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Zeitfragen | Beitrag vom 18.02.2021

RaumfahrtDer alte Menschheitstraum vom Mars

Von Dirk Lorenzen

Ein Marsrover in einer hügeligen, rötlichen Landschaft. (imago / Science Photo Library / Mark Garlick)
Schon seit der Antike übt der Mars auf die Menschen geradezu magische Anziehungskraft aus. (imago / Science Photo Library / Mark Garlick)

Früher stellte man sich den Mars als eine Art Zwilling der Erde vor, bevölkert von kleinen grünen Männchen. Doch obwohl wir heute wissen, dass er eine tödliche eisige Wüste ist: Der Traum vom Leben auf dem Mars geht weiter.

"Meine Damen und Herren! Wir unterbrechen unsere laufende Sendung für eine aktuelle Durchsage vom Mount Jennings Observatorium in Chicago. Um zwanzig Minuten vor acht hat Professor Farrell dort mehrere Explosionen beobachtet. Glühendes Gas, das in regelmäßigen Abständen auf dem Planeten Mars explodiert. Wissenschaftliche Untersuchungen haben ergeben, dass es sich um Wasserstoffgas handelt, das sich mit enormer Geschwindigkeit auf die Erde zu bewegt. Professor Pierson von der Sternwarte Princeton bestätigt die Beobachtung Farrells und beschreibt das Phänomen wie, ich zitiere, ein blauer Flammenstrahl aus einer Kanone geschossen. Soweit unsere aktuelle Durchsage."

So beginnt die Invasion vom Mars – zumindest im legendären Hörspiel "Der Krieg der Welten" von Orson Welles nach der Novelle von H.G. Wells. Eine Reise zum Mars ist im Jahr 1938 noch reine Fantasterei. Doch vom Planeten mit dem fast blutroten Farbton geht schon immer eine magische Anziehung aus:

In der Antike gilt er als Kriegsgott, und wenn der Mars alle zwei Jahre der Erde besonders nahekommt und auffallend hell am Himmel strahlt, erscheint er vielen fast wie ein Menetekel. Im Fernrohr zeigt er weiße Polkappen und Flecken, die an Kontinente erinnern. Es gibt Jahreszeiten, genau wie auf der Erde, der Tag auf dem Mars dauert nur etwas mehr als 24 Stunden. Die Parallelen sind frappierend und regen die Fantasie an.

"Und hier bekomme ich noch eine Meldung aus Trenton, New Jersey. Darin heißt es, dass um 20.50 Uhr ein riesiger flammender Gegenstand, vermutlich ein Meteorit, auf eine Farm in der Nähe von Grovers Mill, New Jersey, gefallen ist. 34 Kilometer von Trenton entfernt."

Ein Mars-Hörspiel löst reale Ängste aus

Bei Orson Welles sind nur gut eine Stunde nach den Explosionen auf dem Mars die Eindringlinge vom roten Planeten da: Der vermeintliche Meteorit erweist sich als großer Metallzylinder, den schnell Schaulustige umringen. Bald öffnet sich eine Klappe – gebannt verfolgt vom fiktiven Radioreporter Carl Philipps.

"Moment. Da geht etwas vor. Eine geduckte Gestalt erhebt sich aus dem Krater. Ich erkenne jetzt einen schwachen Lichtstrahl und einen Spiegel. Was ist das? Eine Stichflamme springt aus dem Spiegel. Sie springt direkt auf die vorrückenden Männer zu. Sie hat sie voll getroffen. Mein Gott, sie gehen in Flammen auf. Jetzt hat das ganze Feld Feuer gefangen. Der Wald! Die Scheunen! Die Benzintanks der Autos!! Feuer breitet sich überall aus! Es kommt in diese Richtung, es kommt auf uns zu! Etwa 20 Meter weg von mir..."

