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Länderreport | Beitrag vom 07.03.2019

Rechtsextremismus in Cottbus"Eine der bestorganisierten Neonazi-Szenen im Osten"

Von Vanja Budde und Sylvia Belka-Lorenz

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Eine Menschenmenge auf einer Anti-Asyl-Demonstration im Oktober 2018 in Cottbus.  (imago/Rainer Weisflog)
Cottbus gilt als Hochburg des Rechtsextremismus. (imago/Rainer Weisflog)

Cottbus ist ein Hotspot des Rechtsextremismus – vor allem im Fußball. Der Verfassungsschutz warnt, die Szene sei in der Region besonders stark und gut vernetzt. Doch es gibt auch Initiativen, die dagegen ankämpfen.

Kein Hitlergruß, kein faschistisches Gegröle, keine verbotenen Symbole oder Fahnen. In der Regel bleibt es im Stadion der Freundschaft friedlich, wenn die Spieler des FC Energie Cottbus gegen ihre Drittliga-Konkurrenz antreten. Nur dem Eingeweihten erschließt sich, was sich hinter dem großen Transparent auf der Nordtribüne verbirgt, in der Kurve, auf der die Hardcore-Fans sich versammeln: "Betriebssportgemeinschaft Energie Cottbus seit 1966".

Klingt brav und bieder, doch nach Recherchen des RBB soll die riesige Zaunfahne "eine eindrucksvolle Machtdemonstration der angeblich aufgelösten rechtsextremistischen Ultra-Gruppierung Inferno Cottbus 1999" sein.

Hooligan-Forscher und Politik-Berater Robert Claus bestätigt das: "Inferno Cottbus hat sich offiziell aufgelöst im Sommer 2017, de facto ist diese Auflösung Unfug. Das ist seinerzeit einfach geschehen, um einer Strafverfolgung zuvorzukommen, die Gruppe existiert weiter. Die Personen, die Netzwerke sind nicht weg und die Gruppe ist aktiv wie eh und je und dominiert die Cottbuser Fanszene qua ihrer Gewalt und rechten Gesinnung."

Rechtsextremes Problem nicht nur in Cottbus

"Wir haben ein Problem in Südbrandenburg. Nicht nur in Cottbus", darauf legt CDU-Oberbürgermeister Holger Kelch Wert. Ihm ist anzumerken, wie sehr es ihn geradezu persönlich kränkt, dass Cottbus mit rechten Umtrieben in Verbindung gebracht wird. Er lässt kaum eine Gelegenheit aus, sich gegen Rassismus und Gewalt auszusprechen. Seinen Kritikern genügt das aber nicht. Der Sprecher des Netzwerks Cottbus Nazifrei schildert die Situation:

"Cottbus ist die Stadt, die im Osten eine der bestorganisiertesten Neonaziszenen hat. Und das auszublenden halten wir für einen großen Fehler. Es ist kein Problem, wenn man Probleme hat, aber man sollte daran arbeiten." 

Holger Kelch von der CDU, Oberbürgermeister von Cottbus, spricht am 26. Februar 2019 auf einer Pressekonferenz nach einer gemeinsamen Sitzung der Brandenburger Kabinettsmitglieder und Vertreter der Stadt Cottbus.  (picture alliance/dpa/Foto: Patrick Pleul)Oberbürgermeister von Cottbus Holger Kelch (CDU) am 26.02.2019 auf einer Pressekonferenz. (picture alliance/dpa/Foto: Patrick Pleul)
Der Fußballverein Energie Cottbus suche seit ungefähr zwei Jahren nach Mitteln, um gegen die rechten Ultras vorzugehen. Das sagt Hooligan-Forscher Robert Claus. Auch aus der Fanszene heraus seien Initiativen entstanden:

"Da sind zum Beispiel die ‚Energie-Fans gegen Nazis‘ zu nennen, die angefangen haben als Facebook-Seite und dann auch versucht haben, ihr Transparent im Stadion aufzuhängen, was aber wiederum von Neonazis in der Kurve zweimal entwendet wurde. Das heißt, auch die stehen unter Druck, werden bedroht und können sich offensichtlich nicht frei äußern in der Fanszene."

