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Profil / Archiv | Beitrag vom 17.09.2008

Recycling-Tasche

Die Designer Daniel und Markus Freitag

Von Esther Bauch

Mittlerweile ist sie ein echter Klassiker: die Freitag-Tasche. Hergestellt aus gebrauchten Lkw-Planen, Fahrradschläuchen oder Autogurten setzten die Brüder Daniel und Markus Freitag mit ihrer praktischen und wasserdichten Umhängetasche zu Beginn der 90er-Jahre einen Trend. Ihre Produktpalette haben die beiden Designer inzwischen weiter ausgedehnt: Ihre Sortiment reicht vom Schlüsselanhänger bis zum Fußball.

Ein Gabelstapler fährt in die Eingangshalle. Er bringt neue Ware aus Italien: gebrauchte Lkw-Planen in leuchtendem Rot mit weißem Schriftzug. Es stinkt nach PVC. Die Freitag-Brüder sitzen - geruchsneutral hinter einer Glasscheibe - in einem kleinen Besprechungszimmer. Von hier aus haben sie die ganze Fabrik im Blick. Markus Freitag, 38, ist der gut ein Jahr Ältere der beiden Brüder. Braune freundliche Augen und die dunklen kinnlangen Haare, leicht nach hinten gekämmt.

"Also hätten wir das gewusst, dass wir uns füreinander entscheiden. Wir hätten es wahrscheinlich nicht gemacht. Ich denke, ab dem ersten Mitarbeiter, der im Team war, haben wir uns wirklich nicht mehr wie Brüder, sondern wie Geschäftspartner verhalten und professionelle Umgangsformen an den Tag gelegt. Und, ich denke, das war bestimmt auch unser Glück. Also, wären wir heute noch zu zweit, ich weiß nicht, ob wir heute noch die Taschen machen würden."

Daniel Freitag, 37, - dunkelblonder Typ im rosa Poloshirt – lacht zustimmend.

"Am Anfang war das so, dass wir uns selber als Zielgruppe gesehen haben, und auch unser Alltag die Inspiration war für neue Entwürfe. Das ist bis heute so geblieben, dass wir wirklich die Alltagssituationen, in denen wir uns bewegen, eigentlich als Ausgangslage nehmen und dafür versuchen, Produkte zu entwickeln."

Anfang der 1990er Jahre in Zürich: Daniel und Markus leben zusammen in einer Wohngemeinschaft. Beide Brüder sind klassische Vertreter der hippen Großstadtkultur: designinteressiert, Klubgänger und Fahrradfahrer.

Markus Freitag: "Und dann war’s das Bedürfnis nach einer guten Tasche für aufs Fahrrad - einer Fahrradkuriertasche. Die war nicht zu haben in Zürich 1993, und deshalb haben wir uns gesagt, dann basteln wir uns eben selbst zwei Taschen. Und wir wussten eben nicht, wo das entsprechende Material hernehmen. Und deshalb dieser Blick aus dieser Studentenbude da an der Stadtautobahn und dann gesehen, da unten fahren ja Lkw vorbei und die hatten ja so wasserdichte Planen drauf. Das wäre ja das ideale Material für unsere zwei Taschen. Und so sind wir losgegangen und haben die erste Plane bekommen."

Die verdreckte Lkw-Plane schrubben die Brüder zunächst in der Badewanne. Dann kommt der Zuschnitt. Mit gebrauchten Fahrradschläuchen nähen sie die fünf Einzelteile zusammen. Alte Autogurte dienen als Trageriemen. Fertig sind die ersten beiden Freitag -Taschen. Das war 1993.

Daniel Freitag: "Genau in der Phase, als die ersten Prototypen entstanden sind, war ich gerade in San Francisco. Ich habe eine Ausbildung als Graphiker gemacht und da habe ich eben die erste Freitag-Tasche bei mir gehabt und die nicht nur selber getestet, sondern dann auch den professionellen Kurieren der Westküste eben umgehängt. Eigentlich als man bei uns hier noch gar keine Fahrradkuriere kannte."

Die ersten 50 handgenähten Freitag–Taschen verkaufen die Brüder in ihrer Heimatstadt Zürich. Nachts - auf einer Brücke. Die Zürcher Szene ist begeistert: ein urbanes Produkt, ein Unikat - komplett recycelt. Die funktionale, abgenutzt aussehende Freitag-Tasche – gemacht aus hunderttausend - Kilometer alten Lkw-Planen - wird zum Sinnbild einer neuen zwangsmobilen Generation. Markus Freitag:

Markus Freitag: "Die Freitag-Idee wurde sozusagen auf dem Komposthaufen aufgezogen. Also unsere Eltern haben Küchenabfälle hinters Haus geschmissen, und wir haben gesehen, da wächst was Neues draus. Und das ist, denke ich auch, gerade das Freitag-Prinzip. Also das man Bestehendes aus dem gewohnten Umfeld nimmt und anders wieder einsetzt und daraus entstehen dann vielleicht Lösungen, wie sie noch nicht existieren. Und ich glaube, da hat Freitag eine Denke, der wir absolut treu bleiben wollen und mit diesem Prinzip eigentlich auch noch weitere Produkte entwickeln "

Markus Freitag ist in die Halle getreten und schaut dem Zuschneider über die Schulter.

Markus Freitag: "Die ersten 1000 Taschen haben wir selber nicht nur zugeschnitten, sondern genäht. Dann haben wir wahrscheinlich die nächsten paar 1000 oder paar 10.000 Taschen noch selbst zugeschnitten und dann irgendwann haben wir eben Zuschneider engagiert. Und, ja ich denke, mittlerweile haben wir immer alles, was wir gemacht haben, abgegeben, auch die Buchhaltung. Und auch die Geschäftsleitung. Und das ist eigentlich das Schönste, dass wir wieder zurück sind, da wo wir begonnen haben -nämlich in unserem Atelier als Designer."

Neustes Produkt ist eine Schutzhülle für das Mac Book Air. In Arbeit ist eine Sporttasche für Tennis, Fitnessclub oder Fußballtraining.

Daniel und Markus Freitag treffen sich wieder im Büro. Es geht um einen Messestand in Kopenhagen. Aus dem anfänglichen 24-Stunden Freitag-Job ist ein acht Stunden Arbeitstag geworden. Beide Brüder haben Familie und Kinder. Markus Freitag hat trotzdem keinen Führerschein.

Markus Freitag: "Ja, ich bin jetzt ganz glücklich, dass meine neue Wohnung einen Komposthaufen hinterm Haus hat, weil, nicht jede Zürcher Stadtwohnung hat die Möglichkeit, Grünabfälle hinterm Haus wieder zu Erde werden zu lassen. Und, ja, ich habe auch kein Auto – ich habe vier, fünf Fahrräder für die jeweilige Situation und bin ganz zufrieden."

Kompostfreude hin oder her. Für eine Freitag-Tasche zahlt man einen stolzen Preis: um die 150 Euro. Swissness kostet eben. Auch bei den recyclin-bewussten Freitag-Brüdern. Garantiert wird dafür Funktionalität, gutes Design und hohe Qualität.

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