Bestattungsform Reerdigung

Auf einem Bett aus Stroh zu Erde werden

06:43 Minuten
Katrina Spade, die Gründerin von Recompose, steht mit einem gelben Schirm auf einem Friedhof zwischen Bäumen. In den Händen hält sie Proben des Kompostmaterials, das bei der Zersetzung von Organismen anfällt.
In den USA gibt es Reerding seit Längerem, auch durch das Engagement der Bestatterin Katrina Spade. © picture alliance / AP Photo / Elaine Thompson
Von Jörn Straehler-Pohl · 17.03.2022
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Den toten Körper wieder in den Kreislauf der Natur zurückbringen: Das verspricht die Bestattungsform "Reerdigung". Dabei zersetzt sich der Körper unter natürlichen Bedingungen - nachhaltig und schnell. Erste Modellprojekte starten jetzt in Deutschland.
Eine große Metalltruhe ohne scharfe Kanten, grau-braun lackiert und matt glänzend. Links und rechts je eine Holzstange wie zum Anheben oder Festhalten. Ein Hingucker, dessen Zweck einem erst einmal verborgen bleibt. Nichts deutet von außen darauf hin, dass im Inneren der Truhe die Natur ihr Werk vollbringt.
„Wenn im Wald ein Baum stirbt, dann fällt er auf den Boden, wird zur Erde und darauf wächst ein neuer Baum. Genau das Gleiche passiert bei Tieren und bei Menschen natürlich letztendlich auch. Und das ist das Wunderschöne und der schöne Gedanke, mit dem wir die schönste Bestattungsmethode anbieten können.“

"Die Natur benötigt keine Technik"

Pablo Metz ist einer der beiden Geschäftsführer des Unternehmens Circulum Vitae und hat diese Truhen mitentwickelt. Und so wenig sie nach Tod und Verwesung aussehen – so sehr vermeidet auch Pablo Metz diese Worte. Er spricht auch nicht von einer Truhe, sondern von einem Kokon. Genau in so einem Kokon liegt gerade im schleswig-holsteinischen Mölln eine Leiche und wird schon bald zu Erde geworden sein. Eine europaweite Premiere.
 „Die Natur benötigt eigentlich keine Technik. Und letztendlich ist es genau das, was wir tun: Wir betten diesen Menschen in diesem Kokon, denn da findet die Verwandlung statt, auf einem Bett aus Stroh und Blumen", sagt Metz. "Das Einzige, was wir im Großen und Ganzen tun, ist: Wir kontrollieren und steuern Feuchtigkeit, Temperatur und Sauerstoff und stellen damit den Mikroorganismen die perfekten Bedingungen zur Verfügung.“ 

In nur 40 Tagen vergeht der Leichnam

Der Leichnam selbst wird in der Truhe nicht bewegt, nur die gesamte Truhe wird alle paar Tage langsam um ihre eigene Achse gedreht, sagt Pablo Metz. Bei einer Temperatur von 70 Grad, die allein durch den Zersetzungsprozess entsteht, vergehe der Körper dann in nur 40 Tagen. Sogar die meisten Knochen. Allein durch die Mikroorganismen, die im und auf dem Körper leben. Dass das funktioniert, bestätigt auch der Kriminalbiologe Mark Benecke:
„Leichen zersetzen sich eigentlich unter natürlichen Bedingungen schnell, das heißt, wenn es gut für Bakterien und Insekten ist, also feucht und warm. Die mögen es nämlich nicht, wenn es kalt und trocken ist.
Das ist ja eine gesuchte Nahrungsquelle, das sind Fette, Eiweiße, Kohlenhydrate, Wasser, Eisen, alles Mögliche ist da ja in dem Körper drin. Und im Laufe der Jahrmillionen hat sich dieser Kreislauf darauf eingestellt, das auch wieder zurückzuführen, dahin, wo es hingehört, nämlich in neues Leben.“  

