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Nachspiel | Beitrag vom 17.06.2018

RechtsextremismusWarum Hooligans immer gefährlicher werden

Von Ronny Blaschke

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Der MMA-Kämpfer Fedor Emelianenko aus Russland während eines Kampfes. (dpa / picture-alliance / Mikhail Kireev/Sputnik)
Viele Hooligans interessieren sich inzwischen eher für Mixed Martial Arts als für Fußball. (dpa / picture-alliance / Mikhail Kireev/Sputnik)

Politisch stramm rechts, bestens vernetzt - und um Fußball geht es nur noch am Rande: Statt im Stadion toben sich russische Hooligans inzwischen lieber bei "Mixed Martial Arts"-Turnieren aus.

Der russische Staat hat aufgerüstet gegen Hooligans: Mit Hausbesuchen und Stadionverboten, mit Vorratsdatenspeicherung und der Androhung von Haft. Für die meisten Experten ist es unwahrscheinlich, dass sich bei dieser Weltmeisterschaft ähnliche Szenen ereignen wie bei der Europameisterschaft 2016. In der Hafenstadt Marseille hatten sich russische Hooligans brutale Schlägereien mit englischen Fans geliefert. So stellt sich eine andere vernachlässigte Frage: Welche langfristigen Folgen hat es für eine Gesellschaft, wenn Extremisten in den Untergrund gedrängt werden?

Der Berliner Fanforscher Robert Claus möchte die Aufmerksamkeit auf das Umfeld der Weltmeisterschaft lenken. In seinem aktuellen Buch "Hooligans" beschreibt er die Professionalisierung der russischen Schläger. Anders als deren einstige Vorbilder aus England würden sie meist auf Alkohol verzichten. Stattdessen prägen nun gesunde Lebensweise und übersteigerte Männlichkeit die neue Generation der Kampfsportler.

"Das Spezifische an der osteuropäischen Hooliganszene ist, dass es in diesen Ländern meistens noch die Wehrpflicht gibt. Das heißt, wir haben teilweise paramilitärisch ausgebildete Hooligans. In Deutschland existiert das in der Form nicht so stark. Es gab natürlich Hooligans bei der Bundeswehr, aber nicht alle haben einen Wehrdienst hinter sich. Insofern kann man bei der polnischen als auch bei der russischen Hooliganszene stark davon reden, dass sie sehr gut organisiert sind, sehr gewalttätig sind, teilweise auch Schusswaffentrainings machen. Und in Gänze komplett sehr rechts stehen."

Fußball interessiert den Organisator des Netzwerks nicht

Eine Symbolfigur dieser einflussreichen Minderheit ist Denis Nikitin. Der Moskauer Neonazi hat ein verzweigtes Netzwerk aufgebaut, auch zu Hooligans und rechten Ultras in Köln, Dortmund, Warschau oder Prag. So werden seine geheim organisierten Kampfsportturniere beliebter. Anfangs fanden diese "Mixed Martial Arts", kurz MMA, in kleineren Räumen statt. Inzwischen locken sie mehrere hundert Zuschauer an. Mit dabei: rechtsextreme Musikbands und Größen aus dem Rockermilieu. Der Osteuropa-Experte und Journalist Thomas Dudek hat sich intensiv mit "White Rex" beschäftigt. Es ist die Marke, unter der Denis Nikitin sein Angebot bündelt.

"Er selber macht ja keinen Hehl daraus, dass ihn Fußball gar nicht interessiert. Er nutzt wie so viele andere Hooligans nur den Rahmen Fußball, den Schein und die Marke, um sich zu prügeln und seine eigene Ideologie zu verkaufen. Und er hat auch gute Kontakte in die Ukraine und nach Polen. Er gibt Kampftrainings rechten Parteien in Großbritannien, in der Schweiz oder auch in Spanien. Also deswegen ist das viel gefährlicher als die Sorgen vor diesen vier Wochen WM."

Fans prügeln sich im Stadion am Ende des Spiels England gegen Russland während der EM 2016. (AFP/Valery HACHE)Fans prügeln sich im Stadion am Ende des Spiels England gegen Russland während der EM 2016. (AFP/Valery HACHE)

Im Zentrum von Moskau gibt es mehrere Läden, die rechtsextreme Kleidermarken anbieten. Die Vernetzung der Hooligans findet auch im Internet statt, zunehmend mit professionell gedrehten Videos. Viele Schläger treffen sich zu abgesprochenen Kämpfen in entlegenen Wäldern.

Unberechenbare Dynamik des Massenphänomens Fußball

Der Fanforscher Robert Claus hält es nicht für ausgeschlossen, dass es solche Kämpfe auch während der WM geben wird. Viele Gerüchte waren im Umlauf, etwa über ein Vorbereitungstreffen von russischen und argentinischen Hooligans in Buenos Aires. Überdies solle man auch die Anfahrtswege zu den Stadien genau beobachten.

"Kann man mal kurz zurück blicken. Immer wenn Borussia Dortmund in Russland war, zum Beispiel in St. Petersburg in der Champions League, haben fast alle Fans, die dort hingefahren sind, erzählt, dass dort kleine Gruppen von russischen Hooligans umher marodiert sind und gefragt haben: Sprichst du Deutsch? Und wenn man ja gesagt hat, hat man eben einen auf die Mütze bekommen. Davon gab es nie große Bilder, das flog unterm Radar. Weil es keine medial skandalösen Szenen waren von 300 Hooligans, die den Platz stürmen und alles kaputt machen, was dort rum steht. Sondern kleine Zweier-, Dreier-, Vierergruppen, die sich Leute herausgreifen."

Der Kreml ist mit einer PR-Agentur zuletzt in die Offensive gegangen. Bei Spielen reichten Mitarbeiter den Fans Tee und Süßigkeiten, umrahmt von freundlichen Bildern in sozialen Medien. Es geht dabei nicht nur um vorbeugende Maßnahmen gegen Gewalt, hört man von Szenebeobachtern. Die russische Regierung hatte 2013 in Kiew genau beobachtet, wie sich Ultras und Hooligans gegen prorussische Schläger auf dem Majdan verbündeten. Seither wird die unberechenbare Dynamik des Massenphänomens Fußball noch genauer beobachtet.

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