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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 06.07.2015

ReferendumJein - Griechen über ihre Wahlentscheidung

Von Eleni Klotsikas

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"Ja" und "Nein" auf Plakaten vor dem Referendum in Griechenland (ANDREAS SOLARO / AFP)
"Ja" und "Nein" auf Plakaten vor dem Referendum in Griechenland (ANDREAS SOLARO / AFP)

Griechenland nach dem Referendum: Mit Ja stimmen und das Reformprogramm fortsetzen oder Nein sagen und somit den Austritt aus dem Euro riskieren? Für viele Griechen war das keine leichte Entscheidung.

Platon Marlafekas hat beim Referendum mit Ja gestimmt. Der Limonadenhersteller aus Patras fürchtet den Euro-Austritt. "Loux" steht auf dem Etikett seiner Limonade. Sie ist ein griechisches Produkt. Doch Glas und Plastik für die Flaschen importiert der Unternehmer aus Deutschland. Mit einer stark abgewerteten Drachme könne er das nicht mehr. Er wüsste nicht, worin er seine Limonade abfüllen sollte. Das Programm, für das er beim Referendum mit Ja gestimmt hat, hält er aber trotzdem für ungeeignet:

"Wir können niemals aus der Rezession herauskommen, wenn nur Maßnahmen ergriffen werden, die weiter in die Rezession führen. Wir haben als Land bereits eine interne Abwertung durchgeführt, Gehälter und Renten sind massiv gesunken. Weiter Sparen führt in eine Sackgasse, so können wir unsere Schulden niemals zurückzahlen."

Die hohe Arbeitslosenquote hat den Konsum einbrechen lassen, beklagt Limonadenfabrikant Marlefekas. Gleichzeitig wurden die  Unternehmenssteuern in den letzten Jahren massiv angehoben und sollten, so sah es das  Reformprogramm vor, weiter steigen:

"Der größte multinationale Konzern meiner Branche hat sich entschlossen, seinen Sitz ins Nachbarland  Bulgarien zu verlegen, wo die Unternehmenssteuern nur zehn Prozent betragen. Europa sieht nicht, dass wir dadurch große Nachteile haben. In Griechenland zahlen Unternehmen 46 Prozent Steuern auf ihren Gewinn."

Angst vor der Drachme

Platon Marlafekas findet es ungerecht, dass EU-Kommissionspräsident Jean Claude Juncker, der als ehemaliger Premier- und Finanzminister Luxemburgs internationale Konzerne mit massiven Steuervergünstigungen in sein Land gelockt hat, Griechenland mit hohen Steuern retten will. Unternehmer wie Marlefekas sollten nach dem Reformprogramm ihre Ertragssteuern für 2016 zu 100 Prozent vorauszahlen. Marlefekas findet das unfair:

"Es werden diejenigen bestraft, die produktiv sind."

Unternehmer Platon Marlafekas hat trotzdem mit Ja gestimmt. Seine Angst vor der Einführung der Drachme ist groß, sein ganzes Vermögen wäre mit einem Schlag nur noch ein Bruchteil dessen wert gewesen, was es in Euro wert ist.

Dimitrios Tsouras hat "Oxi", also mit Nein, gestimmt. Der arbeitslose Familienvater hat nichts zu verlieren. Ganz im Gegenteil: Tsouras sitzt auf einem Berg voller Schulden.

Da es in Griechenland keine Sozialhilfe gibt, lebt die Familie von Almosen. Würde er sich beim Familienzentrum des SOS-Kinderdorfes in Athen nicht jede Woche eine Tüte mit Lebensmittelspenden abholen, würden er, seine Frau und sein 7-jähriger Sohn Hunger leiden.

"Wir sind noch nicht an dem Punkt angelangt, dass wir im Müll nach Essen suchen müssen, denn das SOS-Dorf hilft uns. Aber frische Lebensmittel essen wir nur, wenn uns Freude Geld geben oder ich mal 20 Euro verdienen kann. Nur dann können wir uns das leisten."

Ratlos, resigniert, verzweifelt

Nahrung sollte in Griechenland noch teurer werden. So sah es das Reformprogramm vor, gegen das Dimitiros Tsouras im Referendum gestimmt hat: Die Mehrwertsteuer für Lebensmittel sollte auf 13 Prozent angehoben, also mehr als verdoppelt werden.

Irini Tsouras steht in der Küche und bereitet das Essen zu, auf dem Markt konnte sie kurz vor der Schließung ein paar Zucchinis für 30 Cent ergattern. Sie wirkt ratlos und resigiert:

"Es gibt Tage, da weiß ich nicht, was ich meinem Kind zu essen geben soll. Manchmal stehe ich morgens mit dem Wissen auf, dass es nichts gibt, was ich kochen kann. An solchen Tagen essen wir dann Nudeln, trocken."

Familie Tsouras gehörte einmal zur Mittelschicht. Ihr bescheidenes Haus im Athener Stadtteil Kypseli haben sie mit einem Bankkredit gekauft. Seit Dimitios Tsouras seinen Job als Versicherungsagent vor drei Jahren verloren hat, kann er die Raten nicht mehr bezahlen. Wut und Verzweiflung wechseln sich bei ihm ab:

"Wenn ich nun mal nichts habe, wie soll ich dann meine Schulden bezahlen? Es gibt keine Arbeit!  Dann sollen sie mir doch endlich Arbeit geben, dann zahle ich auch alles zurück! So geht es den meisten Griechen. Wir sind keine Betrüger. Vor der Krise haben wir unsere Rechnungen immer bezahlt."

Noch gibt es in Griechenland ein Gesetz, dass Besitzer von Häusern und Wohnungen vor Versteigerungen durch Banken schützt, wenn sie selbst darin wohnen.

Die europäischen Partner und der IWF verlangen von Griechenland, das Gesetz abzuschaffen. Die Familie wären dann obdachlos. Dimitrios Tsouras und seine Frau Irini haben beim Referendum mit Nein gestimmt, denn von Europa erwarten sie nur das Schlimmste.

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