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Fazit / Archiv | Beitrag vom 19.03.2007

Referenzlos glücklich

Die US-Autorin Marisha Pessl und ihr erfolgreicher Debütroman

Von Tobias Wenzel

Die US-Autorin Marisha Pessl. (AP Archiv)
Die US-Autorin Marisha Pessl. (AP Archiv)

Viel Lob erhielt die US-Autorin Marisha Pessl für ihren Debütroman "Die alltägliche Physik des Unglücks" von Schriftstellerkollegen und Kritikern. Der Roman, der einen Mord im universitären Umfeld mit zahlreichen Verweisen und Querverbindungen in die Literatur abhandelt, erscheint jetzt auf Deutsch. Die 30-jährige Pessl ist derzeit auf Lesetour in Deutschland.

Marisha Pessl: "I can say: 'Ich bin ein Berliner.'"

Viel mehr als diesen Satz könne sie nicht auf Deutsch sagen, gesteht Marisha Pessl, eine lebhafte junge Frau mit langen, gewellten blonden Haaren und blauen Augen. Der erst 30 Jahre alte Shootingstar der US-Literaturszene sitzt vergnügt im Sessel eines Kölner Hotelzimmers, in Turnschuhen, Jeans und im schlichten weißen Oberteil. Sie mag legere Kleidung ebenso wie die deutsche Sprache. Die Familie ihres Vaters, erzählt sie, stammt aus Österreich.

Marisha Pessl: "Sie haben alle ein so perfektes Englisch, dass sie mit meiner Schwester und mir nur Englisch gesprochen haben. Und die wenigen Male, als meine Schwester und ich in Wien waren und versuchten, Deutsch zu reden, haben wir uns hoffnungslos lächerlich gemacht. In der amerikanischen Ausgabe meines Romans habe ich viele deutsche Wörter gebraucht, weil ich diese Sprache so faszinierend finde, den Klang der Sprache und ihre Komposita. Gareth, die eine Hauptfigur meines Romans, ist zwar Schweizer, aber er spricht viel Deutsch und hat diese europäische Mentalität. Wie mein Vater. Das wollte ich im Roman bewahren."

Gareth van Meer und seine Tochter Blue sind die beiden Hauptfiguren in Marisha Pessls Debütroman "Die alltägliche Physik des Unglücks". Der Vater ist ein Politikwissenschaftler, der mit Blue mehrmals im Jahr von einer Universitätsstadt in die nächste umzieht. Blue wächst in diesem universitären Umfeld auf, umgeben von Büchern. Doch der Mord an einer Freundin verändert ihr Leben. Blue versucht den Mord aufzuklären und berichtet darüber. Das ist der Text des Romans. Der wimmelt nur so von Literaturbelegen und -zitaten, beginnt mit einer Leseliste und endet mit einem Abschlusstest:

Marisha Pessl: "Wenn man an der Universität eine wissenschaftliche Arbeit schreibt, muss man jede Aussage, jede Behauptung, die man macht, mit Quellen und Zitaten stützen. Ich lasse im Roman Blue unaufhörlich Referenzen anführen, um mich darüber lustig zu machen und den Leser zu amüsieren. Aber ich wollte auch auf etwas anderes hinweisen: In den USA sind Ratgeber unglaublich beliebt. Ein Experte sagt den Menschen, wie sie leben sollen. Ich aber glaube, dass wir selbst die wahren Experten für unser eigenes Leben sind. Das ist etwas, was Blue im Buch lernt."

Man kann eben auch ohne Belege und Referenzen leben. Auch wenn es schwer fällt. Zumal, wenn man wie Marisha Pessl einen Universitätsabschluss in englischsprachiger Literatur besitzt. Wie ihre Hauptfigur hat auch Marisha Pessl Bücher geradezu verschlungen. Das Lesen, analysiert sie rückblickend, hat sie zum Schreiben gebracht:

"Ich schrieb meine ersten Geschichten mit sechs oder sieben Jahren. Meine Mutter war auch eine freie Autorin. Damals schrieb ich auf ihrer alten Schreibmaschine in dem Haus, in dem ich aufwuchs, in North Carolina. Mir gefiel nicht nur der Schreibprozess, sondern ich mochte es auch, meine Geschichten mit anderen Menschen zu teilen. Ich brachte sie in die Schule mit. Schon damals waren meine Geschichten nicht abgeschlossen. Ich habe immer einen größeren Kontext im Kopf gehabt, der über Shortstories hinausging."