Carl Philipps verbrennt – und die Marsianer meucheln munter weiter. Das Welles'sche Hörspiel sorgte am Abend des 30. Oktober 1938 nicht unbedingt für Panik, wie es manchmal heißt, aber für einiges Unbehagen beim Publikum des US-Senders CBS: Zu real erschien die dramatische Darstellung, zu selbstverständlich war die Idee von hoch entwickeltem Leben auf dem Mars.

Der US-amerikanische Schauspieler und Autor Orson Welles (oben links während der Übertragung) schockte am 30. Oktober 1938 die USA mit einem Hörspiel, in dem er die Eroberung der Welt durch Mars-Menschen vortäuschte.  (dpa / UPI)Der US-amerikanische Schauspieler und Autor Orson Welles (oben links während der Übertragung) schockte am 30. Oktober 1938 die USA mit einem Hörspiel, in dem er die Eroberung der Welt durch Mars-Menschen vortäuschte (dpa / UPI)
"Die große Frage ist natürlich die nach dem Leben auf dem Mars", sagt Tilman Spohn. Er ist einer der erfahrensten Marsforscher weltweit und hält Leben auf dem roten Planeten durchaus für möglich. Aber mit feuerspeienden Monstern hat es sicher nichts zu tun:

"Wenn wir nur über sehr primitives Leben reden, kann ich mir gut vorstellen, dass das vielleicht schon in der Frühzeit auf dem Mars entstanden ist und dass das dort möglicherweise noch ist. Ich würde schon sagen, dass man eine Mission, die gezielt nach Leben suchen würde, sehr gut motivieren kann. Es ist nichts, wo man von vornherein sagen würde, das ist Blödsinn."

Ein ungastlicher Planet

Tilman Spohn muss es wissen. Er war jahrzehntelang am Institut für Planetenforschung des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt, ist jetzt am Internationalen Institut für Weltraumforschung in Bern tätig und hat sich schon kurz nach seiner Doktorarbeit mit dem inneren Aufbau des Planeten beschäftigt. Beim Leben auf dem Mars geht es also nicht um die sprichwörtlichen kleinen grünen Männchen. Es geht allenfalls um kleine grüne Mikroben.

"Der Mars ist halt ein Wüstenplanet. Es ist kalt im Vergleich zur Erde, deutlich kälter", erklärt Spohn. "Also mit einer mittleren Temperatur von minus 60 Grad Celsius. Da gibt's auch warme Tage in der Nähe des Äquators. Da kann es auch mal angenehme 20 plus irgendetwas werden. Aber die mittlere Temperatur ist deutlich geringer als auf der Erde."

Zudem hat der Mars kein Magnetfeld und eine sehr dünne Atmosphäre. Die tödliche kosmische Strahlung gelangt ungehindert bis auf den Boden. Flüssiges Wasser würde auf der Oberfläche sofort verdunsten.

Heute schreckt uns nicht mehr mögliches Leben auf dem Mars: Der Mars selbst ist ziemlich schrecklich für das Leben. Allerdings ist er, wie das ganze Sonnensystem, rund viereinhalb Milliarden Jahre alt. Und war in seiner Jugend vielleicht nicht ganz so ungastlich wie heute.

"Das ist die Spekulation, dass es möglicherweise mal wärmer gewesen sein könnte und auch flüssiges Wasser auf dem Mars vorhanden gewesen sein könnte. Wenn, dann ist das relativ früh in der Entwicklung, also vor drei Milliarden, drei Milliarden plus Jahren gewesen. Da könnte das Klima wärmer gewesen sein, als es heute ist."

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Allerdings war der Mars auch damals schon auf der Bahn, auf der er heute um die Sonne zieht. Er ist deutlich weiter von der Sonne entfernt als die Erde und bekommt nur etwa ein Viertel unseres Sonnenlichts ab. Ein tropisches Paradies war der Mars sicher nie.

