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Thema / Archiv | Beitrag vom 15.08.2012

Rebellische Rollbrettfahrer

Der Film "This Ain´t California" erzählt von Skatern in der DDR

Von Bernd Sobolla

Drei Freunden finden in der Skater-Subkultur ihre individuelle Freiheit. (AP)
Drei Freunden finden in der Skater-Subkultur ihre individuelle Freiheit. (AP)

"Genug Beton gab es ja bei uns": Anfang der 80er-Jahre leben drei Jungs in einer Magdeburger Plattenbausiedlung, fahren Skateboard - und leisten so subversiv Widerstand. Ihre faszinierende Geschichte erzählt Regisseur Marten Persiel in diesem Dokumentarfilm.

"Okay, skateboarden und DDR klingt für die meisten Leute irgendwie abwegig. Ist aber so gar nicht eigentlich. Auf so was wie skaten kommen Kinder ganz alleine. Genug Beton gab es ja bei uns. Gib doch mal einem Kind irgendwas, was rollt, und schubs es in so eine Betonwelt und das wird genau auf die gleiche Idee kommen. Mit Amerika hat das nichts zu tun."

Anfang der Achtzigerjahre leben drei Jungs in einer Plattenbausiedlung in Magdeburger. Jeden Tag treffen sie sich in einem betonierten Hof und vertreiben sich die Zeit auf selbstgebauten Rollbrettern.

Der Film handelt von ihrer Freundschaft und davon, wie sie sich ihre eigene kleine Welt auf Rädern aufbauen, die so gar nicht in das System der DDR passt. Er erzählt, wie sie später nach Berlin kommen, Teil der dortigen Skater-Szene werden und sich kurz nach dem Mauerfall aus den Augen verlieren. Das Ganze wird aus heutiger Perspektive geschildert.

Denn Dennis Paracek, einer der Protagonisten, der wegen seiner rebellischen Ader "Panik" genannt wird, geht später zur Bundeswehr und wird 2011 in Afghanistan erschossen. Sein Tod führt die alten Weggefährten wieder zusammen. Und ihre Erinnerungen montiert Regisseur Marten Persiel zur Geschichte einer Subkultur, die man kaum in der DDR vermutet hätte. Wobei er sich entschloss, einen poetischen Dokumentarfilm zu machen.

Marten Persiel: "Ich finde Film, das ist so wie bei Musik, da kommst du ohne Poesie eigentlich nicht besonders weit. Denn sonst wird es sehr technisch. Wir haben halt versucht, einen Film zu machen, der sowohl dokumentarisch als auch poetisch ist. Und wir nennen diese Form eine dokumentarische Erzählung. Das heißt: Es ist ein Dokumentarfilm in allererster Linie. Aber es hat die Unterströmung, dass es poetisch sein soll, dass es erzählerisch sein soll."

Poetisch heißt aber auch, dass die Biografien nicht so existieren, wie sie dargestellt werden. Nach Auskunft der Bundeswehr gab es keinen Dennis Paracek, der in Afghanistan gefallen ist. Zudem wurde viel 8mm-Filmmaterial nachgedreht und in Videoclipästhetik montiert. Und wahrscheinlich sind auch die Gespräche am Lagerfeuer inszeniert. Dennoch wehrt sich der Produzent Ronald Vietz dagegen, von fiktiven Biografien zu sprechen.

Ronald Vietz: "Fiktion wäre ja sozusagen erfunden, und wir haben keine Geschichten erfunden. Wir haben unsere ganzen Recherchen sozusagen genutzt, diesen Dokumentarfilm zusammenzustellen. Wie wir das zusammengestellt haben, das ist letztendlich was Neues und eine ganz erzählerische Form. Deswegen auch dokumentarische Erzählung. Also diese Biografien, die man da sieht, die gibt es. Die gibt es nur halt, ja, nur vielleicht ein bisschen anders aufgestellt."


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