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Echtzeit | Beitrag vom 10.06.2017

"Real sein" in der Hip-Hop-KulturEine Frage der Perspektive

Von Martin Böttcher

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Iggy Azalea (dpa / picture alliance / Ashley Landis)
Bezeichnet sich selbst als "the realest": Die australisch-amerikanische Rapperin Iggy Azalea (dpa / picture alliance / Ashley Landis)

"Realness" ist im Hip-Hop ein wichtiges Konzept, jeder Rapper ist "more real" als der nächste. Aber was ist "Realness" überhaupt? Und warum ist sie so wichtig?

Real. More real. The realest! Iggy Azalea redet nicht groß um den heißen Brei herum in ihrem Hit "Fancy" – sie ist, wie sie darin gleich zu Anfang feststellt, natürlich "the realest". Und der Rest der Welt wundert sich: eine weiße Rapperin aus einem australischen Kaff, die vor der Hip-Hop-Karriere als Putzfrau unterwegs war? Sieht sie wirklich so aus, die "Realness"?

Maxwell Smart: "Realness im Hip-Hop heißt für mich, dass es authentisch ist, dass es ehrlich ist. Also wenn sich jetzt jemand eine Maske aufsetzt, dann ist das natürlich nicht real, sondern eher eine Fiktion. Realness heißt einfach, dass man real ist und etwas von sich erzählt. Wenn man jetzt zum Beispiel den ganzen Tag kifft und in der Ecke sitzt und Scheiße baut, dann können auch die Lyrics dementsprechend sein."

Realness, offenbar eine Frage der Perspektive. Maxwell Smart rappt seit über 20 Jahren. Worüber? Über alles, was ihm in den Weg kommt. Der Berliner ist "real".

Ein schwammiger Begriff

"Real gleich authentisch" – so einfach ist es dann aber doch nicht. Denn dann gäbe es diesen ganzen Wettstreit um Realness in der Hip-Hop-Welt nicht. Realness ist ein schwammiger Begriff, irgendwie verbunden mit Wörtern wie "wahr", "real", "wahrhaftig", aber nicht deckungsgleich.

"Rap ist das CNN der Schwarzen", dieser Satz wird Chuck D von Public Enemy zugeschrieben. Der Rapper als Nachrichtenkanal, als Überbringer der Fakten für eine Minderheit, die sonst nicht erfährt, was wichtig für sie sein könnte. Nur: Chuck D hat das mit CNN wohl gar nicht gesagt. Er meinte: Rap ist der Fernsehkanal, den die Schwarzen nie hatten. Und ein Fernsehkanal, wir wissen es alle, ist mehr als nur Nachrichten. Ein Fernsehkanal ist halb journalistisch, halb unterhaltend. Und "real" sein kann aus dieser Perspektive dann eben auch heißen: ein Entertainer sein, der so tut, als ob – und damit sein Publikum überzeugt.

Komplizierte Kiste, dieses Realness-Ding. In Berlin hat sich gerade eine neue Partei gegründet. "Die Urbane. Eine Hip-Hop-Partei" nennt sie sich, sie will zur Bundestagswahl antreten. Vielleicht weiß man hier mehr. Nachfrage bei der Vorstandsvorsitzenden Niki Drakos.

"Eine Hip-Hop-Partei bedeutet nicht, dass wir die Antwort haben, was 'real' ist, sondern wir müssen dem gerecht werden."

"Die Urbane", kurz "du", hat ein 30-seitiges Parteiprogramm verabschiedet. Etwas verkürzt gesagt geht es den Gründern darum, die Werte, die sie selbst aus dem Hip-Hop mitgenommen haben, in Politik und Gesellschaft zu bringen. Ob "Die Urbane" und ihre Mitglieder im Politikbetrieb selbst "real" bleiben können? Beziehungsweise wer kann die "Realness" denn nun glaubwürdig für sich beanspruchen?

Freshness? Noch so ein Begriff!

Niki Drakos: "Schon lange lange gibt es Debatten, die innerhalb der schwarzen Community zum Beispiel stattfinden, die Hip-Hop verhandeln. Was ist real, was ist nicht real, nee? Oder KRS-One: I represent the real hip hop. Aber das sind Verhandlungen, die innerhalb dieser Community stattfinden."

Ist es wichtig, dass ein Rapper nur über Dinge rappt, die einen bestimmten Bezug zur Realität aufweisen? Hört man also, wie der Rapper Maeckes mal formulierte, lieber einem echten Zuhälter zu, der nicht rappen kann, oder einem, der sehr gut rappen kann, aber kein echter Zuhälter ist?

Maeckes Fazit: Der bessere Rapper schlägt den authentischeren. Im Rap gelte immer einzig und allein das Gesetz der Freshness! Freshness. Noch so ein Begriff. Und eine ganz andere Geschichte. Wir lassen uns zum Schluss lieber noch erzählen, was sich die Welt von der Realness eines Rappers wie Maxwell Smart abgucken kann.

"Und das ist ja auch eine Art Selbstreinigung. Wenn man beim Psychiater auf dem Sofa sitzt und von sich erzählt ist das im Prinzip genau das Gleiche als wenn man ans Mikrofon geht und von sich was aus seinem Leben erzählt. Deswegen ist die Realness im Hip-Hop auch immer die Möglichkeit, Antworten für die Fragen des Lebens zu finden."

Mehr zum Thema

Hip-Hop-Partei "Die Urbane" - Neuer Sound in der Parteienlandschaft
(Deutschlandfunk, Corso, 22.05.2017)

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