Seit 01:05 Uhr Tonart

Mittwoch, 30.09.2020
 
Seit 01:05 Uhr Tonart

Fazit / Archiv | Beitrag vom 08.05.2014

RecklinghausenWenn vom Roman kaum etwas übrig bleibt

"Der Zwerg reinigt den Kittel" bei den Ruhrfestspielen

Von Christiane Enkeler

Podcast abonnieren
Die Ruhrfestspielhalle in Recklinghausen. (picture alliance / dpa / Jan-Philipp Strobel)
Die Ruhrfestspielhalle in Recklinghausen. (picture alliance / dpa / Jan-Philipp Strobel)

Ihren Roman hat die Autorin Anita Augustin selbst als Bühnenfassung entworfen. Dabei ist leider einiges auf der Strecke geblieben. Das Ergebnis ist fast fahrlässig plakativ und platt.

Almut Block, 70 Jahre, Kette rauchende, frisch gebackene Rentnerin, hat die Familienministerin niedergeschlagen. Denn die Ministerin steht für eine Gesellschaft, in der Rentner agil und aktiv sein müssen, in der sie ihre Ressourcen zur Verfügung stellen dürfen... – müssen! Zum Beispiel in einem der Allgemeinheit nützlichen Ehrenamt.

Um diesem Schicksal zu entgehen, hatten Almut und ihre drei Freundinnen mit dem Leiter einer Seniorenresidenz einen krummen Handel abgeschlossen: Sie bekommen Pflegestufe zwei und diverse Vergünstigungen, dafür verdient die Residenz das Geld aus diesem Betrug. Und trotzdem ist der Heimleiter ein Pfennigfuchser.

Dies alles, das ist die Ausgangssituation des Buches, erzählt Almut nun ihrem Gefängnispsychiater beziehungsweise dem Leser des Romans.
"Der Zwerg reinigt den Kittel", 2012 erschienen, ist ein intelligentes und bitterböses Buch, in dem es nicht nur um Seniorenresidenzen geht, sondern überhaupt um Menschenwürde. Wobei, so die Autorin Anita Augustin in einem Interview, schon Altern und Tod an sich unwürdige Prozesse sind, weil man nichts dagegen machen kann.

Geisteswissenschaftlerin, Barkeeperin und Dramaturgin

Anita Augustin ist Geisteswissenschaftlerin, Barkeeperin und Dramaturgin. Sie hat als Autorin selbst eine Bühnenfassung entworfen; Produktionsdramaturgin der Uraufführung ist aber Alexandra Althoff, die mit Regisseurin Bettina Bruinier eine Aufführungsfassung – wie das durchaus üblich ist – erarbeitet hat.

Auf diesem langen Weg über die Stationen vom Roman zur Bühnenaufführung ist einiges auf der Strecke geblieben, zum Beispiel das innere Denken über und genaue Beobachten von anderen Figuren, der Detailreichtum, das Beschreiben ihrer Reaktionen durch Almut Block. Was dann auf der Recklinghauser Bühne übrig bleibt vom Roman, ist fahrlässig plakativ und platt.

Offenbar wurde die Lese- mit einer Aufführungssituation einfach verwechselt, die Figuren sprechen nämlich fast durchgehend in den Publikumsraum, wo zwischendurch auch der Psychiater sitzt. Dass das Gespräch im Buch auch ein gegenseitiges Abtasten ist, kann sich so nicht zeigen.

Die einzelnen Charaktere in der Residenz, Personal wie Bewohner – im Roman ein aufgefächerter Katalog, minutiös von Almut beobachtet, gefürchtet und trotz ihrer Gewaltphantasien doch auch empathisch betrauert – werden hier nicht lebendig. Die Exposition ist überlang, das Schlüpfen weniger Darsteller in viele Rollen so keine geschickte Lösung.

Auch die vier Freundinnen schaffen keine plastischen Situationen – sie richten sich ja hauptsächlich nach vorn, ans Publikum, und spielen nicht miteinander. Konflikte rauschen vorbei (sind ja eigentlich Almuts Beobachtungen, aber auch offensichtliche Möglichkeiten, mehr "Bühnensituation" zu schaffen, werden nicht genutzt).

