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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 24.02.2015

Rechtsstaat und ReligionModernes Recht kommt nicht aus alten Schriften

Von Heinz-Werner Kubitza

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Koran und Gebetskette (dpa / picture alliance / Roos Koole)
Koran und Gebetskette (dpa / picture alliance / Roos Koole)

Nur die Menschenrechte, nicht "irgendwelche heiligen Schriften", können die Grundlage des Zusammenlebens sein. Das sagt der evangelische Theologe Heinz-Werner Kubitza angesichts der Debatten um die Rolle der Religion in der Gesellschaft.

Ist der Islam ein Menschheitsproblem? Diesen Eindruck kann man fast gewinnen, wenn man die vielen Horrormeldungen hört, die uns fast täglich von immer neuen Morden und Massakern berichten, die weltweit von fanatischen Islamisten verübt werden. Und von denen die Morde von Paris uns zwar besonders berühren, aber noch viel Grausameres geschieht an anderen Orten und weitgehend unbeobachtet.

Hilflos wirken dabei die Versuche, den Islam irgendwie zu entschuldigen, ihn als "Religion des Friedens" zu etikettieren und das Töten von Andersgläubigen allein auf den Fanatismus der Täter zurückzuführen. Wenn die Täter sich selbst aufdringlich und vehement immer wieder auf ihren islamischen Glauben berufen, dann wird man sie schon ernst nehmen müssen.

Tatsächlich gibt es im Koran einschlägige Stellen, die Gewalt rechtfertigen können. So zitiert, wirken heilige Schriften dann wie ein Brandbeschleuniger. Religiöse Gewalt ist aber kein Problem des Islam allein.

Denn auch die christliche Religion hatte in ihrer Geschichte Phasen des Fanatismus, in denen Andersgläubige brutal verfolgt, zwangsgetauft oder gleich getötet wurden. Wo Pogrome vor allem gegen Juden über Jahrhunderte zum typischen Erscheinungsbild christlicher Religion gehörten. Wo der religiöse Fanatismus ganze Epochen vergiftet hat. Und wo die Werte, die unser Gemeinwesen konstituieren, wie Menschenrechte, Rechtsstaatlichkeit und Demokratie von den Kirchen beider Konfessionen bekämpft und als Teufelszeug verunglimpft worden sind.

Religiöse Rechthaberei ist Gift für das Zusammenleben

Und auch in der christlichen Bibel und vor allem im Alten Testament finden sich genügend Stellen, die zur Vernichtung fremder Völker und zur Verfolgung Andersgläubiger aufrufen. Deshalb wird man wohl allgemeiner sagen müssen: Nicht nur der Islam, Religionen insgesamt scheinen ein Menschheitsproblem zu sein. Religiöse Rechthaberei in Verbindung mit heiligen Schriften ist Gift für ein friedliches Zusammenleben der Völker.

Doch was kann man tun? Es hat lange gedauert, bis sich die Christen im Nachgang der Aufklärung zu modernen Werten wie Toleranz und Menschenrechten haben durchringen können. Der Islam muss sich natürlich ebenfalls auf diesen Prozess einlassen und ebenfalls lernen, die eigenen religiösen Wurzeln zu relativieren.

Menschenrechte, nicht irgendwelche heiligen Schriften, müssen die Grundlage des Zusammenlebens der Menschheit sein. Das ist ein schwieriger und langer Weg, von dem eher unwahrscheinlich ist, dass er in diesem Jahrhundert schon sein Ende finden wird.

Doch in der Zwischenzeit sollten Staat und Gesellschaft nicht gerade auf diejenigen hören, die lautstark auf die Achtung ihrer Religion pochen. Sondern sie sollten die fortschrittlichen Kräfte im Islam unterstützen. Viele Muslime sehnen sich nach den Freiheitsrechten westlicher Gesellschaften, nach Gleichberechtigung von Mann und Frau, nach Menschen- und Grundrechten und einem Leben ohne religiöse Bevormundung. Sie sehnen sich mehr danach, als sie dies zugeben dürfen.

Der evangelische Theologe Heinz-Werner Kubitza (Evelin Frerk)Der evangelische Theologe Heinz-Werner Kubitza (Evelin Frerk)Heinz-Werner Kubitza ist der Inhaber des Tectum Wissenschaftsverlags in Marburg. Er wurde 1961 geboren, hat in Frankfurt, Tübingen, Bonn und Marburg evangelische Theologie studiert und ist Mitglied im Beirat der Giordano-Bruno-Stiftung, die sich für Aufklärung und eine naturalistische und humanistische Ethik einsetzt.

Er hat zuletzt die Bücher geschrieben: "Der Jesuswahn. Wie sich die Christen ihren Gott erschufen. Die Entzauberung einer Weltreligion durch die wissenschaftliche Forschung" (2011) und "Der Dogmenwahn. Scheinprobleme der Theologie. Holzwege einer angemaßten Wissenschaft", soeben im Januar 2015 erschienen.

Mehr zum Thema:

Debatte im Deutschlandradio Kultur - Der Islam ist nicht das Problem. Aber hat er eins?
(Deutschlandradio Kultur, Aktuell, 13.01.2015)

Ebadi: Nicht derI Islam, sondern das Patriarchat das Problem
(Deutschlandfunk, Interview, 13.12.2004)

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