Mit einer Kurzgeschichte hat der 600-Seiten-Wälzer "Die alltägliche Physik des Unglücks" auch wirklich nichts mehr zu tun. Marisha Pessl hat, im Namen ihrer Hauptfigur Blue, den Roman mit eigenen Zeichnungen illustriert. Sie sei nun mal als Kind künstlerisch erzogen worden, vom Ballet über den Chor bis zum Zeichenunterricht.

Marisha Pessl ist mittlerweile verheiratet, hat aber selbst noch keine Kinder. Zumindest keine realen. Denn Blue und ihr Vater sind ihr ans Herz gewachsen:

"Man glaubt wohl, seine Romanfiguren schützen zu müssen. Das ist, wie wenn Kinder ihr Elternhaus verlassen. Man hat die Figuren aufgezogen, stark und interessant gemacht. Aber dann muss man sie ziehen lassen. Besonders schlimm ist es, wenn andere Menschen schlecht über sie sprechen. Dann fühlt man sich wie Eltern, deren Kind beleidigt wurde. Aber ich werde härter im Nehmen, weil ich gerade einen zweiten Roman schreibe, mit neuen Figuren. Deshalb habe ich die Figuren aus 'Die alltägliche Physik des Unglücks' sich selbst überlassen. Und ich glaube, es geht ihnen gut."

Immer wieder kommt sie durch: Marisha Pessls Ironie. Im Interview ebenso wie im Buch. Dass das Buch überhaupt erschien, dafür musste die 30-jährige Autorin lange kämpfen und sich von Literaturagent zu Literaturagent hangeln. . Die Agenten hatten sich an der überbordenden und verrückten Erzählweise gestört. Aber genau davon sind jetzt die Kritiker begeistert. Mittlerweile wurden die Filmrechte nach Hollywood verkauft. Da gab es lange Diskussionen, wer Gareth, Blues Vater, spielen sollte. Nun hat sie den Hinweis bekommen, dass Tom Hanks die Rolle übernehmen wird.

"Vor wenigen Tagen leitete mir ein Freund einen Link zu einem Online-Artikel der New York Post weiter. Da sah ich ein Foto, auf dem Tom Hanks die amerikanische Ausgabe meines Romans 'Die alltägliche Physik des Unglücks" in der Hand hielt. Der Mensch, der die Bildunterschrift geschrieben hatte, dachte, es handle sich um ein wissenschaftliches Physik-Buch und Tom Hanks widme sich nun sehr schwerer Kost. Ich bin ein großer Fan von Tom Hanks. Ihn mit meinem Buch zu sehen, war einfach seltsam und gleichzeitig wunderschön."

Das Foto von Hanks mit ihrem neuen Roman unter dem Arm hat Marisha Pessl gleich auf ihre Internetseite im Forum Myspace.com gestellt, erzählt sie schmunzelnd. Die Seite pflegt die US-Schriftstellerin nämlich sehr sorgfältig. Zur Verwunderung manch anderer Nutzer: "Viele von euch haben gefragt, ob ich es wirklich bin", schreibt Marisha Pessl im Netz, "Ja, ich bin's".


Marisha Pessl: Die alltägliche Physik des Unglücks
Roman. S. Fischer Verlag 2007
601 Seiten. 19,90 Euro

Heute (19.3., 20 Uhr) liest Marisha Pessl in Berlin, und zwar im Hotel Oxymoron in den Hackischen Höfen. Außerdem morgen (20.3.) in Hannover, am Mittwoch (21.3.) in Hamburg, danach in Linz und Zürich. Den deutschen Text liest die Schauspielerin Anna Thalbach.

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