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Radiofeuilleton - Wissenschaft und Technik / Archiv | Beitrag vom 10.05.2014

RaumfahrtFür ein halbes Jahr ins All

Der Astronaut Alexander Gerst bereitet sich auf seine Reise zur ISS vor

Von Dirk Lorenzen

Die ISS-Besatzung Alexander Gerst, Maxim Surayev, Reid Wiseman (dpa / picture alliance / Roman Sokolov)
Astronaut Alexander Gerst (links) mit seinen Kollegen Maxim Surayev (Mitte) und Reid Wiseman (dpa / picture alliance / Roman Sokolov)

Ende Mai starten drei Menschen zur Raumstation ISS – nach sechs Jahren Pause ist mal wieder ein deutscher Astronaut dabei. Alexander Gerst hat sich akribisch auf diese Mission vorbereitet, hauptsächlich in Russland.

Das Kosmonautentrainingszentrum Juri Gagarin liegt weit vor den Toren Moskaus, mehr als 30 Kilometer östlich des Stadtzentrums. Ein weitläufiges Gelände voller Montagehallen, Wohnblocks und Bürogebäuden – gut abgeschirmt hinter Stacheldraht, Mauern und einem dichten Tannenwald. Sternenstädtchen wird dieser Wohn- und Arbeitskomplex der russischen Kosmonauten liebevoll genannt.

Herzstück der Anlage ist eine fast hundert Meter lange und 30 Meter breite Halle – in ihr stehen vier Soyuz-Raumkapseln. Durch die riesige Fensterfront fällt das erste Morgenlicht, als drei Männer in weißen Raumanzügen die Halle betreten – der deutsche Astronaut Alexander Gerst und seine beiden Kollegen schreiten, umringt von Hilfskräften und Ingenieuren, zur Kapsel ganz hinten in der Halle.

Alexander Gerst: "Was Sie hier sehen, ist ein Soyuz-Simulator hinter uns. In dem werden wir jetzt die nächsten Stunden verbringen und trainieren, wie man von der Raumstation abdockt und in die Erdatmosphäre wieder eintritt und landet."

Vor fünf Jahren hat die Europäische Weltraumorganisation ESA den gelernten Geophysiker für die neue sechsköpfige Astronautengruppe ausgewählt. Nun endlich steht er kurz vor seinem ersten Einsatz im Weltall, den er immer und immer wieder im Simulator durchspielt:

"Und natürlich wie immer werden jede Menge Sachen passieren, werden Fehler eingespielt werden, Druckabfall, Feuer und so etwas, auf die wir dann reagieren müssen. Das macht die Simulationen immer sehr interessant."

Himmelsstürmer im Sternenstädtchen

Auch wenn auf Erden die politische Lage zwischen Russland und den westlichen Staaten derzeit eher frostig ist, so kann das den Himmelstürmern im Sternenstädtchen nichts anhaben: Beim Raumfahrer-Trio aus Russland, Deutschland und den USA herrscht beste Stimmung.

Alexander Gerst: "Meine Crew hier: Mein Commander Maxim Surajew...

Surajew: "Ja, ja, das stimmt." [lacht]

Gerst: "... und mein Kollege von der NASA Reid Wiseman."

Wiseman: "Guten Morgen."

Gerst: "Wir werden jetzt unsere Anzüge darin anschließen an die Sauerstoffversorgung. Das dauert immer so zehn, 20 Minuten, bis man darin sitzt und sich fest geschnallt hat. Das ist eigentlich der schwierigste Job vom ganzen Tag. Dann geht es los."

Alexander Gerst und seine beiden Kollegen steigen die Stufen zum Raumschiff hoch und nehmen mühsam in der engen Kapsel Platz. In einem kleinen Raum direkt daneben befindet sich das fiktive Kontrollzentrum.

[Gemurmel auf Russisch und Englisch im Kontrollraum; Funkverkehr mit der Kapsel; "Max", "Alex", "Oh Max, I see." "Can you here me talking?", Gelächter, „...Mikrofon..."]

