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Tonart | Beitrag vom 21.09.2020

Reeperbahn FestivalDie Musikwirtschaft ringt um Gehör

Dirk Schneider im Gespräch mit Mascha Drost

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Die Band Die Sterne spielt am 19. September 2020 ein Konzert in der Hauptkirche St. Michaelis im Rahmen des Reeperbahn Festivals in Hamburg.  (imago images / xim.gs)
Publikumsevent und Branchentreff: Die Sterne auf dem Reeperbahn Festival in Hamburg - der Konferenzteil fand vor allem online statt. (imago images / xim.gs)

Die Folgen für die Musikwirtschaft sind gravierend: Auf dem Reeperbahn Festival spielte die Coronapandemie in diesem Jahr daher eine große Rolle, berichtet Musikjournalist Dirk Schneider. Eingeladen war unter anderem Juso-Vorsitzender Kevin Kühnert.

Mascha Drost: Am Samstag ist in Hamburg das Reeperbahn Festival zu Ende gegangen, das dieses Jahr ein besonderes Ereignis war: Es war die erste Veranstaltung ihrer Art und Größe seit Ausbruch der Coronapandemie in Europa. Das Festival ist nicht nur ein Publikumsevent, sondern auch Branchentreff. Auf dem Konferenzteil tauscht sich vor allem die europäische Musikwirtschaft über ihre Belange aus.

Ob dieser Austausch im Pandemiejahr 2020 besonders aktuell und dringend war, möchte ich jetzt von Dirk Schneider wissen, der für uns die Konferenz beim Reeperbahn Festival besucht hat – beziehungsweise vor allem beobachtet, denn die meisten Panels fanden virtuell statt.

Hat die Musikbranche vor allem über Corona und die Folgen diskutiert?

Dirk Schneider: Das Thema war natürlich sehr präsent, so direkt war es aber nicht themenbestimmend, es gibt ja gar nicht so viel zu diskutieren, da es schnell spekulativ wird. Was ich aber auffällig fand, war, dass die Politik auf den Panels eine größere Rolle spielte als sonst. Die Branche spürt in diesen Zeiten ihre Abhängigkeit von den politischen Institutionen stärker denn je und scheint sich zu fragen, wie sie politisch stärker wahrgenommen werden kann.

Vor allem der Blick nach Brüssel hat da eine Rolle gespielt. Es wurde mit großer Verunsicherung aufgenommen, dass Ursula von der Leyen letzte Woche in ihrer Rede zur Lage der Europäischen Union die Kultur und damit auch die Musik mit keinem Wort erwähnt hat.

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Drost: Heißt das, die Musikwirtschaft fühlt sich von Brüssel im Stich gelassen? Falls ja, woran liegt das?

Schneider: Es sieht tatsächlich so aus, als hätte man die Musik auf EU-Ebene kaum im Blick. Der Brite Jake Beaumont-Nesbitt hat dazu auf einem Panel gesprochen, er ist Manager und Berater für Musikerinnen und Musiker sowie für andere Kreative. Er hat gesagt, dass die Lobbyverbände, die die Brüsseler Politik beeinflussen, dann mächtig sind, wenn sie großen Industrien oder ihren Verbänden angehören. Die Musikwirtschaft aber ist so kleinteilig, da funktioniere auf Brüsseler Ebene die Lobbyarbeit nicht so gut.

Strukturen der Branche schwächen Lobbyarbeit 

Letztlich gebe es auch keine europäische Musikszene in dem Sinne, wie es eine europäische Filmszene gebe - mit Namen, die in ganz Europa bekannt sind. Um so etwas zu etablieren, dafür ist ein Festival wie das Reeperbahn Festival immens wichtig. An dieser Diskussion teilgenommen hat auch die Vorsitzende der Kulturkommission der Europäischen Volkspartei, Sabine Verheyen. Sie hat folgende Anekdote erzählt:

Sabine Verheyen: Ich war sehr überrascht, als ich mal in einer Sitzung die Zahlen vorgestellt habe: Der kulturelle und kreative Sektor macht 4,2 Prozent der wirtschaftlichen Leistung der Europäischen Union aus. Sieben bis acht Millionen Menschen arbeiten in diesem Sektor. Das ist zweieinhalb Mal so viel wie der Anteil der Automobilindustrie ausmacht. Aber keiner kennt diese Zahlen. Ein Kollege hat mich gefragt: Wo haben Sie diese Zahlen her? Ich sagte, schauen Sie einfach in die Statistiken der EU!

