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Studio 9 | Beitrag vom 28.05.2016

Rechtspopulismus in EuropaDie Christen sind nicht immer nur die Guten

Von Rainer Brandes

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Veranstaltungspavillons stehen für den Katholikentag auf dem Leuschner-Platz in Leipzig. (picture alliance / dpa / Sebastian Willnow)
Ein Schwerpunktthema des 100. Deutschen Katholikentags in Leipzig ist der Rechtspopulismus, der überall in Europa auf dem Vormarsch ist (picture alliance / dpa / Sebastian Willnow)

Das Thema Rechtspopulismus ist ein Schwerpunkt des 100. Deutschen Katholikentags. Der ehemalige Bundestagspräsident Wolfgang Thierse bewertet den Erfolg der AfD als "negative Antwort" auf das Willkommensengagement vieler Deutscher, berichtet Rainer Brandes.

"Unser Kreuz hat keinen Haken": Das ist der Titel einer Podiumsdiskussion am Freitagnachmittag in Leipzig. Das klingt nach Selbstbestätigung. Wir Christen: Wir sind die Guten – die, die aufstehen gegen Fremdenfeindlichkeit und Rassismus. Doch so einfach ist es nicht. Hermann Häring, katholischer Theologieprofessor aus Tübingen, ist bekannt dafür, die eigene Kirche hart anzugehen. In der Diskussion macht er klar, dass die katholische Kirche selbst den Nährboden bereitet, auf dem Rassismus gedeihen kann.

"Uns ist nicht bewusst, wie nahe wir in Grundlagenfragen dem Humus sind, aus dem die AfD entstanden ist. Wenn Sie mal überlegen: geistesgeschichtlich, 19. Jahrhundert, das Jahrhundert der Entstehung der Ideologiekritik. Alle Gruppen, alle Ideologien, alle Philosophien haben gelernt, seitdem selbstkritisch mit sich selbst umzugehen. Die einzige geistige Gruppe, die es prinzipiell abgelehnt hat, ihre Grundlagenfragen selbstkritisch zu beurteilen, ist die katholische Kirche."

Kritische Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit 

Die eigene Vergangenheit kritisch aufzuarbeiten: Das verlangt auch der Politikwissenschaftler und Publizist Andreas Püttmann.

"Es gab natürlich auch eine konservative katholische Minderheitenströmung, die Rechtskatholiken. Die sind nämlich vom Zentrum weggegangen 1919 und haben gesagt: 'Igitt, ihr macht mit den Sozialdemokraten gemeinsame Sache. Wir gehen zur Deutschen Volkspartei oder zur DNVP.' Und einige von den Wortführern sind sogar nachher zur NSDAP gegangen. Und das sind so Dinge, die müssen wir uns im innerkirchlichen Diskurs bewusster machen, wie sehr wir selbst und Teile von unserer Kirche ideologisch entgleist sind.

Diese Äußerung Püttmanns ist durchaus beachtlich – gilt er vielen doch selbst als Vertreter eines rechtskonservativen Katholizismus. Hier auf dem Katholikentag begrüßt er ausdrücklich den Ausschluss der AfD von den Diskussionen. Denn:

"Man darf das demagogische Potenzial dieser Leute nicht unterschätzen. Eine Kirche darf sich nie dem Dialog verweigern. Das bedeutet aber nicht, dass man ihrer Agitation versucht zu begegnen, indem man ihnen neue Räume der Agitation eröffnet."

Die Gründe des AfD-Erfolgs

Woher aber kommt der Erfolg der AfD? Wolfgang Thierse, engagierter Katholik und ehemaliger Bundestagspräsident, hat eine beunruhigende Antwort darauf:

"Der Erfolg der AfD ist – glaube ich – eine negative Antwort auf das vielfältige Willkommensengagement vieler Deutscher."

Frank Richter hat wahrscheinlich so viel Erfahrung im Dialog mit Rechtspopulisten, wie kaum ein anderer in Deutschland. Er ist Leiter der Landeszentrale für politische Bildung Sachsen. Als die Pegida-Bewegung ihren Höhepunkt erlebte, da organisierte er Gesprächskreise überall im Freistaat. Richter glaubt an die Kraft des Argumentes – auch dann noch, wenn viele andere längst aufgeben.

"Der Dialog ist das einige Mittel, das wir haben. Zumindest sollten wir versuchen, die Fragen und die Sorgen und die Ängste der Leute aufzunehmen. Der allergrößte Teil - weit über 90 Prozent der Menschen – wollen durchaus mit anderen Argumenten konfrontiert werden, wollen sozusagen sich selbst auch korrigieren lassen, nicht gleich, aber nachdem sie überzeigt worden sind. Das ist das Lebenselixier der demokratischen Gesellschaft. Wir haben keine vernünftige Alternative."

Subtile Ressentiments gegenüber Fremden

Häufig aber zeigen sich Ressentiments gegenüber Fremden wesentlich subtiler als bei Pegida oder der AfD. Darauf macht Milad Karimi aufmerksam. Der Professor für islamische Theologie in Münster ist als Jugendlicher aus Afghanistan nach Deutschland geflohen. Auch von kirchlicher Seite hört er regelmäßig die Aufforderung an Muslime, sich von Gewalt im Namen des Islam zu distanzieren. Karimi sieht darin eine Diskriminierung.

"Das ist für mich, ehrlich gesagt, immer eine beleidigende, leidvolle Aufgabe zu sagen, ich finde das, was in Paris passiert ist, nicht gut. Natürlich finde ich das nicht gut! Was denken Sie denn, was ich bin hier? Nur weil ich ein Muslim bin! Also, das kann ja nicht sein!"

Milad Karimi sieht dabei allerdings auch eine Mitverantwortung der Muslime selbst. Sie müssten ihre Religion einerseits hinterfragen und andererseits plausibel erklären. Nur so könnten versteckte Ressentiments abgebaut werden.

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