Verfassungsschutz spricht von 170 Rechtsextremisten

Um die 7000 Zuschauer kommen zu den Spielen von "Energie Cottbus". Claus schätzt die Zahl der ehemaligen, immer noch aktiven "Inferno"-Anhänger auf etwa 70 Mann. Dazu kommt ihr Umfeld. Der Brandenburger Verfassungsschutz spricht von 170 Rechtsextremisten in Cottbus. Das Problem gehe aber über die Stadt und ihren Fußballverein weit hinaus, betont Sprecher Heiko Homburg:

"In Südbrandenburg, besonders im Raum der Lausitz, war der Rechtsextremismus in den letzten 30 Jahren immer stärker ausgeprägt als in anderen Regionen des Landes. Er hat also eine gewisse Geschichte aufzuweisen. Wenn wir dann genau reinschauen in dieser Region Lausitz, dann sehen wir etwa 400 Rechtsextremisten, die wir als Verfassungsschutz kennen, das ist dann auch die Stadt, aber eben auch die Landkreise drum herum. Davon sind etwa 80 Prozent gewaltorientiert."

Aufkleber an einem Glaskasten an der Fanbude am „Stadion der Freundschaft“ des FC Energie Cottbus. Der Einfluss von Rechtsextremen in der Fanszene sei groß, sagt Hooligan-Forscher Claus. Es gibt aber auch Fanclubs, die sich gegen Rechtsextremismus positionieren. * (picture alliance / dpa / Patrick Pleul)Aufkleber an einem Glaskasten an der Fanbude am „Stadion der Freundschaft“ des FC Energie Cottbus. Der Einfluss von Rechtsextremen in der Fanszene sei groß, sagt Hooligan-Forscher Claus. Es gibt aber auch Fanclubs, die sich gegen Rechtsextremismus positionieren. * (picture alliance / dpa / Patrick Pleul)

In Anbetracht der immer noch aktiven rechtsextremen Fans bei Energie Cottbus kamen vor einer Woche Verein, Verfassungsschutz und Stadtspitze zu einem Krisengespräch zusammen. Zum anschließenden Termin mit der Presse kam nicht Oberbürgermeister Kelch. Sein Ordnungsdezernent Thomas Bergner musste sich den Fragen der Journalisten stellen. So auch der, ob der Einfluss der rechtsradikalen Fußballfans auch in der Stadt zu spüren sei: 

"So richtig wahrnehmen kann man es nicht, nur wenn man sich aber auskennt in der Szene und handelnde Personen kennt, dann bekommt man mit, dass bestimmte Lokalitäten hier entsprechend auch fest in der Hand von diesem Klientel sind. Ich kann aber insofern nicht etwas berichten, was die Sicherheit stört momentan. Weil es kommt tatsächlich nicht zu irgendwelchen Auseinandersetzungen wie Schlägereien oder Zeigen von irgendwelchen Symbolen. Das findet nicht statt, so dass jemand, der in Cottbuser einfach nur als Bürger lebt, das, wenn er es nicht weiß, gar nicht so mitbekommt."

Vernetzung mit der lokalen Rocker- und der Kickboxer-Szene

Dabei haben die Rechtsextremisten und Neonazis weit über die Stadiongrenzen hinaus die Infrastruktur von Cottbus durchdrungen: Wachschutzdienste, Türsteher, Drogen. Sie sind eng mit der Rocker- und der Kickboxer-Szene vernetzt. Eine "toxische Mischung" nennt das der Verfassungsschutz. Stadtbekannte Hooligans tauchen regelmäßig auch bei fremdenfeindlichen Demonstrationen in Cottbus auf. Hat die Stadt das Problem mit den Rechtsextremisten zu lange ausgeblendet?