Was Menschen auf dem Mars wollen, ist klar. Oder zumindest, was Raumsonden machen sollen, die dort landen. Den Anfang machte Viking 1, die am 20. Juli 1976 zur automatischen Landung ansetzte – gebannt verfolgt vom Flugteam im Kontrollraum der US-Weltraumbehörde NASA.

"Touch-down, we have touch-down..." Als die erlösenden Funksignale von der Marsoberfläche kamen, kannte der Jubel keine Grenzen. Bald darauf wurden die ersten Bilder übertragen, erinnert sich Jahre später ein NASA-Mitarbeiter:

"Diesen Moment wird niemand aus dem Viking-Team je vergessen. Wir saßen da, starrten auf den Bildschirm und sahen, wie sich Zeile für Zeile das erste Foto von der Marsoberfläche aufbaute. Das war unbeschreiblich."

Kaum mehr als eine Sand- und Geröllwüste

Es war aber auch ziemlich ernüchternd: Zu sehen war eine Sand- und Geröllwüste – eine trockene, staubige Landschaft bis zum Horizont, übersät mit zahlreichen Gesteinsbrocken. Viking 1 war aus Sicherheitsgründen nicht in Kratern, auf Vulkanen oder in tiefen Tälern auf dem Mars gelandet. Auch die Schwestersonde Viking 2 setzte Wochen später in einer ähnlich öden Landschaft auf. Dass der Mars ein Wüstenplanet ist, war schon zuvor klar – und doch: Richard Young, damals Leiter für Planetare Biologie bei der NASA, hatte auf eine sensationelle Entdeckung gehofft.

"Wir suchen nach Leben auf dem Mars. Da wir keine Wissenschaftler dorthin schicken können, müssen wir das mit Robotern machen. Die Vikingkapseln werden automatisch Bodenproben auf Lebensspuren untersuchen. Natürlich suchen wir nicht nach Pferden, wir suchen vor allem nach mikrobiellem Leben."

Die Landesonde verfügte über einen Greifarm, der den Marssand in Behälter für die verschiedenen Experimente füllte. Bei einem dieser Versuche wurde das Material mit einer Nährlösung mit radioaktiv markiertem Kohlenstoff verrührt. Mikroorganismen im Marsboden müssten diese Nahrung aufnehmen – und schließlich radioaktive Gase ausscheiden. Tatsächlich setzte das Gebräu nach einiger Zeit strahlendes Gas frei. Konzipiert hatte dieses Experiment eine kleine Firma um den US-Forscher Gil Levin, erklärt Markus Landgraf, Experte für Planetenmissionen bei der Europäischen Weltraumorganisation ESA:

"Er sagt natürlich nach wie vor, dass Viking nach allen vor der Mission festgelegten Kriterien Leben nachgewiesen hat – und da hat er recht."

Die NASA in der Zwickmühle

Die NASA erlebte bei der Lebenssuche einen Albtraum. Ein Experiment signalisierte: Ja, es gibt Mikroben im Marsboden. Dagegen kam ein zweites Experiment von der renommierten Universität MIT zum gegenteiligen Ergebnis: Nein, es gibt keine organischen Moleküle im Marsboden. Die NASA steckte in der Zwickmühle. Schließlich entschied man sich für ein Nein, sicher auch, weil man der Elite-Uni mehr traute als einem kreativen Querdenker wie Gil Levin. Allerdings hat man Jahre später mit einem baugleichen MIT-Gaschromatographen in der Atacama-Wüste Chiles nach Leben gesucht. Das Gerät wies organisches Material nur in Proben nach, in denen es vor Bakterien wimmelte:

"Das zeigt eigentlich, dass es ein Empfindlichkeitsproblem bei den Viking-Messungen gab. Man hat damals in den Siebzigern aufgrund der Gaschromatographie gesagt, die Messungen dieses Experiments vom Gil Levin zeigen kein Leben. Jetzt müsste man den Schluss umkehre, aber man traut sich nicht zu sagen, dass wir tatsächlich Leben auf dem Mars gefunden haben. Ich denke auch, so weit kann man nicht gehen."

