Seit 20:03 Uhr Konzert
Freitag, 18.06.2021
 
Seit 20:03 Uhr Konzert

Interview / Archiv | Beitrag vom 02.10.2018

Rechtsextremismus in SachsenWie weit geht die Vernetzung rechter Gruppen?

Hans Vorländer im Gespräch mit Ute Welty

Das Bild zeigt am unteren Rand schwarzgekleidete Polizisten in Kampfmontur mit Helm. Hinter ihnen eine große Menge rechtsgerichteter Demonstranten, viele rufen etwas und halten die geballten Fäuste nach oben. Man sieht viele hassverzerrte Gesichter unter ihnen. ( Jan Woitas / dpa)
27.08.2018, Sachsen, Chemnitz: Polizisten stehen in der Innenstadt am Karl-Marx-Monument bei einer Kundgebung der rechten Szene, um ein Aufeinanderprallen von rechten und linken Gruppen zu verhindern. ( Jan Woitas / dpa)

In Chemnitz und andernorts in Ostdeutschland habe eine starke Vernetzung rechtsextremer und gewaltbereiter Gruppen stattgefunden, warnt der Dresdener Politikwissenschaftler Hans Vorländer. Auch Pegida habe ihren Teil dazu beigetragen.

Droht in Ostdeutschland die Etablierung einer überregionalen rechtsextremen, rechtsterroristischen Szene? Jedenfalls sehen viele die Verhaftung mutmaßlicher Rechtsterroristen der Gruppe Revolution Chemnitz am gestrigen Montag diesbezüglich als Alarmsignal.

"Hier gibt es in der Tat Befürchtungen, dass diese wie vielleicht auch andere noch nicht entdeckte Gruppierungen so etwas wie Terror von rechts in Deutschland ausüben möchten", sagte der Politikwissenschaftler Hans Vorländer (TU Dresden) im Deutschlandfunk Kultur.

So habe in Chemnitz und auch andernorts eine starke Vernetzung zwischen rechtsextremistischen und gewaltbereiten Gruppen stattgefunden. Diese rekrutierten sich aus ehemaligen Skinhead-Organisationen, aus Hooligans und Kampfsportlern.

"Gruppe Freital" eher ad hoc gebildet

Unklar sei derzeit allerdings noch, ob es auch organisatorische Verbindungen zur sogenannten "Gruppe Freital" gegeben habe. Deren Mitglieder waren bereits im März vom Oberlandesgericht Dresden wegen Anschlägen auf Flüchtlingsunterkünfte und politische Gegner zu langen Haftstrafen verurteilt worden. Vorländer vermutet, dass es sich aber um eine "ad hoc gebildete Gruppierung eben von Menschen und jungen Männern" handele. "In Freital war es eben so, dass es Bekannte waren, die aufgrund der Flüchtlingssituation glaubten, jetzt losschlagen zu müssen."

Der geschäftsführende Direktor des Instituts für Politikwissenschaft an der Technischen Universität Dresden, Hans Vorländer, stellt am 20.01.2016 in der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung (SLpB) in Dresden (Sachsen) das neue Buch "PEGIDA - Entwicklung, Zusammensetzung und Deutung einer Empörungsbewegung" vor. (picture alliance / dpa / Arno Burgi)Konstatiert eine Vernetzung rechtsextremer Gruppen: der Dresdener Politikwissenschaftler Hans Vorländer. (picture alliance / dpa / Arno Burgi)

Pegida sieht der Dresdener Politikwissenschaftler offenbar nicht als Teil dieser rechtsextremen Szene: dort seien zwar auch Rechtsextremisten mitgelaufen, aber zumindest anfangs sei Pegida nicht von rechtsextremistischen Gruppen dominiert worden. "Sondern es waren in der Tat viele Bürger, die dort unterwegs waren. Es war eine sehr heterogen, erratische zusammengesetzte Gruppe von Organisationen."

Pegida hat die Grenzen verwischt

Allerdings habe Pegida zu denen gehört, die durch Verrohung auf der Straße und eine entsprechende Rhetorik "die Grenzen zwischen legitimem, auch harten Protest auf der Straße und gewaltbereiten Aktionen" eingerissen hätten. "Da sind die Übergänge fließend geworden", so Vorländer. Man merke, dass einzelne Pegida-Vertreter, AfD, rechtsextreme Gruppierungen wie "Pro Chemnitz", Kampfsportler und Hooligans sich auf einmal zusammentäten.

"Und anscheinend halten diese Gruppierungen, wie jetzt eben auch in Chemmnitz, die Zeit für gekommen, öffentlich auftreten zu können, und – wie sie selbst glauben – eine Revolution sozusagen von rechts herbeiführen zu können", warnt der Politikwissenschaftler. "Da ist sozusagen im Augenblick eine Grenze überschritten und da muss man natürlich höllisch aufpassen, dass sich daraus nicht weitere Verschärfungen auf dem rechten Sektor ergeben oder eben auch es vermehrt dann zu terroristischen Anschlägen von rechts kommt."

(uko)

Mehr zum Thema

Ostdeutschland - Das lange Ringen um Anerkennung
(Deutschlandfunk Kultur, Politisches Feuilleton, 02.10.2018)

Rechtsterrorismus - Der Generalbundesanwalt greift durch
(Deutschlandfunk, Kommentare und Themen der Woche, 01.10.2018)

Gruppe "Revolution Chemnitz" - Anschlag für den 3. Oktober geplant
(Deutschlandfunk, Informationen am Abend, 01.10.2018)

App: Dlf Audiothek

Die neue Dlf Audiothek App ist ab sofort in den Appstores von Apple und Google zum kostenlosen Download erhältlich (Deutschlandradio)

Entdecken Sie mit der Dlf Audiothek die Vielfalt unserer drei Programme, abonnieren Sie Ihre Lieblingssendungen, wählen Sie aus Themenkanälen und machen daraus Ihr eigenes Radioprogramm.


Jetzt kostenlos herunterladen

Interview

Schule und CoronaNoch nicht fit für den Herbst
Unterrichtsszene: In einem Klassenzimmer sieht man zwei Kinder von hinten. Sie sitzen jeweils einzeln an einer Bank und blicken nach vorne zur Tafel, neben der ihre Lehrerin steht. (picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild | Patrick Pleu)

Im Herbst könnten die Infektionszahlen wieder steigen. Heinz-Peter Meidinger vom Deutschen Lehrerverband mahnt, die Schulen bis dahin mit Luftfilteranlagen und schnellem Internet auszustatten: Distanzunterricht könnte wieder notwendig werden.Mehr

Werner HaftmannDer SA-Mann, der die documenta miterfand
Verleihung des Lessing-Preises an Werner Haftmann in Hamburg 1962. (imago / Zuma / Keystone)

Eine Schau im Deutschen Historischen Museum zeigt, wie stark die ersten Ausgaben der documenta von einem Kriegsverbrecher beeinflusst wurden. Das habe auch dazu geführt, dass Werke von Nazi-Opfern nicht gezeigt worden seien, sagt Co-Kuratorin Julia Voss.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur