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Echtzeit | Beitrag vom 14.07.2018

Rechtschreibung in den Sozialen MedienIch bin doch kein Bebi!

Von Martin Böttcher

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Ein neugeborenes Baby weint. (imago/ imagebroker )
Ja, was ist es denn? - Ein Bebi? (imago/ imagebroker )

Facebook, Instagram und Co. sind rechtschreibfreie Räume. Aussagen werden zu Abkürzungen wie "LOL" und "LEL" zusammengestaucht - und aus dem Baby wird das Bebi. Ja und? Sollte sich Schriftsprache nicht auch weiterentwickeln?

B-E-B-I. Bebi. Nur drei Menschen von vielen, die dieses Wort täglich benutzen. Vor allem geschrieben, beziehungsweise getippt. In ihren Instagramstories oder in Textnachrichten mit Freunden. Denn Bebi ist ein Trendwort. Das gibt es nicht erst seit gestern, wo es jedoch genau herkommt, können die drei User auch nicht so exakt sagen.

"Von der Freundin meines Bruders, in einem Vong-Post, ich weiß es nicht mehr genau, hab zu meinem Hund so gesagt, der war da ja noch ein Bebi."

Britta Schneider: "Irgendjemand muss die erste Person gewesen sein, die es benutzt hat. Und dann muss es halt einen Nerv treffen, dass Leute damit anfangen, sich damit zu identifizieren. So ist es bei allem Sprachwandel schon immer gewesen, dass es eine bestimmte soziale Konnotation bekommt und Leute anfangen, sich damit zu identifizieren."

Britta Schneider ist Sprachwissenschaftlerin und unterrichtet an der Freien Universität in Berlin. Sie selbst hat noch nicht vom "Bebi" mit "e"und "i" gehört, aber findet die Beliebtheit Wortes in der falschen Schreibweise alles andere als bedenklich. Und erst recht nicht dumm.

"Ich bin völlig überzeugt davon, dass Menschen es nicht machen, weil es einfacher ist, sondern weil sie sich damit sozial abgrenzen. Weil sie damit, mit dem Wort, eine soziale Message mittransportieren. Zum Beispiel Ironie, eine Witzigkeit. Und mit solchen Begrifflichkeiten schafft man gerade im Netz auch so kleine 'In-Groups' von Leuten, die das verstehen, die dann dazugehören!"

Identifikation, indem mit der orthographischen Norm gebrochen wird! Wer das falsche Bebi liest und sich darüber freut, anstatt den Kopf zu schütteln wegen hoher Ansprüche an die Rechtschreibung, der weiß Bescheid. Und wird eventuell bei der nächsten Gelegenheit das Baby Bebi schreiben und vielleicht sogar so sprechen. Denn bei diesem Wort geht es um mehr als nur um die soziale Bedeutung.

"Weil das Wort lustig aussieht"

Jakob: "Ich finde den Unterschied zwischen Baby und Bebi ganz krass. Weil Baby schon was Sexuelles hat."

Jakob Mandler, Student, sagt und schreibt deshalb Bebi, wenn er mit seinen engen Freunden kommuniziert. Der instagramaffine Journalist Florian Prokop benutzt es gern online, weil es was Liebevolles und Freundschaftliches hat. Aber auch: "Weil es als Wort lustig aussieht und man es dann gern übernimmt und weiterspinnt. Ich glaube, dass viel von Bebi auch über die Optik des Schriftbilds passiert. Und das auch gerne deswegen weitergeteilt wird."

Normen werden infrage gestellt

Der Siegeszug von Bebi also gleich Untergang der Rechtschreibung? Die Vermutung liegt nah, aber Sprachwissenschaftlerin Britta Schneider wiegelt ab:

"Ich kann mir vorstellen, dass es Auswirkungen hat auf die Fähigkeit von Leuten Rechtschreibung permanent zu benutzen, ich sehe es aber nicht als Gefahr. Es ist eine logische Konsequenz. Was das Interessante ist aus sprachwissenschaftlicher Sicht, das dort ja schriftlich kommuniziert wird in einer konzeptionell mündlichen Art und Weise."

Wendet man diesen Gedanken auf Bebi an, wurde die gesprochene Sprache einfach verschriftlicht, denn wer sagt schon Baby zu einem Neugeborenen oder niedlichem Tierkind?

Keine Frage der Intelligenz

Übrigens, Sprachwissenschaftlerin Schneider sieht die Veränderung in der Sprache durch das Internet als etwas Kreatives an und verbucht so eine Schreibweise wie die von Bebi eher als Gewinn in der Entwicklung der Sprache, weil es einen Bruch mit der Norm bedeutet.

Britta Schneider: "Die Norm vorher hat ja auch nur jemand mal erfunden, die ist ja nicht vom Himmel gefallen. Wir belegen diese traditionelle Orthographie mit so einer Autorität und assoziieren es mit Intelligenz, Bildungsbürgertum... Dass das so unmarkiert als das einzig Richtige gilt, ich glaube, das ist etwas, woran wir uns gewöhnen müssen, dass das infrage gestellt wird dadurch. Weil wir natürlich sehen, dass jemand der B-E-B-I schreibt nicht unbedingt saublöd ist."

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