Bis heute halten viele Forscher das vermeintliche Lebenssignal für eine rein chemische Reaktion und nicht für eine biologische. Außerirdisches Leben hätte die Messung also nicht nachgewiesen. Interessant wäre, ob die NASA auch heute noch zum Nein neigen oder doch lieber die Sensation verkünden würde. In jedem Fall: Es war erst einmal nichts mit dem Leben auf dem Mars.

NASA-Mitarbeiter in weinroten Shirts jubeln und recken die Hände in die Höhe.  (imago images / ZUMA Press / Bill Ingalls)Freude bei den NASA-Mitarbeitern nach der erfolgreichen Ankunft des Mars-Landers "InSight". Insgesamt scheiterten jedoch mehr als die Hälfte der 40 bisherigen Mars-Missionen. (imago images / ZUMA Press / Bill Ingalls)
"Aber da bewegt sich etwas am oberen Ende des Zylinders. Etwas Metallisches, etwas Ähnliches wie ein Schild erhebt sich aus dem Zylinder. (…) Es steigt höher und höher. Es steht auf Beinen, eine Art Metallgerüst. Jetzt ragt es über die Bäume. Die Scheinwerfer sind darauf gerichtet! Bleiben Sie auf Empfang!"

Während bei Orson Welles die Marsianer keine Probleme mit ihrer Technik auf der Erde haben, gilt das umgekehrt nicht. Mars ist als Friedhof der Raumsonden verschrien. Reihenweise haben sie ihr Ziel verfehlt, sind verschollen oder in den roten Sand gestürzt. Von über 40 Missionen ist mehr als die Hälfte gescheitert.

"Zunächst mal ist Raumfahrt überhaupt ein hoch riskantes Unternehmen. Immer", betont Tilman Spohn. "Man muss immer damit rechnen, dass etwas schiefgeht. Das ist immer so, wenn man in unbekanntes Terrain stößt, Dinge macht, die noch keiner gemacht hat, dann geht es halt auch mal schief."

Tilman Spohn hat das selbst erlebt. 2018 ist die US-Sonde "InSight" auf dem Mars gelandet – an Bord eine Art Maulwurf, der sich bis zu fünf Meter in die Tiefe bohren sollte, um die Wärmeleitfähigkeit des Bodens zu messen. Das hätte viel über den inneren Aufbau verraten. Doch trotz jahrelanger Bemühungen kam die Messsonde nicht tiefer als 40 Zentimeter. Nun misst sie dort den Temperaturverlauf. Das Seismometer der Sonde registriert die Beben auf dem Planeten, die einen Blick ins Innere erlauben. Die große Frage ist, ob er wirklich einen flüssigen Eisenkern hat, genau wie die Erde. Und weil das Leben auf dem Mars so schwer zu fassen ist, suchen viele Missionen erst einmal den Stoff, der Leben überhaupt ermöglicht: Wasser.

"Das Wasser auf dem Mars hat eine vielfältige Rolle", erklärt Spohn. "Zunächst einmal darf man davon ausgehen, dass Wasser dort ist, allerdings normalerweise nicht in flüssiger Form. Wir wissen, dass das Wasser als Eis an den Polkappen vorhanden ist. Wir wissen, dass Eis in den Gebieten nahe den Polen als Permafrost im Boden sitzt."

"Wir wissen, dass es auf dem Mars Seen gab"

Es gibt heute keine Pfützen, Flüsse oder Seen auf der Oberfläche. Aber im Boden steckt offenbar jede Menge Wasser in Form von Eis.

"Es könnte durchaus sein, dass in Tiefen von einigen Metern dann auch flüssiges Wasser im Boden sitzt. Und dann kann man natürlich auch weiter spekulieren. Wir wissen von der Erde, dass in einigen Metern Tiefe Mikroben lustig vor sich hinleben. Prinzipiell ist das auch denkbar, dass das auf dem Mars so ist. Dass wenn das Leben dort mal entstanden ist an der Oberfläche, dann kann es sich auch prinzipiell zumindest in die größeren Tiefen wieder zurückgezogen haben."

Auch auf der Erde gibt es Mikroben an den widrigsten Orten – tief im Gestein, im Polareis oder in brodelnden Vulkankratern. Leben ist zäh. Nahe dem Marssüdpol gibt es kilometertief unter dem Eispanzer noch heute eine Art Gletschersee. Womöglich sind vor einigen Milliarden Jahren Mikroben auf dem Mars entstanden, die nun im Boden stecken. Die Spuren des einstigen Wassers sind in der Landschaft des Planeten nicht zu übersehen.

"Wir wissen, dass es auf dem Mars Seen gab. Wir sehen ausgetrocknete Flusstäler. Wir wissen, dass es mal Flüsse gegeben hat. Die Debatte geht nicht darum, dass es die gegeben hat. Die Debatte geht ja darum, wie war das in der Entwicklung einzuordnen? Gab es diese Flüsse für lange Zeit oder sind die mal entstanden und waren dann geologisch gesehen relativ schnell wieder weg? Da sind die Geologen, glaube ich, heute noch sehr am Streiten, wie das im Einzelnen gewesen ist."

Die Erosionsspuren zeigen aber: Mars war niemals ein blauer Planet wie die Erde, über den Milliarden Jahre ganze Ozeane geschwappt sind.

Die Mär von den Marskanälen

Das sahen die Astronomen einst anders: Um das Wasser rankt sich eine der skurrilsten Begebenheiten in der Geschichte der Marsforschung.

"Erst dachte ich, mein müdes Auge spielt mir einen Streich. Aber dann wurde mir klar, dass ich wirklich Linien auf der Marsoberfläche sehe. Dort gibt es lange, parallel verlaufende Canali."

Giovanni Schiaparelli, Direktor der Sternwarte in Mailand, hatte ab 1877 den Planeten intensiv beobachtet. Er sah nicht nur die leicht erkennbaren weißen Polkappen und dunklen Oberflächenmerkmale, sondern auch ein ganzes Netz merkwürdiger Linien. Sofort sahen viele darin ein Kanalsystem, mit dem eine dürstende Zivilisation Wasser aus den Polargebieten in gemäßigte Breiten leitet. Die Mär von den Marskanälen hielt sich jahrzehntelang – und kursierte auch noch 1938 bei der Ausstrahlung des "Kriegs der Welten".

"Jedenfalls nicht Kanäle, Mr. Philipps. Das kann ich Ihnen versichern. Obwohl das die populäre Meinung derjenigen ist, die sich einbilden, dass der Mars bewohnt sei. Vom wissenschaftlichen Standpunkt sind diese Streifen lediglich die Folge der besonderen atmosphärischen Bedingungen dieses Planeten." – "Sind Sie also als Wissenschaftler überzeugt, dass es auf Mars intelligentes Leben, wie wir es kenne, nicht gibt?" – "Ich würde sagen, die Chancen stehen 1000 zu 1 dagegen."

Die Suche nach dem Leben mit robotischen Sonden ist äußerst schwierig und führt nicht unbedingt zu klaren Ergebnissen. Viel besser wäre es, wenn nicht ein rollendes Minilabor zum Mars käme, sondern der Mars ins Großlabor – auf der Erde.

"Wir sind überzeugt davon, dass wir Proben von Marsgestein als Meteoriten auf der Erde haben. Aber dort welche zu holen und zurückzubringen, ist halt noch nicht gelungen und wird auch immer so ein bisschen vor sich hergeschoben."

Blau behandschuhte Hände halten einen Gesteinsbrocken in die Kamera. (picture alliance / ROLAND SCHLAGER / APA / picturedesk.com)Der Marsmeteorit Tissint lagert im Naturhistorischen Museum Wien. (picture alliance / ROLAND SCHLAGER / APA / picturedesk.com)

Mehr als 100 Meteoriten, die auf die Erde gestürzt sind, stammen vom Mars. Das verraten winzige Gaseinschlüsse im Gestein – sie sind chemisch wie die Marsatmosphäre zusammengesetzt. Doch bei den Meteoriten ist zum einen immer unklar, aus welcher Gegend auf dem Mars sie stammen. Zum anderen verändert sich das Material beim Sturz durch die Atmosphäre und das lange Liegen auf der Erde. Daher hofft Tilman Spohn auf eine Sample Return Mission – den Rücktransport von Proben zur Erde:

"Man muss halt auch sagen, das ist technologisch herausfordernd und wir hoffen natürlich sehr, dass hier die NASA zusammen mit der ESA das machen wird. Die wird auch einen Rover schicken, der sollte schon gelandet sein, aber der kommt jetzt zwei Jahre später als ursprünglich geplant, dann werden die halt im Tandem das schon schaffen. Also Proben zurückzubringen, da sind wir alle ganz, ganz interessiert dran."

Das ganz große Ziel: Menschen auf den Mars bringen

Auch Thomas Zurbuchen fiebert dem gemeinsamen Projekt entgegen. Als Kind hat er in einem Schweizer Bergdorf erstmals den Mars wahrgenommen. Heute ist er Wissenschaftsdirektor der NASA:

"Das ist der erste Schritt einer Mission, die Samples, Steinproben zurückbringt auf die Erde. Das wäre der erste Rundflug auf den Planeten und zurück. Also, wir werden mit einer Rakete auf dem Mars abheben und dann zurück auf die Erde kommen."

Die Proben auf dem Mars einzusammeln und zu deponieren soll schon in den nächsten Jahren geschehen. Doch wann genau die Rückholung zur Erde erfolgt, ist nicht klar. Frühestens Anfang der 30er-Jahre bekommen Forscherinnen und Forscher in aller Welt die ersehnten Stücke auf den Tisch. Ein Jahrhundert nach der dystopischen Invasion von Orson Welles.

"Meine Damen und Herren, ich habe eine ernste Durchsage zu machen: So unglaublich es klingen mag, die Beobachtungen der Wissenschaftlichen führen zu der unausweichlichen Annahme, dass jene seltsamen Wesen, die heute Abend in New Jersey in den USA landeten, die Vorhut einer Invasionsarmee sind, einer Invasionsarmee vom Planeten Mars."

Entsprechend wäre ein Raumschiff, das Proben vom Mars zur Erde bringt, nur eine Art Vorhut für das ganz große Ziel der Marsforschung: Wenn es keine intelligenten Wesen vor Ort gibt, muss man sie eben hinschicken...

"Was auch richtig ist, dass ein Astronaut dort oben halt nach wie vor sehr viel effektiver Dinge machen kann als wir hier mit unserer Robotik von der Erde", sagt Tilman Spohn. "Wir haben jetzt zwei Jahre mit unserem Instrument versucht, den Maulwurf dazu zu überreden, in den Boden einzudringen. Wenn ein Astronaut dort gewesen wäre, hätte man das in wenigen Tagen gemacht."

Noch ist das Risiko zu groß

Und mit einem robotischen Instrument wird sich nie ganz klären lassen, ob biologische Aktivitäten womöglich nur auf irdische Verunreinigungen in den Experimentieranlagen zurückgehen. Mit Menschen vor Ort wäre die Frage nach dem Leben wohl recht schnell zu beantworten.

"Dem stehen natürlich immer das hohe Risiko bemannter Raumfahrt entgegen und damit natürlich auch die Kosten. Denn die Kosten sind im Prinzip das Vermeiden von Risiko. Es ist halt was anderes, ob ein Instrument verloren geht oder ob ein Mensch verloren geht. Und da sind wir, Gott sei Dank, sehr viel risikobewusster und verlangen sehr viel höhere Sicherheiten, wenn man Astronauten dort hinschickt. Und das bedeutet, es kostet mehr."