Ordnungsdezernent Thomas Bergner: "Ich glaube nicht, dass die die Stadt in den Krallen haben. Aber die haben eine Szene in den Krallen. Das kann eine Stadt nicht verhindern – wie soll sie das machen?"

Die rot-rote Landesregierung hat deshalb ihre Hilfe angeboten. Ab April soll in Cottbus ein neues 'Sicherheitszentrum' entstehen, eine gemeinsame Anlaufstelle von Ordnungsamt und Polizei, um das Sicherheitsgefühl der Bürger zu erhöhen. Innenministeriums-Sprecher Ingo Decker:

"Es geht darum, die Präsenz, auch die sichtbare Präsenz insbesondere in der Innenstadt zu verstärken. Wir machen das einmal seit dem letzten Jahr durch mehr Beamte, die Cottbusser Polizei hat Unterstützung durch Kräfte der Bereitschaftspolizei, das ist auch deutlich sichtbar, wahrnehmbar im Stadtbild, und hat eine allgemein beruhigende und erfreuliche Wirkung. Wir brauchen aber auch noch einen Anlaufpunkt. Das wird von 12 bis, ich glaube, 18 Uhr auch geöffnet sein jeden Tag und ist eben ein neues zusätzliches Angebot."

Rechtsextremisten haben Taktik geändert

Der Verfassungsschutz beobachtet jedoch, dass die Rechtsextremisten in der Region ihre Taktik längst geändert haben. Sie trügen ihre Gesinnung nicht mehr auf die Straße, mit Demonstrationen, über Propaganda und dergleichen, erklärt Sprecher Heiko Homburg.

"Was wir jetzt beobachten in der Lausitz, ist, dass man sich als Rechtsextremist selbst eher aus Öffentlichkeit rausnimmt. Da ist auch Inferno Cottbus ein schönes Beispiel für: Die erklären sich selbst für aufgelöst, ihre Propagandaexzesse der Vergangenheit kommen dann also erst mal vorübergehend nicht vor, aber irgendwo sind die Leute ja noch."

Manche in die Jahre gekommenen ehemaligen "Inferno"-Leute schließen sich den Rockerclubs an. Andere haben sich selbständig gemacht mit einschlägigen Interessen.

"Wie beispielsweise, dass da Kleiderlabels gegründet werden, dass es dort Versandhäuser gibt, die eigene CDs, also rechtsextremistische Hassmusik produzieren. Diese Szene ist also dabei, sich verstärkt auch ökonomisch auszurichten und diese ganzen Einzelakteure, die eigentlich in unterschiedlichen Milieus unterwegs sind, die unterhalten große Kontakt- und Kennverhältnisse. Und das scheint sich immer mehr dort zu verfestigen."

Vom rechten Unternehmer ins städtische Leben?

Und wer sich als Rechtsextremist erst einmal unternehmerisch etabliert habe, der strebe erfahrungsgemäß alsbald auch nach Einfluss in anderen Bereichen des gesellschaftlichen und städtischen Lebens. So prognostiziert es der Verfassungsschutz.

"Also es bleibt nicht dabei, dass man sich da irgendwo in einer Subkultur einrichtet, Ladengeschäfte betreibt, Labels unterhält oder CD-Versandhäuser oder CD-Produktionen oder alles Mögliche. Dabei bleibt es nicht, sondern irgendwann versucht man eben auch in anderen Dingen vielleicht mitbestimmen zu wollen, Einfluss zu nehmen."

Für den Fußballverein "Energie Cottbus" geht es akut darum, den Einfluss der rechten Ultras zurückzudrängen. Der Verwaltungsrats-Chef des FC, Matthias Auth, betont, dass sich der Verein seit Jahren klar gegen rechts bekenne, aber:

"Dass wir eine gewisse Verantwortung tragen, aber nicht für alles verantwortlich sind."

Protest gegen NPD-Aufmarsch in Cottbus. Demonstrationsteilnehmer tragen einen Banner mit der Aufschrift "Cottbus Nazifrei" vor sich her.   (dpa / picture alliance / Andreas Franke)Das Bündnis "Cottbus Nazifrei" kämpft gegen den Rechtsextremismus der Stadt an. (dpa / picture alliance / Andreas Franke)

Darum bemühe sich der Verein vor allem, die "normalen" Fußballfreunde zu stärken. Und die habe man sogar befragt, ob sie Angst hätten vor rechtsextremen Fangruppierungen. Mit dem Ergebnis, so Matthias Auth: 

"Dass es aus der Fan-Szene heraus da Bedrohungen gibt, in welcher Form auch immer, das können wir aus dem Feedback der Fans so nicht bestätigen."

Vielleicht haben sie zu wenige befragt? Oder die Falschen? Hooligan-Forscher Robert Claus kennt andere Berichte:

"Der normale Stadionbesucher kriegt davon wahrscheinlich wenig mit, das muss man auch sagen. Schwieriger wird es dann, wenn Sie Teil eines Fanclubs sind, der sagte: Wir wollen am Wochenende eine Fahne in die Kurve hängen, wo draufsteht ‚Energie-Fans gegen Rassismus‘. Dann ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass Sie bedroht werden, dass Sie auf Facebook beschimpft werden, dass, wenn Sie bekannt sind, auch mal in der Kneipe mal angesprochen werden, dass Ihnen Hausbesuche angedroht werden, dass Ihnen die Fahne am Wochenende gewalttätig entwendet wird, dass Sie dabei verprügelt werden. Solche Vorfälle gab es und darin besteht vielmehr die Gefahr."

Verein will jetzt auf Prävention setzen

Immerhin will der Verein nun mehr Hilfe von außen in Anspruch nehmen. Der Verfassungsschutz soll die Security des Vereins und deren Subunternehmen stärker überprüfen – wenn auch zunächst auf freiwilliger Basis. Und der FC Energie will sich um Jugendarbeit kümmern, in Schulen gehen, auf Prävention setzen. Im Kampf gegen Rechts brauche es unbedingt eine klare und langfristige Strategie, sagt Robert Claus.

"Und Prävention wirkt nicht in drei Wochen, Prävention wirkt auf vier, sieben, zehn Jahre. Und da stellen sich Fragen wie: Wo will denn der Verein mit seiner Fanszene in fünf bis sieben oder zehn Jahren stehen, welche Bildungsangebote macht der Verein an den positiven Teil seiner Fanszene, um den positiven Teil zu unterstützen, zu vernetzen und auch weiter zu sensibilisieren. Und welche Strategie hat der Verein, damit nachwachsende Generation an jugendlichen Fußballfans, insbesondere an jungen Männern, nicht in dieses Milieu reinwachsen? Nur so lässt sich dieses Problem auf die nächsten Jahre lösen."

Regelmäßig rechte Hooligans vor der Tür

Das Resümee vom Bündnis Cottbus Nazifrei ist ernüchternd. Ihr Stammquartier ist in Stadionnähe. Nach Spielen von Energie Cottbus gingen hier alle Rollläden herunter, sagt Sprecher Tobias, der uns seinen vollen Namen nicht nennen kann, aus Gründen des Selbstschutzes. Weil rechte Hooligans sich dann vor ihrem Haus versammelten. Nicht ab und zu. Regelmäßig. Eine Drohkulisse, vor der sie niemand schützen könne.

"Überspitzt könnte man sagen, das Verhältnis von Cottbus, von der Stadtspitze und dem Verein Energie Cottbus zur Naziszene, ist das Verhältnis, was VW zur Abgasaffäre hat und der Vatikan zum Kindesmissbrauch. Man hat es lange versucht tot zu schweigen und jetzt, wo es nicht mehr zu leugnen ist, versucht man PR-Maßnahmen zu machen. Aber wirklich konkretes Handeln, das wirklich gegen diese Strukturen vorgeht, auf die warten wir vergebens."


* Redaktioneller Hinweis: In der Bildunterschrift ist uns bei der Bezeichnung des Fußballvereins Energie Cottbus ein Fehler unterlaufen. 

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