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Buchkritik | Beitrag vom 13.06.2020

Rebecca Makkai: "Die Optimisten"Misstrauen und Scham vergiften die Atmosphäre

Von Ursula März

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Das Cover zeigt die naiv anmutende Zeichnung einer freundlich blickenden Person mit grünem Schal. (Eisele Verlag/Deutschlandradio)
Rebecca Makkais Buch ist das bedeutsame, solide recherchierte Dokument einer Gesellschaft, die eine Virusepidemie als Symptom einer Subkultur geißelt. (Eisele Verlag/Deutschlandradio)

"Die Optimisten" erzählt davon, wie die HIV-Epidemie in den 1980er-Jahren das Leben in Chicago veränderte. Man kann kaum anders, als Rebecca Makkais Roman mit Blick auf die Coronakrise zu lesen.

Ein Virus greift um sich. Mit diesem Satz lässt sich Rebecca Makkais 600 Seiten umfassender Roman "Die Optimisten" zusammenfassen. Das amerikanische Original erschien vor zwei Jahren. Nun kommt die deutsche Übersetzung auf den Markt, zu einem Zeitpunkt, der es unmöglich macht, das Buch nicht mit dem Blick auf die gegenwärtige globale Coronakrise zu lesen.

Die "Die Optimisten" erzählt von HIV, von jener Virusinfektion, die bei ihrem Ausbruch in den frühen 80er-Jahren noch als "Schwulenkrankheit" bezeichnet wurde. Der Roman beginnt 1985 im Chicagoer Stadtteil Lakeview. Im Haus eines prominenten Fotografen findet die Trauerfeier für Nico statt, ein Opfer von Aids, wie fast alle des Figurenensembles, das die 1978 geborene Schriftstellerin Rebbeca Makkai auftreten lässt.

Bei Seitensprung infiziert 

Im Zentrum der geduldig und nach dem Regelwerk des amerikanischen Storytellings entfalteten Handlung stehen drei Personen: Charlie, der Herausgeber eines Trendmagazins, sein Lebensgefährte Yale, der für eine Kunstgalerie arbeitet, und Fiona, die Schwester von Nico. Deren Geschichte wird auf der zweiten Zeitebene im Jahr 2015 und in Paris erzählt. Über seine gesamte Länge blendet der Roman zwischen 1985 und 2015 hin und her. Dass diese Dramaturgie nicht monoton wirkt, ist der Brisanz des Stoffes und dem tragischen Gewicht der Lebensschicksale zu verdanken.

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Das "Ungeheuer", wie das tödliche Aids-Virus einmal genannt wird, verleibt sich nicht nur ganze Freundes- und Bekanntenkreise ein. Es dringt auch in den Kern von Liebesbeziehungen vor, macht aus Paaren Spione ihres Sexuallebens. Ausgerechnet Charlie, ein kämpferischer Aktivist für safer sex, verheimlicht Yale, dass er sich bei einem Seitensprung infiziert hat. Die gesellschaftliche Diskriminierung, ja grausame Ausgrenzung der Infizierten spiegelt sich in einer von Schuld, Misstrauen und Scham vergifteten Atmosphäre zwischen den Infektionsverdächtigen.

Solide recherchiertes Dokument

Ebenso ergreifend erzählt der Roman allerdings auch von der Fürsorge des homosexuellen Milieus, von Pflege- und Krankenprojekten, die in den 80er- und 90er-Jahren entstanden und das Versagen der staatlichen Gesundheitspolitik kompensierten. Fiona, die jüngere Schwester Nicos, stellt ihr Leben so vollständig in den Dienst der Todgeweihten, dass ihr die Sorge um die eigene Tochter Claire entgleitet. Nach Jahrzehnten ohne Kontakt, in denen Claire in einer dogmatischen Sekte untergetaucht ist, sucht Fiona ihre Tochter 2015 in Paris und wird dort Zeugin der islamistischen Terroranschläge.

"Die Optimisten" versammelt eine geballte Ladung historischen und politischen Stoffs, versagt sich aber Sentimentalität und pathetische Leidenseffekte. Literarisch verkörpert das Buch den Typus des spannungsreichen, zugänglichen und dialogstarken Gesellschaftsromans amerikanischer Handschrift. Thematisch ist er das bedeutsame, solide recherchierte Dokument einer Gesellschaft, die eine Virusepidemie als Symptom einer Subkultur geißelt.

Rebecca Makkai: "Die Optimisten"
Aus dem amerikanischen Englisch von Bettina Abarbanell
Eisele Verlag, München 2020
620 Seiten, 24 Euro

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