Über die Faszination Mars haben wir auch mit der Astronautin Insa Thiele-Eich gesprochen. Das Interview hier zum Nachhören: 

Von der bemannten Mission hat schon Wernher von Braun geträumt, der Initiator der Apollo-Flüge. Nach dem gewonnenen Wettlauf zum Mond wollte er zügig Astronauten zum Mars fliegen lassen. Aber so ein Unternehmen hätte Unsummen verschlungen.

Immer wieder taucht der Mars als Raumfahrtziel auf, ohne dass gesagt wird, wer die horrenden Kosten von Zigmilliarden aufbringen soll. Und auch technisch gibt es ungelöste Probleme, wie Thomas Zurbuchen erklärt.

"Das erste ist: absolut präzise landen. Was wir tun wollen, ist, wir wollen die ganze Nahrung und alle Häuser – oder was auch immer das dann sein wird – platzieren. Dann wollen wir dort mit Menschen landen und eben zurückgehen, wenn die Erde und der Mars genau im richtigen Verhältnis zueinander sind. Diese Präzisionslandungen und die schweren Landungen, das müssen wir zuerst lernen, das sind die größten Schritte."

Der Mond als Übungsgelände

Eine Reise zum Mars dauert mindestens ein halbes Jahr. Zudem besteht nur alle zwei Jahre die Möglichkeit zum Hin- oder Rückflug. Dann sind Mars und Erde "nur" 60 bis 100 Millionen Kilometer entfernt und nicht bis zu 400 Millionen wie in den Zwischenjahren. Bis heute ist völlig unklar, ob Menschen die Belastung aushalten. Auch die Kommunikation mit der Erde wird schwierig: Einzelne Botschaften brauchen bis zu 20 Minuten – pro Weg. Echte Gespräche mit der Heimat sind kaum möglich.

Thomas Zurbuchen und die NASA setzen auf ein gemeinsames Mars-Abenteuer möglichst vieler Raumfahrtnationen – und darauf, erst einmal am Mond zu üben. Denn seit den Apollo-Flügen vor einem halben Jahrhundert hat kein Mensch mehr die Erdumlaufbahn verlassen – in den Tiefen des Weltraums kennt sich niemand mehr aus.



Einer, der keine Zweifel an seinen Marszielen aufkommen lässt und der technische Hürden einfach beiseite wischt, ist Elon Musk. Seine Firma SpaceX verdient ihr Geld vor allem mit Flügen für die NASA – etwa beim Transport von Mensch und Material zur Raumstation ISS oder von Satelliten ins All. Die Falcon-Raketen sind im Dauereinsatz. Doch die Umlaufbahn ist ihm längst nicht mehr genug.

Wir könnten noch zu unseren Lebzeiten zum Planeten Mars reisen, beschwört er gern sein Publikum. Die Menschheit stehe am Scheideweg:

"Die eine Möglichkeit ist: Wir bleiben für immer auf der Erde. Dann kommt irgendwann eine Katastrophe und löscht uns aus. Die Alternative ist, eine Weltraum-reisende Zivilisation und multiplanetare Spezies zu werden. Ich hoffe, ihr stimmt mir zu, dass das der richtige Weg ist."

Vielen gilt Musk als eine Mischung aus Guru und Wernher von Braun. Vordenker und genialer Chefkonstrukteur des "New Space", des "neuen Weltraums" – immer auch nah am Wahnsinn und ohne große Skrupel. Beim Mars soll es ganz schnell gehen.

"Im Jahr 2024 wollen wir mit vier Raumschiffen zum Mars fliegen, zwei haben Material, zwei Menschen an Bord. Wir suchen die beste Quelle für Wasser auf dem Planeten und bauen dort eine Treibstofffabrik. Dann kommen immer weitere Starships und wir bauen eine Stadt und machen sie größer und größer."