Ein Dutzend Steuerkonsolen sind im Halbrund angeordnet, auf den Monitoren blinken die wichtigsten Messwerte und auf den Flachbildschirmen an der Wand sind Kamerabilder aus dem Innern der Kapsel zu sehen. Per Funk sprechen die Trainer und Flugingenieure mit der Besatzung. Es folgen zwei Stunden höchster Konzentration. Denn was hier mehr wie ein Videospiel wirkt, soll im Zweifel das Leben retten – die drei in der Soyuz-Kapsel müssen jede erdenkliche Störung viele Male durchspielen, um bei einem echten Notfall intuitiv richtig zu reagieren. Schließlich schnallen die drei sich wieder los und krabbeln aus der Kapsel.

Alexander Gerst: "Wir haben heute ein Landung simuliert, quasi das Ablegen von der Raumstation bis hin zur Landung in Kasachstan. Dann haben wir acht verschiedene Fehlfunktion von Geräten gehabt, die wir bearbeiten mussten. Das Triebwerk hat sich früher abgeschaltet oder ein Druckabfall in bestimmten Bereichen vom Raumschiff, dann muss man eben die richtigen Prozeduren bearbeiten und schauen, dass man aus der Situation wieder heraus kommt. Dann passiert meist schon das nächste."

Die Aufgaben in der Kapsel sind klar verteilt. Kommandant Maxim Surajew sitzt in der Mitte und hat stets das letzte Wort. Er war Militärpilot, bevor er Kosmonaut wurde – ebenso wie Reid Wiseman, der links neben ihm sitzt und als Bordingenieur alle Flugsysteme überwacht. Rechts ist der Platz von Alexander Gerst – er kontrolliert vor allem die Lebenserhaltungssysteme in der Soyuz-Kapsel, also etwa, dass stets der richtige Druck und Sauerstoffgehalt vorherrschen. Wenn ein Raumschiff binnen weniger Stunden aus der 400 Kilometer hohen Umlaufbahn zurück zur Erde stürzt, kann viel schief gehen – daher sind die Trainingseinheiten im Sternenstädtchen so wichtig.

Alexander Gerst: "Wir haben uns heute ganz gut angestellt, wir haben alle Fehler bearbeitet und auch alles bemerkt, das ist das Allerwichtigste. Ich denke, dass sie heute mit uns zufrieden sind."

Keine Draufgänger oder Eigenbrötler

Das quälend lange Training hat Ende Mai ein Ende. Dann tauschen Alexander Gerst und seine Kollegen die Simulatoren aus dem Sternenstädtchen gegen die echte Kapsel am Weltraumbahnhof Baikonur. Wer als Astronaut aus Tausenden von Bewerbern ausgewählt wird, ist immer exzellent qualifiziert – kann klar denken, gerät nicht schnell Panik, hat viele technische Fähigkeiten und ist, ganz wichtig, kein Draufgänger oder Eigenbrötler, sondern ein guter Mannschaftsspieler. Dafür, erklärt Reid Wiseman, ist die Zeit außerhalb des Simulators besonders wichtig:

"Der echte Zusammenhalt entwickelt sich zum Beispiel bei den gemeinsamen Abendessen mit unseren Familien. Wir drei kennen die Eltern, die Frauen, die Kinder der Kollegen. Wir waren mal mit Alexander auf einem Schloss am Rhein, die zwei haben mich in den USA besucht und hier in Moskau sind wir oft bei Maxim zu Hause. Jetzt fliegen wirklich drei Freunde ins All."

In der Nacht zum 29. Mai soll sich der Traum erfüllen – und eine Soyuz-Rakete die Freunde vom Weltraumbahnhof Baikonur zur Internationalen Raumstation bringen.