Drost: Da scheint es ja einigen Nachholbedarf zu geben. Ist sich die Musikbranche da gegenüber der deutschen Politik sicherer?

Schneider: SPD-Politiker Kevin Kühnert war eingeladen darüber zu sprechen, welche Rolle Popmusik auf seiner politischen Agenda spielt, im Hinblick darauf, dass Kühnert in Zukunft wohl eines der politischen Schwergewichte in der Bundespolitik sein wird. Er wurde gefragt, warum man denn nun die Lufthansa so schnell rettet mit ihren 135.000 Beschäftigten, die Musikbranche aber nicht? Wieder liegt das Problem offenbar in der Kleinteiligkeit. Die Lufthansa ist ein einziges, großes Unternehmen.

Kevin Kühnert: … und wenn ich für dieses Unternehmen die eine politische Lösung herbeiführe, dann habe ich auf einen Schlag zehntausende Leute mit ein und derselben Lösung erstmal mittelfristig abgesichert. Das ist logischerweise im Bereich der Kunst- und Kulturschaffenden schwieriger, weil da habe ich es ja (...) mit ganz vielen Individuen oder Kleinstunternehmen zu tun (…). Unser Sozialstaat deckt schon unter Normalbedingungen diese Arbeitsverhältnisse schlecht ab.

Schneider: Ansonsten hätte man gerne noch mehr von Kevin Kühnert erfahren, leider wurde das Interview vom Musikunternehmer und Präsidenten des Fußballclubs St. Pauli, Oke Göttlich, im kumpelhaften Stil geführt und die beiden haben sich dann mehr über Fußball unterhalten als über Musik und Politik.

Geld verdienen mit Streamingkonzerten

Drost: Ging es nur um Geld und Lobbyismus bei den Diskussionen, oder wurde auch über andere Probleme gesprochen, die sich in Pandemie zugespitzt haben?

Schneider: Ein Thema, das sehr präsent wurde, war das Streaming von Konzerten. Und damit verbunden die Frage, inwieweit das nur eine Notlösung während Corona ist, oder ob das auch als eigenes Musikformat eine Zukunft hat.

Nick Cave hat ja ein Konzert gestreamt, bei dem er ganz alleine im Londoner Alexandra Palace, einer viktorianischen Veranstaltungshalle, am Flügel gesessen hat. Dazu hat er sich einen guten Kameramann geholt, das Ganze war so erfolgreich dass er ein Livealbum daraus gemacht hat und der Mitschnitt nun im November auch noch in die Kinos kommt.

Drost: Ist Konzertstreaming also eine neue Vermarktungsmöglichkeit, die auch für eine eventuell coronafreie Zukunft interessant ist?

Schneider: Das sieht ganz so aus. Andrew Foggin von der Online-Ticketplattform Dice hat darüber gesprochen, was da noch alles kommen wird oder was es schon gibt. Er sagt, dass die Leute bei Dice 10 bis 15 Pfund, also bis über 16 Euro für ein Streamingkonzert bezahlen. Die Zukunft sieht er darin, dass es wohl beides geben wird, Liveevents mit Publikum, und eben den Stream dazu. 

Das wird dann mit Extraangeboten noch attraktiver gemacht: Man kann Chatrooms einrichten, in denen man sich dann virtuell mit Freunden, die auch das Konzert streamen, austauschen kann. Es gibt immer öfter exklusive Merchandising-Artikel, die nur Besucherinnen und Besucher eines Streams kaufen können. Der vorläufige, etwas perverse Höhepunkt dieser Entwicklung war der Verkauf von VIP-Tickets für einen David-Guetta-Auftritt.

Wer so ein Ticket hatte, hat Foggin erzählt, wurde dann während des Streams eingeblendet und stand quasi virtuell mit auf der Bühne. Im Konzertstreaming scheint auf jeden Fall Geld zu stecken.

Tonart

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