihrem späteren Ehemann, schloss sie sich einer Wandertheatertruppe an.

"Sie hat vier Burschen von den berühmtesten sächsischen Akademien so unvergleichlich charakterisiert, dass ich mein Leben lang nichts Schöneres gesehen habe."

Johann Christoph Gottsched sah Caroline Neuber in dieser parodistischen Hosenrolle in Leipzig auf der Bühne. Als die Neubers 1727 ihre eigene Kompanie gründeten, unterstützte er sie im Bemühen, das Theater zu reformieren. Die Neuber'sche Truppe führte Schauspiele mit literarischem Anspruch auf, wandte sich ab von den oft obszönen Improvisationsspielen mit der lustigen Figur des Hanswurst im Zentrum. In ihrer Posse "Der alte und der neue Geschmack" verbannte die Neuberin den Harlekin sogar von der Bühne:

"Halt halt, Herr Harlekin, dein Wurstel-Treiben soll nicht mehr am Theater bleiben, hiermit zerbrech ich Stab und Wort, verbanne Dich von diesem Ort!"

Anlass dafür war die Wut der Prinzipalin Caroline Neuber, als sie nach einer Gastspielreise erfahren musste, dass der Harlekin-Darsteller Joseph Ferdinand Müller ihre Konzession und ihr Theater in Leipzig an sich gerissen hatte. Günther Weisenborn lässt die Neuberin in seinem Hörspiel aus dem Jahr 1950 sogar direkt mit Müller streiten:

"Du willst ein Bethaus um die Leute bauen, die lachen wollen."

"Ich will ein Nationaltheater schaffen und geschriebene Stücke spielen, keine Rüpelstücke. Tragödien mit Dialogen!"

Die Neuberin hatte kein Bethaus im Sinn, in ihrem Repertoire waren viele Lustspiele, etwa von Molière oder dem dänischen Autor Ludvig Holberg. Gottsched, mittlerweile Professor für Poetik, lieferte ihr Übersetzungen französischer Tragödien, etwa von Corneille und Racine, und 1732 dann sein eigenes Drama "Der sterbende Cato". Sein Stil war allerdings so hölzern, dass ihm Johann Neuber von einer Gastspielreise schrieb:

" (...) man klagt über eine gewisse unbekannte, versteckte Dunkelheit, welche verursacht, dass der Zuhörer nicht sogleich alles verstehen kann, was gesagt wird."

Die Neuber'sche Truppe war eine der erfolgreichsten ihrer Zeit und befand sich doch auf einer steten Gratwanderung zwischen Kunstanspruch und Kommerz. Nur mühsam fand das bürgerliche Theater seinen Platz zwischen der Vorliebe des Hofs für italienische Opern und der Liebe der Massen für deftige Kost. Mit Gottsched entzweite sich die Neuberin bald, aber an den Reformen hielt sie fest. Viel lag ihr auch an der Aufwertung des Schauspielerstandes, der im 18. Jahrhundert als fahrendes Volk verachtet wurde.

Auf Gastspielreisen gewann die Truppe an Ansehen, etwa in Braunschweig, Frankfurt, in Straßburg oder in Hamburg, wo die Neuberin erstmals in der Theatergeschichte eine Schauspielmusik in Auftrag gab. Ein letzter Höhepunkt war die Einladung an den Zarenhof in St. Petersburg im Jahr 1740, aber danach machten neue Truppen der Neuberin Konkurrenz, die Schulden drückten, das Publikum kam spärlicher. Ein junger Student jedoch saß jeden Abend in ihrem Theater:

"Diese Mühe ward mir durch das dasige Theater, welches in sehr blühenden Umständen war, ungemein erleichtert, muss ich sagen, weil ich von demselben hundert wichtige Kleinigkeiten lernte, die ein dramatischer Dichter lernen muss."

Es war Gotthold Ephraim Lessing, der seinen Stammplatz durch Übersetzungen französischer Dramen bezahlte. Sein erstes Lustspiel, "Der junge Gelehrte", wurde 1748 noch von der Neuber'schen Truppe uraufgeführt, - kurz bevor sie sich endgültig auflöste.

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