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Länderreport | Beitrag vom 16.10.2019

Rechter TerrorTrauer und Wut in Halle

Von Christoph Richter

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Vor einem Döner-Imbiss, ein Ziel des Anschlags von Halle, wurden Kerzen und Blumen niedergelegt. (Christoph Richter / Deutschlandradio)
Der Döner-Imbiss ist zum Gedenkort geworden: Der 20-jährige Kevin wurde hier ermordet. (Christoph Richter / Deutschlandradio)

Vor einer Woche starben bei einem rechsterroristischen Anschlag in Halle zwei Menschen. Die Bürger der Stadt sind noch immer fassungslos, traurig und wütend über die Tat. Doch in der Kritik steht auch die Polizei.

Eine Woche nach dem rechtsextremistischen Terroranschlag sind in Halle alle Geschäfte geöffnet, der Verkehr läuft so wie immer, alles ist wieder normal. Aber nur äußerlich. Mehr als deutlich wird das auf dem hallischen Marktplatz. Dort befindet sich in der Mitte des Platzes – zum Gedenken an die Opfer des Anschlags – ein Blumenmeer, es brennen Hunderte von Kerzen. Eine Art öffentlicher Traueraltar. Immer wieder kommen Menschen vorbei, halten inne, sind in sich gesunken, manche weinen.

"Seit dem Mittwoch, seit uns die Nachricht erreicht hatte, am Mittag, sind wir immer noch irgendwie unter Schock. Auf der anderen Seite ist es unheimlich bewegend zu sehen, wie die Hallenser darauf reagiert haben. In ihrer Solidarität mit der jüdischen Gemeinde. Es ist mir doch alles sehr nahe gegangen."

"Schwer zu verstehen, was geschehen ist"

Die Menschen sind noch immer fassungslos nach diesem brutalen Terroranschlag in ihrer Stadt. Völlig fremde Hallenserinnen und Hallenser kommen – um sich gegenseitig Trost zu spenden – miteinander ins Gespräch, haken sich ein. "Haben wir noch nicht verkraftet, alles noch nicht verkraftet. Schwer zu verstehen, was geschehen ist."

Immer wieder heißt es, was wäre passiert, wenn die Tür der Synagoge nicht gehalten hätte? Was wäre passiert, wenn der Täter, wie er es plante, in das jüdische Gotteshaus eingedrungen wäre, in der zu dem Zeitpunkt etwa 50 Gläubige waren? Unvorstellbar, sagt Ulrike Harnisch. Die Musikwissenschaftlerin wohnt im hallischen Paulus-Viertel, also in direkter Nachbarschaft zu Synagoge.

"Nee, das Leben geht nicht normal weiter. Ich bin sehr bestürzt und finde es sehr entsetzlich. Die Gedanken müssen sich immer noch ordnen." Und: Man müsse achtsamer sein, im Umgang miteinander. "Ich denke, es sind Sachen salonfähig geworden. Auch der Ton: Man brüllt sich einfach so gegenseitig an, man hört sich nicht zu. Ich denke auch, dass Dinge salonfähig geworden sind, gegen die man einschreiten müsste. Aber wahrscheinlich sind solche Grenzziehungen sehr schwierig. Ich glaube schon, dass es ungut ist, wie die Diskussionen so laufen."

Einschusslöcher in der Tür der Synagoge in Halle. (Christoph Richter / Deutschlandradio)Die Tür der Synagoge hielt den Schüssen stand – und verhinderte Schlimmeres. (Christoph Richter / Deutschlandradio)

Die Einschusslöcher an der Synagoge in der hallischen Humboldstraße sind immer noch zu sehen, auch der Blutfleck auf dem Bürgersteig. Die Stelle, an der die 40-jährige Jana S., das erste Todesopfer, rücklings erschossen wurde. Davor liegen Blumen, an einem Zaun hängt eine Fahne mit dem Davidstern. Auch sieben Tage nach dem Terroranschlag kommen fortwährend Menschen hierher, legen Blumen ab oder zünden eine Kerze an. Ganze Schulklassen machen Stopp.

Ähnlich sieht es beim nahegelegenen Döner-Imbiss aus, wo der 20-Jährige Fußballfan Kevin ums Leben kam: "Naja, wir alle sind tief betroffen. Deswegen wollen wir still gedenken."

"Zu wenig Haltung gegenüber der AfD gezeigt"

In die Trauer mischt sich aber auch Wut. Wut über die verrohte Sprache, das Internet, das es Extremisten erlaube, unbeobachtet Gewaltfantasien gegenüber Andersdenkenden auszuleben, heißt es immer wieder. Andere sagen, dass man zu wenig Haltung gezeigt habe, insbesondere gegenüber der AfD. So zumindest erläutert es auch Lea Rosh, die Vorsitzende des Förderkreises "Denkmal für die ermordeten Juden Europas". Mit einem Aktionskünstler zusammen ist sie am Dienstag nach Halle gekommen, um auf die Zunahme rechter Gewalt aufmerksam zu machen.

"Herr Gauland hat gesagt, wir, die Deutschen, müssten den deutschen Wehrmachtssoldaten dankbar sein, was sie im Ersten und Zweiten Weltkrieg geleistet haben. Die haben zehntausende Juden, Zigeuner, Partisanen erschossen und haben diese Massaker gemacht. Und er sagt, das Dritte Reich ist ein Vogelschiss der Geschichte. Jemand, der das sagt, der wiegelt einfach auf zum Hass."

Dem widerspricht die AfD vehement. Der sachsen-anhaltische Landtagsabgeordnete Mario Lehmann sieht für die Bezichtigung der AfD als ,geistigen Brandstifter‘ überhaupt keine Anhaltspunkte. Und nennt die Rhetorik eine "Hetzkampagne".

Hat die Polizei Fehler gemacht?

Man brauche keine Kerzen, keine Mahnwachen, sagt der in Tel Aviv geborene Historiker und Publizist Michael Wolffsohn gegenüber dem MDR. Sein Plädoyer: "Versucht eine andere Gesellschaftspolitik, eine andere Sicherheitspolitik zu gestalten."

Denn für Kritik sorgt weiterhin der Polizeieinsatz. Laut einem Minutenprotokoll der hallischen Polizei hatten die alarmierten Streifenwagen fast 60 Minuten lang keinen Sichtkontakt zu dem Täter. Obwohl er am Hals angeschossen war, das Fluchtauto einen platten Reifen hatte. Von einer Polizeipanne könne jedoch keine Rede sein, unterstreichen der parteilose hallische Oberbürgermeister Bernd Wiegand, sowie Sachsen-Anhalts CDU-Innenminister Holger Stahlknecht. Und: Es sei unzutreffend, so Stahlknecht weiter, dass die Polizei den Bitten der jüdischen Gemeinde nach Schutzmaßnahmen nicht nachgekommen sei:

"Ich habe vorgelegte Unterlagen der Polizei, da stellt es sich anders da. Und wir haben aktuelle Berichte, die wir im Einzelnen hier nicht vortragen möchten, um die weiteren Gespräche nicht zu belasten."

Ausstellung über das jüdische Leben in Halle geplant

Festgenommen wurde der Täter am Ende von zwei Revierpolizisten aus der Kleinstadt Zeitz, und nicht von Spezialkräften, berichtete am Montag der SPD-Landtagsabgeordnete Rüdiger Erben nach der Sondersitzung des Innenausschuss.

Als erste Konsequenz nach dem rechtsextremischen Terroranschlag will man in Halle – neben politischen Maßnahmen – die Bildungsarbeit im Kampf gegen den Antisemitismus verstärken. Als erstes soll daher eine Dauerausstellung über das jüdische Leben in der Stadt eingerichtet werden, berichtet der hallische Oberbürgermeister Bernd Wiegand. Aber klar sei auch, ergänzt der Kommunalpolitiker noch, die Tat habe in der Stadt eine tiefe Wunde hinterlassen, die sich so schnell nicht heilen lasse.

"Die Stadtgesellschaft ist nach wie vor im Schock. Und sucht in vielen Veranstaltungen, die von Vereinen, von Kirchen angeboten werden, einen Halt. Das wird noch eine Weile anhalten."

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