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Interview | Beitrag vom 11.10.2019

Rechtsterrorismus "Der Täter von Halle hat für die Szene versagt"

Florian Hartleb im Gespräch mit Dieter Kassel

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Einschusslöcher an der Synagogentür in Halle. (Getty Images Europe/Jens Schlueter)
Spuren eines gescheiterten Anschlags: Einschusslöcher an der Synagogentür in Halle. (Getty Images Europe/Jens Schlueter)

Attentäter wie der Todesschütze in Halle sind oft gescheiterte Einzelgänger. Sie suchen im Internet nach Anerkennung und finden Inspiration, sagt der Politologe Florian Hartleb. Dort zeichneten sich auch die Spuren der Radikalisierung ab.

Dieter Kassel: Der 27-jährige Mann, der vorgestern in Halle zwei Menschen getötet hat und eigentlich die Absicht hatte, ein Massaker in einer Synagoge anzurichten, war ein Einzeltäter, so viel steht fast schon fest, im juristisch-ermittlungstechnischen Sinne. Aber was bedeutet das genau? Darüber und über das Profil solcher Täter wollen wir jetzt mit Florian Hartleb reden, er ist Politikwissenschaftler und Autor des im vergangenen Jahr erschienenen Buches "Einsame Wölfe – der neue Terrorismus rechter Einzeltäter". Er lebt in Tallinn in Estland, und da erreichen wir ihn jetzt.

Kassel: Handeln Einzeltäter wie auch der von Halle wirklich vollkommen autark?

Hartleb: In der Tatausführung ja, aber solche Tätertypen sind natürlich Kinder ihrer Zeit. Sie sind nicht im sozialen Vakuum. Und der Täter von Halle beispielsweise war ja auch wie viele andere vor ihm exzessiv im Internet unterwegs, er sah sich als Teil einer subkulturellen Onlinekultur, wie es sich auch dann in seinem Video und seinem Manifest ausdrückte.

Kassel: Sind denn solche Täter dann in der Regel wirklich Teil einer Art rechten sozialen Netzwerks oder sind sie quasi Konsumenten, die sich auf diese Art und Weise radikalisieren?

Hartleb: Im Grunde beides. Also, diese einsamen Wölfe sind ja im Grunde jämmerliche Gestalten, die im realen Leben gescheitert sind. Sie flüchten sich in eine Art Paradieswelt und sie radikalisieren sich zugleich. Sie suchen sich Gleichgesinnte in Chats, in Foren und saugen dann wie ein Schwamm im Grunde auch eine Art Ideologie auf, eine Hassideologie, die sich dann auch gegen Minderheiten richtet. Im Fall von dem Täter von Halle war das ja sehr stark, dass er an jüdische Weltverschwörung glaubte und auch einen exzessiven Frauenhass hatte.

Konsumenten von Ideologie

Kassel: Das ist aber interessant. Die jüdische Weltverschwörung, Frauenhass, es gibt auch Hinweise auf einen Hass gegenüber Homosexuellen. Und er soll auch an einer Stelle im Internet geschrieben haben, er hätte eigentlich auch mal darüber nachgedacht, eine Moschee anzugreifen, und sich dann doch für eine Synagoge entschieden. Dieser Hass auf eigentlich alles, was nicht weiß, männlich und heterosexuell ist. Ist das typisch, dass das alles vermischt wird?

Hartleb: Ja, es ist ja ein Prototyp da von diesem terroristischen Einzeltäter, nämlich Anders Breivik in Norwegen. Der hat ja ein Manifest hinterlassen mit über 1500 Seiten, und auch dort taucht eben dieses Motiv Frauenhass deutlich auf. Und eben auch dieses Gefühl der weißen Überlegenheit. Das mischt sich zusammen, weil auch diese Themen Gegenstand sind in diesen Foren wie 8chan und 4chan, wo auch der Täter von Halle verkehrte. Das heißt, dass diese Täter dann wie eine Art Konsument diese Ideologie aufsaugen und dann auch an die eigene persönliche, in Klammern, gescheiterte Lebenssituation dann anpassen.

Kassel: Es sind erschreckend viele Menschen – Männer, kann man in den Fall fast sagen – auf solchen Internetseiten unterwegs, wo sowas propagiert wird, die ja aber nun auch nicht alle zu Tätern werden. Was bringt dann doch Einzelne dazu, wirklich nicht mehr nur zu fantasieren, sondern solche Taten auszuüben?

Hartleb: Es ist in der Tat offenkundig, dass es Männer sind. Männer, die oftmals auch bei ihrer Mutter leben, das war bei Breivik auch so, der ist wieder in das Kinderzimmer seiner Mutter eingezogen. Männer, die letzten Endes dann sehr stark diese Ballerspiele spielen, zum Beispiel auf der Plattform Steam. Und es gibt in der Art von Terrorismus – in jeder Art von Terrorismus – eine längere Zeit der Radikalisierung.

Bei Breivik waren das über zehn Jahre, wie er seine Taten geplant hat. Und es findet wohl diese Radikalisierung statt, dieser Hass auf andere, und das geht dann eben auch einher mit einem auslösenden Moment. Es muss irgendwann der Zeitpunkt X oder der Tag X kommen, in dem der Täter ganz konkret seine Taten plant. Er überlegt sich dann, wie kann ich berühmt werden, wie kann ich eine Weltöffentlichkeit erreichen. Und das war zum Beispiel auch der Grund dafür, dass eben der Täter von Halle dann sein Manifest und sein Video auf Englisch verfasst hat – eben auch deswegen, um nicht nur die lokale Szene zu erreichen, sondern eben auch möglichst breit Angst und Schrecken zu verbreiten.

Für die Sicherheitsbehörden unbekannt

Kassel: Wo Sie erwähnt haben, dass die häufig noch bei ihrer Mutter leben oder Ähnliches, glauben Sie, dass es möglich ist, gar nicht für die Sicherheitsbehörden, sondern für das private Umfeld – die haben vielleicht im klassischen Sinne kein soziales Umfeld, aber jeder Mensch hat ja Nachbarn und begegnet Leuten auf der Straße –, glauben Sie, dass es möglich ist, da potentielle Täter zu erkennen?

Hartleb: Erst mal muss man sagen, das war bei Breivik auch so, auch bei dem Täter von Christchurch, der ja noch stärker als Vorbild fungierte, dass diese Menschen polizeilich nicht bekannt sind. Das heißt, sie sind auch den Sicherheitsbehörden nicht bekannt, sie sind eben nicht als Gefährder eingestuft, als potentielle Täter. Das macht es grundsätzlich natürlich für die Sicherheitsbehörden schwierig.

Allerdings ist es nicht so, dass man hier nach der Nadel im Heuhaufen suchen muss, denn in all diesen Fällen gibt es Spuren. Und diese Spuren sind eben im Jahr 2019 nicht mehr so sehr im sozialen Umfeld, hier fällt zum Beispiel auf, dass die Täter vereinsamen, nicht einmal mehr die Nachbarn grüßen. Viel wichtiger ist hier, die Umfeldanalyse im virtuellen Raum vorzunehmen, denn die Täter verbringen ja 80, 90 Prozent ihres Lebens dort und hier hinterlassen sie Spuren, hier gibt es Chatpartner, hier gibt es Auffälligkeiten und auch politische Äußerungen. In all diesen Fällen bislang ist es eben so, dass es hier offenbar Spuren gibt – und diesen Spuren muss nachgegangen werden.

Virtuelle Ahnengalerien

Kassel: Wo wir jetzt wieder im Internet sind, Herr Hartleb, eines ging mir durch den Kopf, so ein bisschen der Vergleich zum muslimischen Extremismus, wo ja auch viel im Internet rekrutiert wird. Ist das eigentlich bei diesem rechtsradikalen Milieu, über das wir sprechen, alles so ein bisschen auf der gleichen Hierarchieebene, dass sich ähnliche Profile gegenseitig radikalisieren? Oder gibt es da auch Menschen im Hintergrund, die sich selbst die Finger nicht schmutzig machen, aber die da quasi Täter rekrutieren?

Hartleb: Das ist alles eher auf einer gleichen Ebene. Ich würde hier nicht von rekrutieren sprechen, sondern eher von inspirieren. Das heißt, wenn man auf solche Plattformen geht wie Steam, taucht eben ein Breivik auch als Vorbild auf. Es gibt eben auch andere Plattformen wie eine virtuelle Ahnengalerie, wo es dann auch Scores gibt für diese Täter.

Der Täter von Halle hat ja für die Szene eher versagt, weil er eben kaum Menschen umgebracht hat, er hätte ja Dutzende umbringen können. Und hier gibt es Scorepunkte, und diese Täter werden dann ja auch wieder diskutiert und wieder in diese Gamer-, in diese Onlinesubkultur eingespeist. Das heißt, hier ist eher ein dynamischer Prozess, aber auf der gleichen Ebene zu sehen. Es gibt nicht diese Hintermänner, sondern es ist eher so, dass man sich hier gegenseitig inspiriert.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Florian Hartleb: "Einsame Wölfe – der neue Terrorismus rechter Einzeltäter"
Verlag Hoffmann & Campe 2018, 256 Seiten
16,99 Euro    

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