Den Körper in den Kreislauf der Natur einspeisen

Letztendlich, sagt Benecke, sind es die gleichen Bakterien, die zu unseren Lebzeiten unser Leben erst ermöglichen – beispielsweise, weil sie die Nahrung im Darm zersetzen. Nach unserem Tod zersetzen sie dann uns, wenn man sie lässt. Wenn wir also nicht metertief in kaltem und luft-undurchlässigem Boden und in festen Eichensärgen liegen. Oder verbrannt werden.
„Die Verbrennung ist ursprünglich aus seuchenhygienischen Gründen entstanden, so nennt man das. Das war eigentlich eine gute Idee, aber jetzt ist das auch unrichtig und schlecht, weil die Verbrennung unglaubliche Mengen an fossilen Brennstoffen verbraucht und vor allem die Nährstoffe dem Kreislauf des Lebens entzogen werden und wir eh auf einem zusammenbrechenden Planeten leben.
Wir haben es einfach übertrieben – bis jetzt hoffentlich dieser Rückschlag des Pendels kommt, dass man die Menschen einfach wieder ganz normal als Nährstoffe für neues Leben ansieht und wieder in den Kreislauf zurückspeist.“ 

Die Kirche gibt ihren Segen

Den toten Menschen in kurzer Zeit wieder zu Erde machen – an dieser Idee wird seit Jahren weltweit geforscht und gearbeitet. Besonders bekannt geworden ist damit schon vor Jahren die US-amerikanische Bestatterin Katrina Spade mit ihrem Unternehmen.
Auch sie lässt die Mikroorganismen einfach ihre Arbeit machen und bietet ihnen dafür die richtige Temperatur und Feuchtigkeit und den richtigen Sauerstoffgehalt. Jetzt also gibt es die europaweite Premiere eines ähnlichen Verfahrens in Schleswig-Holstein – mit Segen der Kirche. Die Möllner Pastorin Hilke Lage sagt: Die Idee der Reerdigung habe sie sofort überzeugt.
„Dafür gibt es im Wesentlichen zwei Gründe. Das eine ist, dass Reerdigung ja eine nachhaltige Bestattungsform ist und das passt einfach gut zu unserem Auftrag, die Schöpfung zu bewahren. Und das andere ist, dass mir in meiner täglichen Praxis immer wieder Leute begegnen, die ein Unbehagen verspüren, wenn sie darüber nachdenken, sich in Sarg oder Urne bestatten zu lassen. Da könnten wir uns vorstellen, dass die Reerdigung eine gute Alternative zu den etablierten Bestattungsformen ist.“

Es braucht einen Ort zum Trauern

Erde zu Erde – bei keiner Bestattungsmethode hat diese Formel wohl mehr Sinn. Und gleichzeitig stößt sie hier auch an ihre Grenzen. Denn es bleibt beim Bestattungszwang. Der zu Humus verwandelte Mensch muss auf einem Friedhof beigesetzt werden – in einem 30 Zentimeter tiefen Aushub, bedeckt mit Friedhofserde. Ein Birnbaum im eigenen Garten kann also nicht aus der neuen Erde herauswachsen. Es gelten damit im Prinzip die gleichen Regeln wie bei der Asche eines Verstorbenen.
„Ich befürworte den Bestattungszwang, weil ich es einfach ganz wichtig finde, dass es zentrale öffentliche Orte für die Trauer gibt. Die Verstorbenen haben ja – die allermeisten zumindest – in einem Netz von Beziehungen gelebt. Und das ist total wichtig, dass auch die Nachbarin zum Grab gehen kann oder der Sportsfreund oder die Kollegen, dass es ein öffentlicher, für alle zugänglicher Ort ist."
Noch ist das Ganze ein Modellprojekt – auch in Niedersachsen ist demnächst die erste Reerdigung geplant. Pablo Metz ist überzeugt, dass die Bestattungsgesetze der Bundesländer für diese neue Methode nicht geändert werden müssen. Er wirbt damit, dass die Reerdigung mit Kosten in Höhe von 2100 Euro vergleichbar ist mit den Kosten für eine Feuerbestattung und eben viel klimafreundlicher, weil der Tote nicht verbrannt wird. Bleibt natürlich die Frage, ob wir uns einlassen können auf eine ganz neue – und letztendlich ganz alte Form der Bestattung.

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