Während Elon Musk das sagt, flimmern Animationen über eine Leinwand. Reihenweise landen Raumschiffe auf dem roten Planeten, in der Geröllwüste tummeln sich fröhliche Menschen. Bis 2050 setzt er auf den Umzug von rund einer Million Menschen.

"Mit der Zeit machen wir aus Mars eine zweite Erde, einen Platz, an dem man sich richtig wohlfühlt."

Aus dem Mars eine zweite Erde formen

Terraforming ist das Zauberwort mancher Mars-Fans. Unser Nachbarplanet soll mit der Zeit eine dichtere Atmosphäre und angenehmere Bedingungen bekommen. Das Paradoxe: Wer aus dem Wüstenplaneten eine zweite Erde bauen könnte, der könnte mit derselben Technik noch viel leichter eine fast zerstörte Erde wieder in einen idyllischen Ort verwandeln.

Manche Idee wird ein Gespinst bleiben. Auch Elon Musk hat weder ein Raumschiff mit Platz für hundert Personen noch die passende Rakete. Und wollen überhaupt viele Menschen auf den Mars? NASA-Wissenschaftsdirektor Thomas Zurbuchen zumindest setzt auf klassische Expeditionen, um die große Frage nach dem Leben zu klären:

"Was wir in den letzten paar hundert Jahren gelernt haben, ist, dass wir im Universum viel weniger wichtig sind, als wir dachten. Zuerst waren wir auf diesem Planeten im Zentrum des Universums und jetzt sind wir irgendwie ganz außen in einer Galaxie, so ganz außen dort bei einem Stern, der ganz mittelmäßig ist. Und es gibt Tausende Milliarden ähnlicher Planeten. Ja, es ist der einzige Ort im ganzen Universum hier, wo wir wirklich Leben entdeckt haben. Aber warum ist das so? Einfach weil wir nicht wissen, wie wir Leben entdecken sollen. Ich habe wirklich das Gefühl, dass das viele von uns denken, dass das Leben dort ist. Wir müssen es einfach finden!"

Vielleicht finden sich tatsächlich Mikroben einige Meter tief im Marsboden, nahe an den Wasserschichten des roten Planeten.

"Undeutlich und wunderbar ist die Vision"

Im "Krieg der Welten" – geschrieben 1898 – werden die eindringenden Marsianer übrigens nicht vom Militär besiegt, sondern von irdischen Krankheitskeimen. Wenn Autor H.G. Wells gewusst hätte, was heute auf der Erde los ist... Und geht es irgendwann den Erdlingen auf dem Mars ganz ähnlich?

Jedenfalls wird die Neugierde die Menschen weiter antreiben, nach Leben außerhalb der Erde zu suchen. Heute wie damals.

"Bevor die stählernen Objekte landeten, war man davon überzeugt, dass durch alle Tiefen des Weltraums außerhalb der kleinen Oberfläche unseres winzigen Globus kein Leben existiere. Jetzt sehen wir weiter. Undeutlich und wunderbar ist die Vision, die sich in meinem Geist entwickelt, wie das Leben sich langsam von diesem kleinen Saatbeet des Sonnensystems durch die ganze unermessliche Weite des gestirnten Raumes ausbreitet."

Mitwirkende
Autor: Dirk Lorenzen
Sprecherin und Sprecher: Frauke Poolmann, Ulrich Lipka, Markus Scheumann, Dirk Lorenzen, Klaus Michael Klingsporn
Sprecher des Hörspiels "Krieg der Welten": Jürgen Thormann, Christian Brückner, Dieter Thoma, Lothar Dombrowski
Regie: Klaus-Michael Klingsporn
Technik: Andreas Stoffels
Redaktion: Martin Mair
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Ein Kind schreit in ein Mikrofon hinein. (Unsplash / Jason Rosewell)

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