Bis es so weit ist, stehen noch viele weitere Trainingseinheiten auf dem Programm. Mit dabei ist meist Alexanders Gersts ESA-Kollegin Samantha Cristoforetti. Die italienische Kampfjetpilotin hat an der TU München studiert und ist Back-up, also Ersatzperson. Sollte sich Alexander Gerst kurz vor dem Start den Fuß verstauchen oder krank werden, würde ihn Samantha Cristoforetti noch in letzter Minute ersetzen:

"Back-up-Start ist immer eine Möglichkeit, nach Baikonur zu gehen, ohne den Druck zu haben, dass man jetzt startet – außer natürlich, es passiert etwas Schlimmes in der letzten Sekunde. Aber damit rechnen wir natürlich nicht. In diesem Fall ist es natürlich besonders spannend, weil ein Kollege von mir dabei ist. Von meiner Gruppe, mit der ich seit 2009 bei der ESA bin als Astronautin. Mit Alex habe ich vor allem die ersten 15, 16 Monate in Köln am Europäischen Astronautenzentrum jeden Tag trainiert. Wir sind sehr gute Freunde. Ich freue mich unheimlich darauf."

Wir sind alle Astronauten

Alexander Gerst und seine beiden Kollegen werden auf der Raumstation auf drei weitere Personen treffen – zu sechst leben und arbeiten sie dann für ein halbes Jahr in den Modulen in der Umlaufbahn. Die ESA hat seine Mission offiziell "Blue dot" genannt, also blauer Punkt:

"Ich denke, eines der wichtigsten Dinge, die wir überhaupt im Weltraum tun können, ist, die Perspektive zurückzubringen, die wir da oben bekommen, weil die wirklich einzigartig ist. ... Wenn man ein kleines Kind ist, denkt man, die Erde ist unendlich, die Ressourcen sind unendlich. Das ändert sich, wenn am diesen Ort von außen sieht. Das haben mir die Kollegen gesagt, die da oben waren. Das ist wirklich nur eine Kugel aus Stein. Wen man das sieht, erschrickt man erst einmal. Wenn man sieht, wie dünn die Atmosphäre ist, erschrickt man. Und man sieht, wie verletzlich sie ist."

Deutschlands neuer Astronaut ist Geophysiker, hat sich früher mit Vulkanen in der Antarktis beschäftigt. Die Erde treibt ihn um – nun aber will er den Blick von außen auf sein Forschungsobjekt haben:

"Unsere Erde ist nichts anderes als ein kleiner blauer Punkt, der mit uns einmal im Jahr um die Sonne kreist. Wir sind alle Teil des Raumschiffs, wir sind letztlich alle Astronauten."

Mehr als einhundert Experimente stehen in den sechs Monaten auf dem Programm, um die Wissenschaft rund um den blauen Punkt voran zu bringen. Alexander Gerst wird viel Arbeitszeit in Europas Raumlabor Columbus verbringen. Bei den Versuchen geht es um das Pflanzenwachstum, um die Erforschung neuer Legierungen, das Verhalten von Flüssigkeiten, das Magnetfeld der Erde und unsere Sonne. Zudem ist Alexander Gerst selbst Forschungsobjekt – denn die Mediziner untersuchen genau, wie er auf die Schwerelosigkeit und den langen Aufenthalt im All reagiert. Der Physiker freut sich, nach fünf Jahren eher technischen Trainings bald wieder wissenschaftlich zu arbeiten:

"Es macht meinen Beruf noch besser, wenn ich sehe, dass die Leute da sind, für die ich das mache, für die ich diese Daten sammeln und die mir erklären, wenn wir jetzt die Daten kriegen von Deinem Immunsystem, von Deinem Blut, das Du abgibst, dann können wir das und das herausfinden – warum Salmonellen so virulent sind, da können wir vielleicht eine neue Impfung daraus machen, vielleicht sehr vielen Menschen auf der Erde helfen. Das ist für mich großartig. Das gibt mir Energie, um durch das ganze Training durchzugehen, auch wenn es manchmal hart ist, weil ich weiß, für was es ist – und dass es sehr nützlich ist für uns hier auf der Erde."

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