Rein technisch ist das Spiel schlichtweg einfallslos: kaum Haltungs-, Tempi-, Lautstärkewechsel, kaum ein konzentrierter Augenblick. Lichtwechsel kommen vor, aber immer dann, wenn sich doch mal ein intimer Moment herauskristallisieren könnte, geht das große Licht an. Es ist fast ein Arbeitslicht.

"Sex" und "Waschen im Altersheim"

Während Anita Augustins Roman durchaus Themen wie "Sex" oder "Waschen im Altersheim" drastisch ansprechen kann, setzt der Abend einerseits noch eins drauf, indem zum Beispiel Almut sich künstliche Brüste wie einen nassen Strumpf mit zwei Enden um den Hals hängt und vorn baumeln lässt. Andererseits flüchtet das Team vor der Aufgabe, indem sich Almuts Darstellerin Josefin Platt dann eben doch kaum auszieht.

Damit soll auf keinen Fall gesagt sein, dass Darsteller unbedingt nackt sein müssen, wenn das die Handlung vorsieht. Aber wenn hinter einer rauen Schale ein verletzbarer Kern steckt, sollte sich doch vermitteln.

Selbst wenn die Figur sich sträubt und mit sarkastischer Komik darstellt, dass das Personal sich überwinden muss beim Waschen, unter Zeitdruck. Denn dann erst wird es ja interessant! Dafür muss in der Tat kein Darsteller physisch nackt sein.

Almut hat in ihrem weichen Kern auch ein posttraumatisches Belastungssyndrom, und deswegen geht in diesem Social-Fiction-Roman, der in einer etwa zehn Jahre entfernten Zukunft spielt (also einer ausdrücklichen Fiktion), auch einiges durcheinander zwischen "Realität" und Fiktion. Ob sich das in 90 Minuten für den überträgt, der das 330-Seiten-Buch nicht gelesen hat? So jedenfalls geht es nicht:

Im Roman sitzt Almut, die einem Professor, ebenfalls Heimbewohner, bei der Recherche hilft, im Fernsehzimmer, das sie zu ihrer Bibliothek gemacht haben. Almut hört abwechselnd der Ministerin im TV zu und liest gleichzeitig in einem Buch: "Karl Binding: Die Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens, 1922" - Literatur, mit der die Figur Almut nicht viel anfangen kann.

Es liegt beim Leser, einen Zusammenhang gedanklich herzustellen

Die TV- und Buch-Passagen sind dabei pur gegeneinander geschnitten wie ein gleichzeitiges Erleben, eine Collage; es liegt beim Leser, einen Zusammenhang auch wirklich gedanklich herzustellen, zum Beispiel dass in allen für diese Stelle ausgewählten Passagen der Mensch vor allem durch eine Kosten-Nutzen-Rechnung bestimmt wird.

In Bettina Bruniers Inszenierung in Recklinghausen dagegen läuft während des Einlasses eine Video-Schleife mit einer Ansprache der Familienministerin, gespielt von Franziska Junge, mit Versatzstücken aus beiden Quellen in der beschriebenen Bibliotheksfernsehzimmer-Szene. Hier aber sind sie recht bruchlos aneinander gefügt und der Zuschauer hat die Figur Almut noch gar nicht kennengelernt, also auch nicht als zwischengeschaltete Instanz für eine differenzierende Interpretation.

So schnell kann man die Ebenen verflachen. Und so schnell kann dadurch ein großer Unterschied entstehen. Wenn denn in der verkürzten Bühnen-Form und -Zeit überhaupt verständlich gewesen sein sollte, wie pointiert die Erzählung in Anita Augustins Roman eigentlich verläuft und sich am Ende harmonisch auflöst - ohne tatsächlich befriedigend und friedlich zu sein.

Mehr zum Thema:

Zur Homepage: Ruhrfestspiele Recklinghausen

06.05.2014 | FAZIT
Theater Marl - Die Sehnsucht nach dem Tod
Samuel Beckett-Abend bei den Ruhrfestspielen Recklinghausen

Kulturpresseschau

weitere Beiträge

Der Theaterpodcast

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur