Handball

Warum die Jugendreform umstritten ist

05:06 Minuten
Szene aus dem Spiel SG BBM Bietigheim gegen die Füchse Berlin in der A-Jugend-Bundesliga
Mit der Reform will der Deutsche Handballbund auch die A-Jugend-Bundesliga reformieren (hier eines Szene aus dem Spiel SG BBM Bietigheim gegen die Füchse Berlin). in der A-Jugend-Bundesliga © dpa / picture alliance / Alexander Keppler
Von Thorsten Philipps · 14.01.2024
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Der Deutsche Handballbund plant eine Reform im Nachwuchsbereich. So soll es künftig auch weniger Teams in der A-Jugend-Bundesliga geben. Verbandsfunktionäre sehen darin eine Stärkung des Leistungssportgedankens - doch es gibt auch kritische Stimmen.
Gute Stimmung, volle Hallen bei den Spielen der Europameisterschaft in Deutschland - darauf hoffen die DHB-Funktionäre so wie Vizepräsident Uwe Schwenker, der selbst Nationalspieler war und seit zehn Jahren als Präsident des Ligaverbandes der Handball-Bundesliga die Geschicke des Handballleistungssportes lenkt.
Für ihn gehört die deutsche Nationalmannschaft erst mal nicht zum engeren Favoritenkreis bei dieser EM.
"Es gibt eine Erwartungshaltung, dass man mit der Unterstützung des Publikums die eine oder andere Überraschung schaffen kann. Ich bin gespannt, ob wir das Halbfinale erreichen. Platz fünf wäre schon eine gute Platzierung."

Künftig nur noch 20 A-Jugend-Teams

Damit die deutsche Handballnationalmannschaft noch erfolgreicher wird, soll nun der Jugendbereich reformiert werden. Die mehr als 40 A-Jugend-Mannschaften, die derzeit in vier Bundesligen spielen, sollen in diesem Jahr auf 20 Teams reduziert werden. Die übrigen 20 spielen dann in einer neuen 2. Bundesliga.

Das ist sicherlich eine Entscheidung, die insbesondere aus Leistungssportgedanken entstanden ist. Es gab eine Vielzahl von Spielen, die sehr deutlich ausgefallen sind.

Uwe Schwenker, Vizepräsident des Deutschen Handballbundes

Sprich: Die Leistungsunterschiede der A-Jugendmannschaften in den derzeit vier Bundesligagruppen sind zu groß, wenn zum Beispiel die 17-Jährigen des SC Magdeburg gegen die von der HSG Handball Lemgo mit 13 Toren Unterschied gewinnen. Dennoch gibt es Kritik von vielen Vereinen, weil durch die Zusammenlegung einige Teams nicht mehr mithalten können und weil die Fahrten zu den Spielen noch länger dauern als bisher.

Jugendtrainer Depisch befürchtet mehr Druck

Einer der Kritiker ist Mathias Deppisch aus Groß Grönau bei Lübeck. Er war bereits Europameister mit der Polizei-Nationalmannschaft und trainiert nun Kinder und Jugendliche beim MTV Lübeck - ein Handballverein, der in der südlichen Region von Schleswig-Holstein selbst eine Art Leistungszentrum ist und beispielsweise auch in der A-Jugend-Bundesliga spielt.

Ich sehe das durchaus kritisch: Das wird zu einer weiteren Zentralisierung der ganz großen Vereine führen, die ja oft dann ja auch mit Internaten arbeiten. Der Druck für die Kinder wird dann noch größer. Ich halte das Ganze noch mal für überdenkenswert.

Mathias Deppisch, Trainer beim MTV Lübeck

Mathias Depisch vom MTV Lübeck
Mathias Deppisch vom MTV Lübeck kritisiert die Reform.© Thorsten Philipps
Zusätzlich sollen schon für 15- und 16-Jährige 6 neue B-Jugend-Bundesligen mit 48 Mannschaften in Deutschland eingeführt werden. Auch deshalb befürchtet der MTV-Lübeck-Trainer Matthias Deppisch für seine Jugendlichen mehr Druck in der kommenden Saison, denn seine Mannschaft könnte dann nach gelungener Qualifikation in so einer B-Jugend-Bundesligagruppe spielen.

Funktionäre sehen bessere Ausbildung der Talente

Dagegen versprechen sich die Verbandsfunktionäre eine Verbesserung für den Leistungssport durch eine bessere Ausbildung der Talente, sagt Sascha Zollinger vom Landesverband Schleswig-Holstein. Er ist Geschäftsführer und für den Leistungssport zuständig.
„Auch solche Vereine wie MTV Lübeck, die mit topausgebildeten Trainern eine sehr gute Ausbildung bieten und hohe Trainingsumfänge anbieten können, was kleinere Vereine in dem Umfeld nicht können und dann von denen aus Lauenburg-Stormarn oder Ostholstein der MTV Lübeck Spieler rekrutiert. Das ist dann das gleiche Thema, wie wenn dann der MTV Spieler an noch stärkere Leistungszentren abzugeben. Ich glaube, dass der MTV Lübeck bei den aufgebauten Strukturen nachhaltig in der B-Jugend-Bundesliga spielen wird. Dann muss auch niemand zum THW Kiel, zur SG Flensburg-Handewitt oder zum HSV wechseln."
Oder zum VfL Bad Schwartau, wo die Männer in der 2. Bundesliga vertreten sind - und der Verein nur einen Steinwurf vom MTV Lübeck entfernt ist.
VfL-Trainer David Röhrig hält die Reform für folgerichtig:

Den Bundesligatrainern muss es so einfach wie möglich gemacht werden, dass die Spieler eingesetzt werden. Je mehr Wettkampferfahrung sie auf hohem Level haben, desto leichter ist es, auch diesen Sprung zu machen. Gleichzeitig brauchen wir auch als Bundesligavereine mehr Mut, um den jungen Spielern zu vertrauen. Ich glaube, da hat sich schon etwas getan. Es gab selten so viele junge Spieler in der 1. und 2. Bundesliga wie jetzt. Ich glaube, dass sich das fortsetzen wird.

David Röhrig, Trainer beim VfL Bad Schwartau

Der DHB betont, dass die Entscheidung für diese Reform des Jugendhandballs auch mit allen Landesverbänden abgesprochen sei.

Die Landesverbände haben auch Nachteile

Und das, obwohl die Landesverbände auch Nachteile haben.
„Lokal verlieren wir natürlich Topmannschaften an die Bundesligen und haben die nicht mehr in unserem Spielbetrieb. Der lokale Spielbetrieb der B-Jugend-Oberligen, der den höchsten Spielbetrieb dargestellt hat, wird Mannschaften an die B-Jugend-Bundesligen abgeben. Der Effekt, den sich der Deutsche Handballbund dadurch erhofft, ist, dass sich die Talente der Altersklassen der 15- und 16-Jährigen dann über das Label Bundesliga einen höheren Aufwand betreiben und dadurch auch leistungsstärkere Gegner in den Bundesligen haben.“

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