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Studio 9 | Beitrag vom 10.10.2015

Reaktion in WeissrusslandVerhaltene Freude über Literaturnobelpreis

Von Sabine Adler

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Die Autorin und Literaturnobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch vor einer Pressekonferenz in Minsk. (picture alliance / dpa / Viktor Drachev)
Die Autorin und Literaturnobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch vor einer Pressekonferenz in Minsk. (picture alliance / dpa / Viktor Drachev)

Swetlana Alexijewitsch schreibt auf Russisch, kritisiert den Präsidenten Lukaschenko und vermeidet heldenhafte Geschichten über den Krieg. Sind das die Gründe dafür, dass ihr Literaturnobelpreis in Weißrussland so wenig Freude auslöst?

Wenn sich die Weißrussen über den Literaturnobelpreis von Swetlana Alexijewitsch freuen, dann offenbar sehr zurückhaltend. An der Ladentür eines Buchgeschäfts im Stadtzentrum der Hauptstadt klebt ein A-4-Zettel. Was aussieht wie eine amtliche Mitteilung, ist ein Bekenntnis:

Swetlana Alexijewitsch hat den Nobelpreis bekommen. Kein Foto, keine Gratulation. Im Laden weist nichts auf die große Ehrung der weißrussischen Autorin hin, kein Büchertisch, kein Plakat. Der Verkäuferin ist es sichtlich unangenehm, darauf angesprochen zu werden. Sie schickt einen Kunden an die nächste Kasse, geht voran hinter ein Regal, wo ein einziges Buch der Geehrten steht, die Händlerin spricht leise, niemand soll unser Gespräch niemand mithören.

"Ich freue mich für sie"

"Die Leute fragen natürlich sie kommen oder rufen an. Auf die Frage, ob sie Bücher von Swetlana Alexijewitsch kennt, sagt sie ein wenig hölzern: "Etwas hat man natürlich gelesen, aber man muss sich weiter mit dieser Autorin befassen." Einen Boom hat der Preis nicht ausgelöst, aber so beteuert sie, die Nachfrage sei eindeutig gestiegen und das sei auf jeden Fall sehr gut."

Der einzige Hinweis auf die weißrussische Literaturnobelpreisträgerin in einem Buchladen in Minsk. (Deutschlandradio/Sabine Adler)Der einzige Hinweis auf die weißrussische Literaturnobelpreisträgerin in einem Buchladen in Minsk. (Deutschlandradio/Sabine Adler)

Präsident Lukaschenko, der jedem Sportler bei Olympischen Spielen schon ein Glückwunschtelegramm schickt, sobald der nur im Ziel ist, reagierte erst auf den Preis, nachdem Petro Poroschenko, der ukrainische Präsident, gratuliert hat. Dann dauerte es nochmal 24 Stunden, bis er endlich etwas dazu sagte. Auf der Baustelle des neuen Atomkraftwerkes bei Gomel antwortete er auf eine Frage von Bürgern, wie er zu dem Nobel-Preis für Swetlana Alexijewitsch stehe.

"Ich freue mich für sie, denn sie ist ja eine weißrussische Bürgerin und das heißt ja, dass man in Weißrussland arbeiten, schreiben, seine Ansichten darlegen kann, ganz gleich welche Position man hat. Ich kenne ihre Werke, die Diskussionen darüber, zum Beispiel über das Buch 'Der Krieg hat kein weibliches Gesicht' oder die 'Zinkjungen'. Das hat alles seinen bestimmten Stil, die Dinge darzustellen, aber es ist Realität. Ich kann darin keine besondere Opposition erkennen. Sie ist keine Oppositionelle, denn sie ruft die Menschen nicht auf die Straße oder zum Aufstand auf. Und das schätze ich sehr."

Wirklich keine Oppositionelle?

Wenn Swetlana Alexijewitsch in den Augen des Präsidenten angeblich keine Oppositionelle ist, dann wird sie doch aber zumindest so behandelt. Ihre Bücher werden in Weißrussland nicht gedruckt, öffentliche Auftritte sind der Literaturnobelpreisträgerin seit Jahren verboten. Sie mischt sich dennoch ein, unterstützt bei der morgigen Präsidentschaftswahl die einzige Kandidatin, Tatjana Korotkewitsch, weil die aus der Opposition kommt. Und sie nimmt an Demonstrationen teil.

Eine Kundin, die das Gespräch im Buchladen bemerkt hat, bietet draußen auf der Straße ihre Erklärung an, warum die Menschen so verschämt auf die hohe Ehrung reagieren.

"Sie schreibt auf Russisch, das nehmen ihr unsere weißrussischen Autoren übel, weil sie damit die Anstrengungen, die Nationalsprache zu fördern, angeblich zunichtemacht. Den anderen gefallen ihre Themen nicht, für sie ist sie eine Vaterlandsverräterin. Beim Großen Vaterländischen Krieg, dem Zweiten Weltkrieg, stellt sie das Leid und die Tragödie der Menschen in den Mittelpunkt, nicht das Heldentum, wie das seit Sowjetzeiten und bis heute gepredigt wird. In den Zinkjungen schreibt sie über den Rauschgifthandel, für den die Särge mit den toten Soldaten des Afghanistankrieges missbraucht werden. Das alles ist immer heikel und unbequem. Die meisten freiheitlich denkenden Weißrussen sind aber sehr glücklich, sie freuen sich sehr über den Preis."

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